Mit der galoppierenden Inflation hat sich der Trend gedreht, die Verbraucher sparen – und greifen verstärkt zu den Eigenmarken der Discounter, die längst auf den Zug aufgesprungen sind. Was bedeutet das aber für die Erzeuger?
Bio-Landwirte sind immer noch „Exoten“
Sophie Rimmele ist eine von relativ wenigen Landwirten im Kreis Ludwigsburg, die den Umstieg gewagt haben. Laut Florian Petschl, Landwirt aus Marbach und stellvertretender Vorsitzender des Bauernverbands Heilbronn-Ludwigsburg, gehört sie immer noch zu den „absoluten Exoten“. In vielen Kommunen in der Region gebe es niemanden, der seine Äcker so bewirtschafte. Nach Zahlen des Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft waren in Deutschland im vergangenen Jahr rund 14 Prozent aller Agrarbetriebe ökologisch ausgerichtet.
Im Grunde habe sie selbst nur noch Bioprodukte gekauft. Dann die eigenen weiterhin konventionell herzustellen, das ergab keinen Sinn mehr, begründet Sophie Rimmele ihre Entscheidung. Dass inzwischen die eigenen Kinder auf dem Hof in Großbottwar spielen – einem „klassischen Betrieb mit Acker- und Weinbau, früher auch Viehhaltung“ – war ein weiterer Grund umzustellen.
Drei Jahre Umstellungszeit – erst dann ist auch wirklich „Bio“ drin
Einen größeren Aufwand betreiben Rimmele und ihr Vater Martin Ziegler, mit dem sie das Hofgut Loh bewirtschaftet, nun aber zwangsläufig. Beim Weinbau seien die Umstellungen überschaubar, weil die Familie im Wingert schon länger hohe ökologische Standards angewandt hatte. Auf dem Acker waren die Einschnitte größer.
Die Fruchtfolge ist vielfältiger, statt mit mineralischem Dünger wird mit Mist – auch der muss Bio sein – gedüngt. Weil die Familie keine Kühe mehr selbst hält, kommt der Dünger von einem Hof aus Völkleshofen (Rems-Murr-Kreis). Der bekommt im Gegenzug Futtergras. Statt Unkraut wegzuspritzen, wird der Boden maschinell so bearbeitet, dass möglichst nur das wächst, was wachsen soll. Dazu musste die Familie auch neues Gerät anschaffen. „Teils hatten wir nicht auf dem Schirm, was wir alles brauchen“, sagt Ziegler. Einen mittleren fünfstelligen Betrag haben die gebrauchten Maschinen gekostet. Als Bioprodukte verkaufen darf die Familie ihre Erzeugnisse aber erst nach einer Umstellungszeit von drei Jahren. Dabei geholfen, im Bioland Fuß zu fassen, hätten die Berater des gleichnamigen Anbauverbands. Auch sei der Austausch mit anderen Biobauern aus dem Bottwartal gut und hilfreich. „Man probiert viel aus, aber man muss nicht alles selbst ausprobieren“, sagt Ziegler.
Wie wird Bio kontrolliert?
Dass das, was er und Sophie Rimmele verkaufen, auch wirklich Bioqualität hat, wird streng kontrolliert. Einmal im Jahr wird der Betrieb durchleuchtet. Vor allem alles lückenlos zu dokumentieren, sei „ein krasser Aufwand“, sagt die 31-Jährige. Im Grunde gehe es darum sicherzustellen, dass „nichts Konventionelles“ in den Betrieb eindringe. Dass die Kontrollen so streng sind, könne sie nachvollziehen, schließlich müsse sich der Verbraucher darauf verlassen können.
Finanziell hat sich für den Betrieb bisher kaum etwas geändert. „Wie es im kommenden Jahr wird, werden wir sehen“, sagt Rimmele. Ihre Erzeugnisse verkauft sie an die Regionale Bioland Erzeugergemeinschaft. Die Preise, die ihr dort gezahlt werden, seien „keine Spitzenpreise, aber fair“. Zwei Familien könnten aber eigentlich nicht vom Hof allein leben, so Rimmele, deren Mann Paul als Schreiner arbeitet.
Wenn Betriebe Investitionen tätigen würden und nach drei Jahren feststellen müssten, dass der Gewinn ausbleibt, sei das „traurig“, sagt Florian Petschl. Er kennt einige, die zwar nicht unzufrieden sind, aber nachrechnen, ob sich nicht die Rolle rückwärts lohne. Aus seiner Sicht ist das auch eine Folge verfehlter Subventionspolitik. Die Nachfrage sei jedenfalls nicht in dem Maß gestiegen, wie das „Angebot gepusht wurde“.
Muss die Förderung umgestellt werden?
Die Förderungen müssten nun so angepasst werden, dass vor allem diejenigen dabei bleiben können, die schon auf Bio umgestellt haben – und denen nun der Markt weggebrochen ist. Dass das so kam, sei auch dem geschuldet, dass die Discounter das Segment für sich entdeckt hätten und auf den Markt drängen. „Häufig findet man dort Produkte mit dem Label EU-Bio“, sagt Petschl. Dabei seien die Richtlinien in Deutschland häufig strenger, zudem werde der CO2-Abdruck nicht berücksichtigt. Weil im Ausland deutlich niedrigere Löhne gezahlt würden, seien die Spottpreise überhaupt erst möglich. Petschl appelliert deshalb an die Verbraucher, in erster Linie auf das Herstellungsland Deutschland zu achten.
Viele Landwirte in der Region seien bereit, etwas zu ändern. Sei es die Umstellung auf ökologischen Anbau oder auch die Direktvermarktung. Die hat auch Sophie Rimmele für sich entdeckt. Auf rund einem der fünf Hektar, auf denen Reben stehen, pflanzt sie Trauben, die sie zu Essig macht. „Ich wollte nicht nur alles verkaufen, sondern auch sehen, was aus den Rohstoffen wird.“ Der Essig kommt bei der Kundschaft gut an – und auch sonst haben Vater und Tochter die Umstellung bisher nicht bereut, sagen sie.
Was ist eigentlich ökologisch und was nicht?
Hof
Das Hofgut Loh in Großbottwar, Im Loh 3, wird in zweiter und dritter Generation von Sophie Rimmele und ihrem Vater Martin Ziegler und ihren Familien bewirtschaftet. Neben Acker- (70 Hektar) und Weinbau (15) gehören auch Streuobstwiesen (5) dazu. Mehr Infos: www.hofgut-loh.de
Was ist eigentlich Bio?
Ziel im Öko-Landbau ist ein möglichst geschlossener Kreislauf. Das heißt: Ackerbau und Viehhaltung sind aneinander gekoppelt. Auf Ackerflächen werden neben Früchten zum Verkauf auch Futterpflanzen für die Tiere erzeugt. In Betrieben ohne Viehhaltung muss dies durch eine entsprechende Fruchtfolge ausgeglichen werden. Auch dort wird ein geschlossener Nährstoffkreislauf angestrebt. Gentechnik und chemische Pflanzenschutzmittel sind verboten. Weitergehende Infos, auch zum Thema Bio in Baden-Württemberg: www.oekolandbau.de