Boris Palmer und die Bahn-Werbekampagne Grüner Frust in Tübingen

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Die Parteibasis ärgert sich über Boris Palmer. Der wiederum fühlt sich missverstanden und kündigt Abstinenz von Facebook an.

Eine Facebook-Pause hat sich Boris Palmer nach dem Streit um die Bahn-Werbung verordnet. „Bis zur Kommunalwahl werde ich  nichts mehr posten“, hat er am Mittwochmittag unserer Zeitung gesagt. Foto: dpa
Eine Facebook-Pause hat sich Boris Palmer nach dem Streit um die Bahn-Werbung verordnet. „Bis zur Kommunalwahl werde ich nichts mehr posten“, hat er am Mittwochmittag unserer Zeitung gesagt. Foto: dpa

Tübingen - Zerknirscht hält Boris Palmer auf dem Tübinger Marktplatz inne. „Ich habe den üblichen Shitstorm erwartet“, sagt er, „aber dass ich einen nationalen Notstand auslöse, hätte ich nicht gedacht.“ Der grüne Oberbürgermeister ist an diesem Mittwochmittag auf dem Weg ins Rathausbüro, das Telefon steht nicht mehr still, auf Facebook wird Palmer mit Häme überschüttet. Mit seinem Facebookpost zur Bahn-Werbung, die Menschen mit unterschiedlicher Hautfarbe zeigt, hat er eine Debatte ausgelöst, die sogar ihn überfordert. „Ich muss hinkriegen, besser zu zielen“, sagt Palmer selbstkritisch, er habe über falsch verstandene linke Identitätspolitik nachdenken wollen, und jetzt werde nur noch auf ihn eingeprügelt.

„Ich stehe zu meinem Inhalten“, sagt Palmer, aber er habe so viel Ärger mit der grünen Basis, dass er sich zur Zurückhaltung in den sozialen Medien entschlossen habe. „Von null Uhr an bis zur Kommunalwahl werde ich nichts mehr posten“, kündigt Palmer an und hat es dann ziemlich eilig. Er verschwindet zwischen den Ständen des Wochenmarktes, bis zum Rathaus sind es nur wenige Schritte.

In Tübingen kommt Palmers Post schlecht an

In Tübingen ist das Unverständnis über Palmers Kritik an der Multi-Kulti-Werbekampagne groß. „Warum zündelt Palmer grundlos“, fragt sich Hansjörg Apfel, „er ist kein Rassist, er sollte sich anders benehmen.“ Der 74-jährige Tübinger mit SPD-Parteibuch schlendert über den Wochenmarkt, er gibt zu, den Grünen gewählt zu haben. „Palmer ist trotz allem mein OB“, sagt Apfel versöhnlich, er sollte sich aber ganz aus Facebook raushalten.

Gut informiert darüber, wie die Stadt tickt, ist Gerhard Kehrer, Gärtnermeister und CDU-Gemeinderat. „Das war eine Dummheit“, sagt er und verkauft nebenher Spargel. „Der sucht auf der rechten Seite Wähler, die er bei den Grünen nicht kriegt.“ Damit wolle er sich abheben innerhalb seiner Partei, getrieben von einer Öffentlichkeitssucht. „Er will kein Böser sein“, urteilt Kehrer, aber Schaden richte er dennoch an. Auch Rudi Hurlebaus, Fraktionschef der CDU im Gemeinderat, ist fassungslos. „Wir leben in Deutschland in einer multikulturellen Gesellschaft, da muss man vieles tolerieren.“ Palmer habe das wohl nicht begriffen. Hurlebaus hält Palmers Äußerungen für diffamierend. In der CDU sei der OB mit seinen Ansichten nicht willkommen. „Palmer will den äußersten rechten Rand abdecken, das will die CDU nicht.“

Palmer gefährde den Wahlkampf, sagt der Abgeordnete Chris Kühn

Verärgert über Palmer geht der Tübinger Stadtverband der Grünen auf Facebook auf Distanz. Die Fraktion setze sich für Gleichberechtigung in der Gesellschaft ein. „Wir als AL/Grüne stehen auf gegen Diskriminierung und Rassismus.“ Deutliche Worte findet der Tübinger Grünen-Bundestagsabgeordnete Chris Kühn. „Palmer gefährdet den Kommunal- und Europawahlkampf.“ Der Frust innerhalb der Grünen sei enorm, die Debatten, die er lostrete, nerve nicht nur die Basis. „Wenn ihm Gauland applaudiert, kann er nicht alles richtig gemacht haben“, sagt Kühn und spielt auf die Reaktion des Vorsitzenden der AfD-Fraktion im Bundestag an, der Palmer als „letzte Stimme der Vernunft“ bei den Grünen bezeichnet. Auf Dauer sei Palmer für die Partei ein Riesenproblem, sagt Kühn.