Bosch-Arbeitsdirektorin Filiz Albrecht „Mit einer Quote erweist man Frauen nicht immer einen Gefallen“

Setzt auf Vielfalt und Internationalität: Bosch-Geschäftsführerin Filiz Albrecht. Foto: Bosch

Die neue Bosch-Arbeitsdirektorin Filiz Albrecht erzählt in ihrem ersten Interview, wie sie Vielfalt im Unternehmen fördern will, was sie jungen Leuten für ihr Berufsleben rät, und in welchen Bereichen der Technologiekonzern Jobs schaffen will.

Stuttgart - Anfang 2021 ist Filiz Albrecht als erste Frau in der Bosch-Geschäftsführung aufgerückt und als Arbeitsdirektorin für die Belange von weltweit rund 395 000 Mitarbeitern verantwortlich. Im Gespräch erläutert die Managerin, warum Bosch eine Milliarde Euro für Qualifizierungsmaßnahmen ausgibt, und was die Transformation für Mitarbeiter bedeutet.

 

Frau Albrecht, IT-Spezialisten sind bei vielen Firmen händeringend gesucht. Wie schafft es Bosch, gute Absolventen und Fachkräfte zu gewinnen. Reicht alleine der Name?

Unser guter Name hilft sicher, aber alleine darauf verlassen wir uns nicht. Wir tun kontinuierlich viel dafür, um qualifizierte Menschen für unser Unternehmen und unsere Zukunftsthemen zu gewinnen. Wir arbeiten eng mit den für uns relevanten Universitäten und Forschungszentren zusammen. Zugleich schaffen wir ein attraktives Arbeitsumfeld, in dem sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wohlfühlen.

In welchen Bereichen baut Bosch Arbeitsplätze auf?

Überall dort, wo es um Digitalisierung und technologischen Wandel geht. Wir investieren sehr stark in Künstliche Intelligenz, in Verbindung mit dem Internet der Dinge. Entsprechend brauchen wir gut ausgebildete und hochqualifizierte Software-Experten. Bei Bosch arbeiten bereits mehr als 30 000 Softwareentwickler. Wir investieren nicht nur in deren Weiterqualifizierung, sondern auch in die der Ingenieure, die künftig neue Aufgaben in Wachstumsfeldern wie der Elektromobilität übernehmen.

Wie sehen die Qualifizierungsprogramme aus?

Wir vermitteln in umfassenden Programmen Transferqualifikation in Feldern wie Software, Datenmanagement und Elektrifizierung. Mitarbeiter bei Powertrain Solutions, wo wir für den Antriebsstrang entwickeln und produzieren, werden so in Zeiträumen zwischen sieben Wochen und zwölf Monaten weiterqualifiziert. Zudem haben wir eine umfangreiche KI-Schulungsoffensive für mehr als 20 000 Mitarbeiter gestartet. Unser Ziel ist, möglichst viele Beschäftigte in den Bereichen Elektromobilität, Software und Künstlicher Intelligenz fit für die Zukunft zu machen.

Und wie viel Geld investiert Bosch in die Weiterbildung?

Bosch hat in den vergangenen fünf Jahren weltweit mehr als eine Milliarde Euro für Mitarbeiter-Qualifikationsprogramme ausgegeben. Weiterbildung ist für uns ein kontinuierlicher Prozess. Wir werden die Herausforderungen, die mit der Digitalisierung und der technologischen Transformation verbunden sind, nur dann meistern, wenn wir permanent und konsequent qualifizieren. Dieses Schlüsselthema liegt mir sehr am Herzen.

Rund 50 000 Mitarbeiter hängen allein bei Bosch am Diesel. Wie viele Arbeitsplätze wird die Transformation kosten?

