Zwanzig Minuten mit Maria kosten fünfzig Euro. Maria (alle Namen geändert) arbeitet als Prostituierte in der Stuttgarter Innenstadt in einem Laufhaus, dem Dreifarbenhaus. An einem Ort also, an dem sie Tag für Tag ein Zimmer mietet. Dort empfängt sie ihre Kunden, die für Sex bezahlen, wieder verschwinden – und meistens hoffen, dass sie beim Verlassen des Hauses von niemandem gesehen werden. Eine Polizeistreife hat Maria gerade direkt von ihrem Arbeitsplatz weggeholt. Vorgeführt heißt das im Justizjargon. Maria ist also nicht freiwillig zu der Gerichtsverhandlung gekommen, zu der sie als Zeugin geladen wurde.
Dass es irgendjemanden interessieren könnte, wie es ihr bei ihrer Tätigkeit ergeht, ist der 35-Jährigen offensichtlich ein sehr ferner Gedanke. Wer soll schon Interesse daran haben? 434 Prostituierte haben sich letztes Jahr in Stuttgart angemeldet. Das heißt aber nicht, dass alle auch in Stuttgart tätig sind. Und de facto dürften es wesentlich mehr Frauen sein, die ihre Körper in den offiziell genehmigten Bordellen, Laufhäusern, aber auch in illegalen Terminwohnungen oder in Hotelzimmern verkaufen.
Zeit ist Geld für Prostituierte
Maria hat drei Kinder, und man merkt ihr deutlich an, dass jede halbe Stunde, die sie auf dem Gerichtsflur warten muss oder im Gerichtssaal aussagt, für sie einen Verdienstausfall bedeutet. „Wer zahlt mein Geld?“, ruft sie irgendwann mit Verzweiflung in der Stimme. Zwischen 150 und 180 Euro liegt die tägliche Zimmermiete für die Frauen in der Regel. Ob noch jemand an den Einnahmen der Frauen partizipiert, tut hier nichts zur Sache. Deshalb fragt es auch keiner.
Ein bisschen füllig, die Beine in eine hautenge schwarze Kunststoffhose gezwängt, die Füßen in Turnschuhen, steht Maria nun also mit Verspätung im Gerichtssaal. Maria gegenüber sitzt die Kammer aus drei Berufs- und zwei Schöffenrichtern. Maria trägt eine blousonartige Jacke mit Kunstpelzkragen an der Kapuze. Das lange blond gefärbte Haar mit dunklem Ansatz hängt ihr wild über die Schultern. Sie sagt, sie wisse nichts. Könne sich an das Mädchen nicht erinnern. Das sagt sie radebrechend auf Deutsch. Den Rest ihrer Aussage wird die Dolmetscherin vom Bulgarischen ins Deutsche übersetzen. Es ist nicht ganz so leicht, Maria zu verstehen.
„Aber es geht doch um Sie“, erklärt der Vorsitzende Richter freundlich. Sie sei das Mädchen. Maria schaut in Richtung des Angeklagten, der rechts von ihr sitzt. „Ach, es geht um diesen Mann?“ Mit einem Mal versteht sie. Ihre Stimme klingt mädchenhafter, als es ihr Alter vermuten lassen würde. „Ja, es geht um Sie und den Mann“, sagt der Richter. Dem 31-Jährigen, den Fußschließen am Weglaufen hindern sollen, wirft die Staatsanwaltschaft versuchte Vergewaltigung, räuberischen Diebstahl und Körperverletzung vor. Ende September vergangenen Jahres, um zwei Uhr in der Nacht von Samstag auf Sonntag wurde er gegen Maria im Dreifarbenhaus gewalttätig. Jetzt scheint bei ihr der Groschen gefallen zu sein.
