InterviewBoris Palmer und Hasnain Kazim auf Facebook „Das war irre anstrengend“

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Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer und der „Spiegel“-Journalist Hasnain Kazim haben für eine Woche ihre Facebook-Seiten getauscht. Im Interview ziehen sie eine sehr unterschiedliche Bilanz ihres Experiments.

Hasnain Kazim (l.) und Boris Palmer bei einem Treffen in Tübingen Foto: Screenshot Facebook Boris Palmer
Hasnain Kazim (l.) und Boris Palmer bei einem Treffen in Tübingen Foto: Screenshot Facebook Boris Palmer

Stuttgart - Eine Woche lang haben der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) und der „Spiegel“-Journalist Hasnain Kazim ihre Facebook-Seite getauscht. Die Intention dahinter: Die eigene Leserschaft mit einer anderen politischen Sicht zu konfrontieren. Das Experiment hat beide sehr nachdenklich gestimmt.

Herr Kazim, Herr Palmer, wie viel Zeit verbringen Sie am Tag auf Facebook?

Hasnain Kazim: Es gibt Tage, an denen ich nur mal kurz reinschaue, etwa wenn ich viel unterwegs bin. Aber ich denke, normalerweise komme ich auf etwa eine Stunde.

Boris Palmer: Als ich letzte Woche die Seite von Herrn Kazim übernommen habe, waren es vier bis fünf Stunden am Tag. Das war irre anstrengend. In der Woche habe ich 9000 Kommentare gelesen und 1000 selbst verfasst. Ansonsten richtet sich das nach meinem Terminkalender: Wenn ich wenig Zeit habe, ist es vielleicht nur eine Viertelstunde. Aber es gibt auch Tage, wenn etwa wieder ein Shitstorm über mich hereinbricht, da sind es auch mal drei oder vier Stunden.

Ziel Ihres Experiments war es, die sogenannte Facebook-Blase des anderen aufzumischen. Was verstehen Sie darunter?

Kazim: Ein Beispiel: Es kursierte auf Facebook eine Zeit lang die Nachricht, dass blonde Frauen in Schweden sich die Haare schwarz färben, damit sie nicht von Flüchtlingen belästigt werden. An dieser Meldung ist nichts dran. Aber es gibt auf Facebook diverse islamfeindliche Gruppen, in denen werden ständig solche Nachrichten verbreitet, und dort ist keiner, der das klarstellt. Die Leute glauben daran, und es verändert nach und nach ihr Weltbild.

Palmer: Ich habe zur Hälfte eine Leserschaft, die für einen Grünen-Politiker typisch ist, die andere Hälfte steht eher der AfD nahe. Das ist eine ungewöhnlich heterogene Gruppe. Aber die klassische Facebook-Blase entsteht durch die Algorithmen. Facebook zeigt vor allem das an, was wir schon einmal mit „Gefällt mir“ bewertet haben. Deswegen werden wir nur noch mit Personen und Nachrichten konfrontiert, die unsere Meinung bestätigen. So entstehen auf Dauer Parallelwelten. Das war das Großartige an unserem Experiment: Wir haben diese Abschottung kurzzeitig durchbrochen und uns einer Leserschaft gestellt, die mit unseren politischen Ansichten nicht übereinstimmt.

Mit welchen drei Worten würden Sie die Facebook-Blase des jeweils anderen beschreiben?

Kazim: Ich würde sagen, der aktivste Teil der Leserschaft von Herrn Palmer ist meinungsstark, unbelehrbar und borniert.

Palmer: Und Ihre ist linksvernagelt, migrationsfreundlich und diskussionsfreudig.

Was haben Sie sich im Vorfeld von dem Experiment erhofft?

Kazim: Ich hatte die Hoffnung, dass man ins Gespräch kommt. Ich weiß, dass viele Leute auf Herrn Palmers Seite mich nicht leiden können – allein schon, weil ich beim „Spiegel“ arbeite, weil ich dunkle Haut habe und Hasnain Kazim heiße. Ich hatte gehofft, dass diese Leute es positiv finden, wenn ich mich ihnen stelle. Und dass sie merken: So anders ist der gar nicht.

Palmer: Ich weiß, dass die Leserschaft von Herrn Kazim in der Migrationsfrage ganz anders denkt als ich. Ich hatte gehofft, ihnen während des Tauschs meine Sichtweise so darstellen zu können, dass sie verstanden und respektiert wird.

Wie ging es aus?

Kazim: Leider hat es nicht funktioniert. Das Ergebnis des Experiments ist aus meiner Sicht ein trauriges: Politische Diskussionen sind auf der Seite von Herrn Palmer nicht möglich. Stattdessen wurde ich teils rassistisch beleidigt.

