Borussia Dortmund Der Bayernjäger erfindet sich neu

Dortmunds Neue: Rode, Bartra, Götze, Schürrle, Merino (o./v. li.), Dembelé, Guerreiro, Mor (u./v. li.) Foto: dpa
Dortmunds Neue: Rode, Bartra, Götze, Schürrle, Merino (o./v. li.), Dembelé, Guerreiro, Mor (u./v. li.) Foto: dpa

Für Dortmunds Trainer Thomas Tuchel beginnt jetzt die Post-Klopp-Ära. In seinem zweiten Jahr beim BVB muss er die Mannschaft neu zusammenstellen – mit allen Risiken und Nebenwirkungen.

Stuttgart - In Leipzig lassen die Bullen nichts unversucht, ihrem ersten Jahr in der Bundesliga Nachhaltigkeit zu verschaffen. Im neuen, 33 Millionen Euro teuren Leistungszentrum mangelt es an nichts, was die moderne Trainingslehre für unentbehrlich hält, und auch abseits des Platzes darf es gern innovativ sein. So hat der Aufsteiger das Schlafverhalten seiner Spieler erforschen lassen, und beim mittäglichen Büfett gibt es nun auch laktosefreie, glutenfreie und vegane Mahlzeiten. Sollten Spieler ihre Verdauung dennoch nicht in den Griff bekommen, bietet RB ihnen sogar eine sogenannte Darmsanierung an.

Ganz so modernistisch ist Borussia Dortmund nicht aufgestellt. Dort kommt es schon einer Revolution nahe, dass der BVB an seinem Trainingsgelände im Stadtteil Brackel acht Masten aufgestellt hat, an denen 14 Kameras montiert sind, außerdem zwei 360-Grad-Kameras. Sie liefern Trainer Thomas Tuchel Bilder, die er jederzeit auf seinem iPad oder Smartphone abrufen und seinen Spielern noch auf dem Trainingsplatz vorspielen kann, um so auf der Stelle Laufwege oder Zweikampfverhalten korrigieren kann. Neu ist das zwar nicht in der Liga, doch undenkbar war jahrelang der Umstand, dass der ansonsten so sehr auf Nähe zu seinen Fans bedachte Verein eben diese seit geraumer Zeit so gut wie nicht mehr beim Training zuschauen lässt. Hinter verschlossener Tür hat Thomas Tuchel eine Art Geheimlabor errichtet, in dem er weitgehend ungestört tüfteln und basteln und werkeln kann: Die Borussia, die personell runderneuert ist wie selten zuvor, muss sich quasi neu erfinden. Wie lange es dauern wird, bis ein Rädchen ins andere greift, das ist kurz vor Saisonbeginn die zweite spannende Frage neben jener, wie sich der Neuling RB Leipzig in der Liga schlagen wird. Hans-Joachim Watzke weiß darauf keine Antwort, der Vorsitzende der Geschäftsführung sagt nur diffus: „Es wird Zeit brauchen.“

Dortmund und Leipzig fallen aus der Reihe

Leipzig und Dortmund stehen für die beiden aufregendsten, aber auch am wenigsten kalkulierbaren Projekte der Liga, trotz aller Verwissenschaftlichung der Tagesarbeit und der Akribie der strategischen Köpfe, die ihnen vorstehen. Als Projektleiter in Dortmund hatte Tuchel (42) schon in der vergangenen Saison den auf Pressing, Kontern und schnellen Passfolgen basierenden Stil seines Vorgängers Jürgen Klopp insofern modifiziert, dass er mehr den Besitzfußball bevorzugt. Nach Klopps Wechsel zum FC Liverpool zeichnet Tuchel nun erstmals für eine komplette Spielzeit verantwortlich, und da ist er nach dem Transfer-Feuerwerk, das der BVB in diesem Sommer mehr oder weniger freiwillig abgebrannt hat, gefordert wie nie in seiner noch jungen Trainerlaufbahn.

In Mats Hummels (für 38 Millionen Euro zum FC Bayern), Ilkay Gündogan (für 27 Millionen Euro zu Manchester City) und Henrich Mkhitarjan (für 42 Millionen Euro zu Manchester United) sind dem Coach drei wichtige Säulen weggebrochen, die mit dafür verantwortlich waren, dass der BVB über Jahre den Status des ersten Bayern-Jägers aufrechterhalten konnte. Ob dies weiter gelingt, hängt maßgeblich von der Integration der acht verheißungsvollen Neuzugänge ab, die sich der BVB noch etwas mehr kosten ließ als die durch seine Abgänge erlösten 107 Millionen Euro.

Die Zusammenstellung des Kaders sei „Stress pur“ gewesen, bekennt Hans-Joachim Watzke. Wie Tuchel und der Sportdirektor Michael Zorc hat auch er bisher auf Urlaub verzichtet, stattdessen hat das Trio die Perlen, die demnächst über Dortmund und der Liga funkeln sollen, immer wieder in Augenschein genommen, über sie diskutiert und letztlich befunden. Allen voran gilt das für Mario Götze (24), der nach drei überwiegend unerfreulichen Jahren in München für rund 25 Millionen Euro zurückgekehrt ist. Spieler, Verein und Fans hoffen, dass er in neuer alter Umgebung ähnlich befreit aufzuspielen vermag wie zu seiner Dortmunder Sturm- und Drangzeit zwischen 2009 und 2013, eine Gewähr gibt es dafür jedoch nicht. Ob Andre Schürrle (25), der 30-Millionen-Mann vom VfL Wolfsburg, und Sebastian Rode (25/für 14 Millionen Euro vom FC Bayern) sich auf hohem Niveau stabilisieren, ist genau so offen.

Wie kommt Götze zurecht?

Götze kann mehrere Positionen besetzen, die Acht ebenso wie die Sechs oder die Sieben. Neben der individuellen Klasse war bei allen Neuzugängen deren variable Verwendbarkeit ein wichtiges Kriterium. So kann der Stürmer Ousmane Dembelé (19), der für 15 Millionen Euro von Stade Rennes kam, links wie rechts schießen und fühlt sich innen, außen und im Zentrum heimisch. Ähnlich verhält es sich mit dem Tempodribbler Emre Mor (19), für den Dortmund 9,5 Millionen Euro an Nordsjaelland überwies. Der portugiesische Europameister Raphael Guerrero (22), Zwölf-Millionen-Zugang vom FC Lorient, verteidigt links und rechts, Tuchel hat ihn auch schon im zentralen Mittelfeld getestet. Mikel Merino (20/für 3,7 Millionen Euro von CA Osasuna) ist eine Alternative im defensiven Mittelfeld oder in der Innenverteidigung. Nur Hummels-Nachfolger Marc Bartra (25/für acht Millionen Euro vom FC Barcelona) kann sich auf das Abwehrzentrum konzentrieren.

„Der Weg, den wir eingeschlagen haben, ist sehr jung und riskant“, weiß Tuchel. Die neue Zeitrechnung beginnt am Samstag gegen Mainz, wo er einst seine Trainerkarriere gestartet hat. In Dortmund folgt nun die Reifeprüfung. Um sie zu bestehen, muss Tuchel nicht Meister werden, wie Watzke bestätigt: „Das kann man nicht erwarten.“ Vielmehr muss es ihm gelingen, aufstrebende Rivalen wie Leverkusen auf Distanz zu halten, um so die direkte Qualifikation für die Champions League nicht zu gefährden. Womöglich wird dies schon schwer genug.




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