Maria antwortet auf die Fragen des Vorsitzenden Richters und gibt Einblicke in eine Welt, die sich gewöhnlich hinter verschlossenen Türen abspielt. „Ich saß in meinem Zimmer, der Mann hat gefragt, ob er reinkommen darf.“ Maria sagte ja. Zwanzig Minuten für fünfzig Euro, so der Deal. Sie will, dass er nach der vereinbarten Zeit wieder geht, aber er fühlt sich offensichtlich noch nicht befriedigt, will weitermachen, fordert schließlich sein Geld zurück. Er bedroht sie, sagt, sie werde sehen, was er mit ihr machen werde. „Dann hat er mir richtig eine geknallt.“ Marias Kopf prallte dabei an den Türrahmen, erinnert sie sich. „Ich hatte Schmerzen“. Drei Tage habe sie danach nicht mehr gearbeitet. Der Mann sei von Anfang an aggressiv gewesen. „Ich habe nicht viel mit ihm geredet. Ich wollte ihn nicht provozieren“, übersetzt die Dolmetscherin Marias Worte. „Als Frau habe ich gespürt, das war kein normaler Sex.“ Schmerzvoll sei es gewesen. An der Haaren habe er sie gepackt, grob sei er gewesen. Der Angreifer entkommt der sofort alarmierten Polizei. Die Geschäftsleitung des Dreifarbenhauses lässt eine Anfrage unbeantwortet, ob sie darüber nachdenke, angesichts des Falls ihr Sicherheitskonzept zu verbessern.
Frauen mit frühen Gewalterfahrungen
Wer sind die Frauen und Mädchen in den Bordellen und Terminwohnungen, die sich wie Maria der Gefahr aussetzen, Opfer gewalttätiger Freier zu werden? Warum gehen sie dieses Risiko ein? Warum prostituieren sie sich überhaupt? Julia Wege, Sozialwissenschaftlerin und Professorin an der Fachhochschule Ravensburg, kommt nach einer umfassenden Untersuchung aus dem Jahr 2021 zu einem eindeutigen Schluss: Es sind extrem vulnerable Frauen mit gebrochenen Biografien. Sie haben schon in ihrer Kindheit körperliche Gewalt, sexuelle Übergriffe, emotionale Vernachlässigung erlebt. „90 bis 95 Prozent der Frauen kommen aus sozial schwachen, bildungsfernen Milieus, haben meist Migrationshintergrund“, sagt Wege.
Maria gibt nicht viel Preis von ihrer Biografie. Die muss man sich eher zusammensetzen aus dem Wenigen, was sie sagt. Einen Beruf habe sie nicht erlernt, sagt sie, als der Richter sie danach fragt. Aber wie ihr dieser Zwischenfall vom vergangenen Herbst zugesetzt hat, ist spürbar. Der Satz „Er war dreckig zu mir“ drückt das Gefühl der Demütigung aus, das sie empfunden hat.
Die Gewalt gegen Prostituierte hat laut der baden-württembergischen Polizeistatistik 2024 mit 194 anzeigten Fällen um 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr zugenommen. Die meisten Fälle wurden in Stuttgart zur Anzeige gebracht: Es waren 63.
Offenbar hatten auch die Streifenbeamten, die in jener Nacht im Einsatz waren, das Gefühl, Maria gehe der Übergriff nach. Ein paar Tage später schauen sie bei einer ihrer Streifenfahrten, wie es Maria geht, und geben ihr noch die Adresse einer Beratungsstelle für Frauen wie sie. Ihre Einsätze führten sie ohnehin regelmäßig zum Dreifarbenhaus, sagen sie vor Gericht.
Freier sind im Schnitt 45 Jahre alt
Wer sind die Freier, an die Maria und ihre Kolleginnen geraten? Laut einer Freierbefragung, die die Sozialarbeiterin Kerstin Neuhaus gemacht hat, liegt ihr Durchschnittsalter bei 45 Jahren. Sie kommen aus allen Gesellschaftsschichten. 56 Prozent sind verheiratet oder leben in einer Beziehung. Es sind Menschen wie Pierre, für den es bei dieser Gerichtsverhandlung um alles geht. Wenn der psychiatrische Gutachter den in Kamerun geborenen, seit langen Jahren in Deutschland lebenden Mann wegen einer psychischen Störung als gefährlich einstuft, kann er in einer Psychiatrie untergebracht werden. Dort lebte er bereits in den letzten fünf Monaten. Zuvor hat er drei Mal ein Studium begonnen und abgebrochen, gejobbt oder finanzielle Unterstützung von seinem Vater bekommen. Alle in der Familie haben gute Jobs. Von „paranoider Schizophrenie“ spricht die Staatsanwaltschaft in dem Unterbringungsverfahren. Mit Medikamenten, so Pierre Vater, sei er der liebste Mensch, ohne aber nicht wiederzuerkennen.