Palmer: Auch auf Ihrer Seite gab es jede Menge Idioten, die mich beleidigt haben. Das ist ätzend und aufreibend, aber das kommt von einer Minderheit. Ich konzentriere mich auf das Positive: Vor allem bei der übergroßen Mehrheit der 90 000 stummen Leser unserer Seite ist gegenseitiges Verständnis entstanden. Von 1500 Teilnehmern an zwei Umfragen haben 70 Prozent gesagt, dass das Experiment durchaus erfolgreich war.

Kazim: Aber das Problem ist doch: Diese kleine Minderheit bestimmt den Diskurs! Das ist wie im echten Leben auch: Wer am lautesten schreit, wird am ehesten gehört. Deswegen beende ich irgendwann den Dialog mit solchen Leuten und sperre sie auf meiner Facebook-Seite. Das habe ich auch auf der Seite von Herrn Palmer getan. Ich weiß, Herr Palmer, Sie sagen, mit denen muss man weiter im Gespräch bleiben. Meine Erfahrung ist, das bringt nichts. Der Hass wird durch die Sprache, die wir im Internet verwenden und die ich auch auf Ihrer Seite erlebe, immer schlimmer - auch im realen Leben. Wenn ich in den Bus steige, passiert es inzwischen, dass Leute mir ohne Anlass sagen: „Verpiss dich!“ Ich habe den Eindruck, je weniger man dem im Internet widerspricht, desto schlimmer wird es auch in der Realität.

Hat der Hass auf Facebook eine andere Qualität?

Palmer : Ganz klar.

Kazim: Eindeutig. In den sozialen Medien ist es viel schlimmer. Ich glaube, die Anonymität befördert das. Ich glaube, wenn man jemandem von Angesicht zu Angesicht gegenüber steht, hat man viel mehr Skrupel. Aber wenn sie alleine am Computer sitzen, rotzen die Leute das einfach so hin. Und sich solchen Menschen ständig zu stellen, ist unfassbar anstrengend.

Herr Kazim, schreiben Sie die Leserschaft von Herrn Palmer ab? Ist sie für Ihre Person und Weltsicht schlicht nicht zu erreichen?

Kazim: Nein, da sind sicherlich Leute dabei, mit denen man gut reden kann. Aber es gibt eine nicht geringe Zahl von Menschen, mit denen geht das nicht. Wenn ich ein Argument vortrage, kommt oft als einzige Reaktion: „Ist ja klar, dass du Muslim das sagst!“ Ich bin es so leid, jedes Mal zu erklären, dass ich kein Muslim bin und dass meine Religion auch gar keine Rolle spielt. Irgendwann wirft man da Perlen vor die Säue. Ich habe weder die Zeit noch Lust und Kraft, immer wieder das Gespräch mit solchen Leuten zu suchen. Sie suchen nur nach einem Objekt für ihren Hass und ihren Frust. Das sind diejenigen, die ich auf Facebook blockiere und die ich tatsächlich abgeschrieben habe. Ich glaube, wir tragen Verantwortung für das, was auf unseren Facebook-Seiten passiert.

Palmer: Auf Ihrer Seite gibt es dafür die moralisch Überlegenen. ‚Du bist ein brauner, rechter Drecksack’, schreiben sie mir. Da ist genauso wenig Diskussionsbereitschaft da. Aber ich schreibe die nicht ab. Mir ist es lieber, sie tauschen sich auf meiner Seite aus als allein in ihren rechten oder linken Echokammern.

K azim : Wenn Sie diesen Leuten nichts entgegensetzen, wenn sie keine Kommentare löschen und Leute blockieren, dann riskiert Ihre Seite aber, selbst zur rechten Echokammer zu werden. Und Sie dürfen nicht vergessen: Sie werden für Ihre politischen Ansichten und Ihre Art zu kommunizieren angefeindet. Das liegt in Ihrer Hand. Ich kann meine Hautfarbe und meine Identität nicht ändern.

Welche schlechten Eigenschaften fördert Facebook bei Ihnen beiden?

P almer: Man verliert fast alle Dimensionen der sprachlichen Kommunikation. Es bleibt nur noch der Text. Und wenn ich dann einen herablassenden, provozierenden Kommentar auf meiner Seite vorfinde, dann schlage ich zurück. Das mündet in einer Eskalationspirale. Ich bin auf Facebook bestimmt arroganter, selbstgefälliger und direkter als im wirklichen Leben. Das liegt am Medium. Ich formuliere auf Facebook auch direkter. Ich haue etwas raus, was ich als Fakt betrachte – ohne auf die nötige Atmosphäre zu achten, die für die Aufnahme einer widersprüchlichen Meinung besonders wichtig wäre. Darauf würde ich im Rückblick mehr achten.

Kazim: Ich provoziere auf Facebook sicherlich immer wieder – aber das mache ich im privaten Leben oder bei Lesungen auch.

Palmer: Sie sind aber in natura auch netter als im Netz. Das muss ich Ihnen jetzt schon mal sagen.

Kazim: Sie sind nicht der Erste, der das sagt. Dann muss da vielleicht was dran sein . . .