Unser Ziel ist, mit möglichst vielen Beschäftigten durch diese Transformation zu kommen. Dazu müssen alle mitziehen – nicht nur unsere Branche, auch die Politik. Wir brauchen Zeit, um den Wandel vom Verbrenner hin zur Elektromobilität vernünftig gestalten zu können. Auch wenn wir stark in die Elektromobilität einschließlich der Brennstoffzelle investieren, dürfen wir uns beim Beschäftigungsverhältnis nichts vormachen: Dieses ist bei Bosch 10:3:1 von Diesel zu Benziner zu Elektro. Für einen Elektroantrieb benötigt man also nur noch ein Zehntel der Mitarbeiter im Vergleich zum Diesel. Der Anpassungsbedarf ist enorm. Je mehr Zeit wir haben, desto besser können wir den Wandel bewältigen.

Warum nennen Sie keine konkrete Zahl zum Jobabbau?

Pauschale Zahlen zum Arbeitsplatzabbau helfen nicht, wir brauchen Lösungen. Die müssen standortspezifisch sein. Den Strukturwandel können wir als Industrie bewältigen und vernünftig gestalten. Strukturbrüche nicht. Sorgen bereitet uns Euro 7. Die derzeit auf EU-Ebene diskutierten Entwürfe zur verschärften Abgasnorm bedeuten eine abrupte und vollständige Umstellung vom Verbrennungsmotor auf den elektrischen Antrieb – und das bis 2025. Das ist in Europa unrealistisch. Den Verbrennungsmotor übergangslos abzuschaffen hätte dramatische Folgen für die Arbeitsplätze in der gesamten Zulieferindustrie.

Transformation, Strukturbrüche, Stellenabbau – als Personalmanagerin müssen Sie auch unliebsame Entscheidungen fällen. Wie konfliktfähig sind Sie?

Ich hätte nicht diesen Beruf, wenn ich nicht konfliktfähig wäre. Ich kann Konflikten gut begegnen, weil ich mir die Gegenseite anhöre und versuche zu verstehen, wo der Schuh drückt. Gegenseitiges Verständnis ist mir wichtig.

Ein heißes Eisen für Personalverantwortliche ist das Thema Frauenquote. Was halten Sie davon?

Mit einer Quotenregelung für Unternehmen alleine ist das Thema nicht zu lösen. Und mit einer Quote erweist man den Frauen nicht immer einen Gefallen. Mehr Frauen in Führungspositionen ist das Ziel – und zwar ohne gesetzliche Regelungen. Aber es geht ohnehin um mehr als eine geschlechtsspezifische Betrachtung. Uns geht es um Vielfalt im Sinne von Gleichstellung, um die Teilhabe aller Menschen in ihrer Einzigartigkeit, unabhängig von Geschlecht, Alter und Herkunft. Das hilft auch beim Thema Frauen in Führungspositionen.

Wie hoch ist die Frauenquote bei Bosch?

Bosch hat den Anteil von Frauen in Führungspositionen seit 2010 auf heute 18 Prozent fast verdoppelt. Wir sind gut unterwegs. Das hat viel mit unseren eigenen Anstrengungen zu tun, aber auch mit der Entwicklung in der Gesellschaft insgesamt. Wir werden hier weiter engagiert voranschreiten.

Von ganz alleine geschieht dies sicherlich nicht. Gibt es spezielle Schulungen in Ihrem Unternehmen?

Bosch hat eine wertebasierte Unternehmenskultur, in der wertschätzender Umgang traditionell eine wichtige Rolle spielt. Aber natürlich schulen wir unsere Führungskräfte auch im Umgang mit Diversität und in vorurteilsfreier Führung. Es geht darum, Verhaltensweisen wie sie sich aus Herkunft und Erziehung ergeben, zu hinterfragen. Dabei wird niemand bloßgestellt, und es gibt manches Aha-Erlebnis.

Verkrampfen da manche nicht bei diesen heiklen Themen?