Seine Medikamente, so belegen die Aussagen der Zeugen, hat Pierre offensichtlich die Monate vor der Tat nicht genommen. Dafür konsumierte regelmäßig Cannabis. Seit er acht Jahre alt ist, kifft Pierre. „An das Mädchen kann ich mich gar nicht erinnern. Aber dass wir Sex hatten, das schon“, sagt er. Es tue ihm sehr leid.
Hämatome und Kratzer
Einen Monat nach dem Vorfall im Dreifarbenhaus wurde Pierre ein weiteres Mal gewalttätig. Diesmal in einem Laufhaus in der Leonhardstraße, dem Girls, Girls, Girls. An das, was geschehen ist, kann er sich nicht erinnern. „Der Vorfall ist mir ein Rätsel. Ich war besoffen“, sagt er. Jener Vorfall, der sich um 00:44 Uhr zugetragen hat, hat ebenso wie schon bei Maria Nachwirkungen bei Victoria, seinem nächsten Opfer. Die 23-Jährige spricht mal rudimentäres Deutsch, mal Bulgarisch, das für die Roma aber auch nicht ihre Muttersprache zu sein scheint. Im Gerichtssaal vermeidet sie, den Angeklagten anzuschauen. Als sie in der fraglichen Nacht vor ihm kniete, sah sie ihn im Spiegel, wie er das Kondom abstreifte. Sofort brach sie ab. Sie habe nicht krank werden wollen. „Ich bin dann sofort weg. Er hat versucht, mich festzuhalten, wollte weitermachen“. An den Armen habe er sie festgehalten und ganz arg gedrückt, wollte seine 50 Euro zurück und offenbar auch noch 50 Euro, die bei Victoria neben seinem Geld lagen. An den Oberarmen trug Victoria Kratzer und Hämatome davon. Sie weint jetzt, hält die Szene, die sie gerade erinnert, offenbar nicht mehr aus.
Laut einer Studie des Bundesfamilienministeriums aus dem Jahr 2004 sind Frauen in der Prostitution überdurchschnittlich oft von psychischen Problemen wie Panikattacken und Depression betroffen.
Victoria muss kurz unterbrechen, verlässt den Gerichtssaal. Wie Maria ist sie Mutter und in Sorge. Was, wenn sie Pierre wieder auf der Straße trifft? Sie hat ganz offenbar Angst. Das Gericht lässt ihr Zeit, sich wieder zu fassen. Als sie zurückkommt, bricht es aus ihr heraus. „Ich fühle mich bis heute unwohl und benutzt.“ Das ist mehr als nur körperlicher Schmerz. „Es gibt niemanden, der uns schützt. Da bekommt man Angst.“
Lücke zwischen Alarm und Hilfe
Damals kam ihr der Wirtschafter des Laufhauses zu Hilfe. Sie nennt ihn Chef. Sie hat auf den Alarmknopf in ihrem winzigen Zimmer gedrückt. Pitbullmäßig sei Victoria da bereits auf den Mann losgegangen, berichtet der Wirtschafter. Üblicherweise brauchen die Frauen Wechselgeld oder ein Kondom, berichtet er dem Gericht. Der Angreifer sei „schon extrem von der Gewaltbereitschaft her“ gewesen. Die Videoaufzeichnung zeigt, wie sich der Wirtschafter Victorias Zimmer nähert. Die Bilder zeigen die fast nackte Frau und eine ebenso spärlich bekleidete Frau, die mit einem Schrubber auf den Angreifer losgeht. Der Chef wählt die 110. Der Pächter des Girls Girls Girls sagt, er wisse nicht, wie er die Sicherheit der Frauen verbessern könne. Zwischen Alarm und Hilfe blieben immer ein paar Sekunden.
Pierre weiß von all dem nichts mehr, wird eine Stunde später in der Wohnung seines Vaters verhaftet. Die Polizei muss ihn wecken. So richtig wacht er erst wieder in der Polizeizelle aus seinem Rausch auf. Victoria arbeitet in dieser Nacht nicht mehr weiter. Pierre sei für seine Taten nicht schuldfähig gewesen, verkündet die Kammer nach drei Verhandlungstagen. Aber seine psychische Störung sei nicht so schwer, dass er in der geschlossenen Psychiatrie untergebracht werden müsse. Pierre ist wieder ein freier Mann. Maria und Victoria schaffen weiter an. Die Gewalt, die sie erfahren haben, bleibt ungesühnt. Ihr Leben bleibt weiter gefährlich.