Boris Palmer und die Bahn-Werbekampagne Lieber Herr Palmer, ich bin es überdrüssig

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Boris Palmer bewegt mit seiner Kritik an einer Bahn-Werbekampagne wieder einmal die Republik. Unsere Redakteurin Violetta Hagen ist der Provokationen des Tübinger Oberbürgermeisters müde – wie sie in einem Brief an den Grünen-Politiker schreibt.

Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer Foto: dpa
Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer Foto: dpa

Stuttgart - Lieber Herr Palmer, als Sie am Dienstagmittag in die Tasten griffen, war Ihnen vollkommen klar, was sich bald darauf auf Ihrer Facebook-Seite abspielen würde. „Der Shitstorm wird nicht vermeidbar sein“, setzten Sie Ihrer Kritik an der Werbekampagne der Deutschen Bahn voraus. Die Werbeträger der Bahn, monierten Sie dann, spiegele nicht die deutsche Gesellschaft wider. Es kam wie vorhergesagt: Knapp 5000 Kommentare erntete Ihr Post in den folgenden 24 Stunden. Bundesweite Berichterstattung, Stellungnahmen der Deutschen Bahn und empörter Prominenz folgten.

Ich möchte Ihnen gerne unterstellen, dass es Ihnen um die Sache geht, Herr Palmer. Sie sind ein pragmatischer Politiker und haben in Ihrer Heimatstadt Tübingen Gestaltungskraft und Innovationsfreude bewiesen. Sie sind ein rhetorisch brillanter, hochintelligenter Mensch – das bezweifelt kaum jemand, der Sie aus der Nähe beobachtet hat. Doch offensichtlich, das wird in den letzten Jahren immer deutlicher, kommen all diese Vorzüge nicht ohne eklatante Schwächen.

„Sie können nicht mehr ohne die Aufmerksamkeit“

Wer Ihre Facebook-Einträge der letzten Monate beobachtet hat, kann nur zu zwei Schlüssen kommen: Entweder, Sie haben das Gespür dafür verloren, was Sie mit Ihren Beiträgen auslösen – können also dem Drang einfach nicht widerstehen, reflexhaft Alltagsbeobachtungen aus dem Tübinger Straßenverkehr und Nachtleben und der Sinnhaftigkeit der deutschen Flüchtlingspolitik sofort und ungefiltert mit der Welt zu teilen. Der andere Schluss unterstellt Ihnen Kalkül: Sie können einfach nicht mehr ohne die Aufmerksamkeit, die Ihre kontroversen Äußerungen hervorrufen. Dafür spricht neben Ihrer provokanten Themenauswahl einiges: Etwa die fast schon verbissene Hingabe, mit der Sie Ihren Facebook-Auftritt bespielen und dort nach eigenen Angaben oft mehrere Stunden am Tag verbringen. Dafür sprechen die regelmäßigen Interviews in großen Tageszeitungen und Fernsehsendungen, die Ihnen bundesweite Aufmerksamkeit bescheren – und sei es nur mit einem gepfefferten Hauptstadt-Bashing. Und nicht zuletzt spricht dafür Ihr hervorragendes politisches Gespür. Ich bin inzwischen überzeugt: Sie wissen genau, was Sie tun.

Aus diesem Grund beschäftige ich mich nicht mit dem Inhalt Ihres Beitrags. Er ist in diesem Falle belanglos, ja völlig beliebig. Er folgt einem Muster des Aufregungsmanagements, das Sie in den letzten Jahren perfektioniert haben: Auf die gezielte Provokation folgt die wortreiche Rechtfertigung, die Abrechnung mit den Gegnern, gerne auch noch die ellenlange pseudo-wissenschaftliche Abhandlung, während die Aufmerksamkeitswelle Sie in immer neue Höhen trägt. Doch mit jedem Mal wird man dieses Provokationsmechanismus überdrüssiger. Das ist bedauerlich, weil Sie damit Ihre Reputation eines begabten, problemorientierten Kommunalpolitikers verspielen. Weil Ihr Wunsch nach immer mehr Aufmerksamkeit dazu führt, dass man Sie immer weniger ernst nimmt. Ihre Entscheidung, bis zur Kommunalwahl in Baden-Württemberg Ende Mai nichts mehr auf Facebook zu posten, stimmt mich immerhin vorsichtig hoffnungsvoll.

Mit freundlichen Grüßen,

Ihre Violetta Hagen