Man muss die Mitarbeiter eher spielerisch mit diesen Themen konfrontieren. Dafür ist eine gewisse Leichtigkeit und Unbeschwertheit im Miteinander nötig. So ticke ich auch persönlich, und mir ist dieser lockere Umgang sehr wichtig. Ich bin im Ruhrgebiet multikulti aufgewachsen, und wir sind sehr unverkrampft miteinander umgegangen. Es war egal, wer man ist oder woher man stammt. Natürlich ist einerseits erhöhte Sensibilität und Achtsamkeit nötig, auf der anderen Seite darf man aber auch nicht gleich gekränkt sein. Das galt in meiner Kinder- und Jugendzeit, und das gilt heute in meinem Job. ‚Führen kann, wer Menschen mag‘ – seit ich diesen Satz gelesen habe, ist er eines meiner Leitmotive.

Als Personalchefin sollten Sie tatsächlich Menschen mögen.

Ja, das tue ich. Es geht darum, wie jemand grundsätzlich eingestellt ist. Ich bin ein optimistischer, offener Mensch. Zugleich bin ich realistisch und vorsichtig, aber durch meine positive Grundhaltung auch immer lösungsorientiert.

Optimismus ist gerade in diesen Zeiten wichtig. Eine Pandemie hat die Arbeitswelt verändert, was sollte Post-Corona bleiben?

In der Coronazeit ist eine enorme Flexibilität in der gesamten Belegschaft zu beobachten, auch eine sehr große Solidarität und ein hohes Verantwortungsbewusstsein. Viele Mitarbeiter haben im Homeoffice beispielsweise gelernt, sich besser zu organisieren, wie wir aus einer Umfrage wissen. Die Kreativität leidet allerdings etwas, weil die unmittelbare Begegnung am Arbeitsplatz fehlt. In einer Post-Corona-Welt wird es hybride Arbeitsmodelle geben, eine Mischung aus Büro und mobilem Arbeiten. Wir wollen das Beste aus beiden Welten kombinieren. Dazu haben wir eine Smart-Work-Initiative gestartet, in der wir gemeinsam mit den Arbeitnehmervertretern die Rahmenbedingungen für solche neuen Modelle definieren, beispielsweise die Gestaltung von Räumen und Arbeitszeiten weiterentwickeln.

Homeworking trifft auf Homeschooling. Für die einen funktioniert das im Großen und Ganzen, andere leiden unter psychischen Belastungen. Wie sehen Sie das?

Grundsätzlich funktioniert das Homeworking gut. Es gibt aber auch Menschen, für die es eine enorme Belastung ist, den ganzen Tag im eigenen Heim zu arbeiten – mit Kindern und anderen Verpflichtungen. Andere Menschen wiederum fühlen sich isoliert. Auch das kann zu psychischen Belastungen führen, die Gesundheit oder zumindest Laune beeinträchtigen. Bei Bosch können sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an Sozialberater wenden, wenn sie Unterstützung benötigen. Das sind vertrauliche Gespräche, von denen weder die Personalabteilung noch die Führungskräfte erfahren. Das Angebot wird auch gut in Anspruch genommen.

Corona ist auch für junge Menschen eine Ausnahmesituation. Was raten Sie denen, die gerade ihren Abschluss gemacht haben?

Sie sollen sich nicht von der aktuellen Situation entmutigen lassen, sondern ihre Ziele weiterverfolgen. Ob jung oder alt, ob schon im Beruf oder noch nicht: Ich rate allen, das zu lernen, was ihnen Spaß macht. Wir leben in einer Zeit, in der das Lernen ein permanenter Begleiter ist. Die Digitalisierung zeigt: Ohne Weiterbildung haben wir keine Zukunft. Es ist dabei aber auch wichtig, diszipliniert und leistungsorientiert zu sein.

Was gefällt Ihnen an Ihrem Beruf?

Ich mag die Vielfalt in meinem Verantwortungsbereich, ich mag die Internationalität, und ich mag es, Menschen zu ermöglichen, mehr aus sich zu machen. Qualifizieren und Lernen sind Themen, die mich schon immer sehr stark getrieben haben. Damit kann ich Zukunft gestalten.

Wie können Sie abschalten?

Ich bin gerne in der Natur, jogge und versuche mir auch bewusst ruhige Momente zu gönnen. Dann mache ich Yoga oder gebe mich einfach meinen Gedanken hin. Und ich lese gern.

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