Bosch-Jubiläum Eine Zigarettenpause ist nicht mehr drin

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Vor 150 Jahren wurde Bosch geboren, seit 125 Jahren besteht sein Unternehmen. Wir werfen einen Blick in die Produktion von Bosch.

Reutlingen - Drehen Sie die Augen nach oben, nach unten, nach rechts und nach links." Es sind überwiegend Frauen, alle in langen weißen Umhängen, das Haar unter einer weißen Schutzkappe verborgen, die begeistert den Anweisungen folgen. Die kleien Gruppe hat sich um den Bildschirm herum gruppiert, dort läuft ein Programm ab, das aus einem längst vergangenen Jahrzehnt stammt. Macht nichts, den Frauen gefallen die Übungen. "Den rechten Fuß nach hinten, beide Arme in die Höhe", befiehlt die Stimme. Wechsel. Nun ist der linke Fuß dran. Lachend reißen sie Frauen die Arme in die Höhe. Fünf Minuten Turnen ist angesagt. Jede Schicht wird zweimal unterbrochen, um sich zu ertüchtigen.

Reutlingen. Hier, in der Tübinger Straße, fertigt der Autozulieferer Bosch Halbleiter, die eine besonders saubere Umgebung benötigen. Kein Staub darf an die filigranen Strukturen, deshalb müssen sich die Beschäftigten vermummen. 5400 Mitarbeiter sind am Standort tätig; im nahe gelegenen Kusterdingen, wo Steuergeräte für elektromechanische Lenkungen hergestellt werden, sind weitere 1000 Mitarbeiter. Rund 5000 Beschäftigte an den beiden Standorten sind in der Fertigung tätig. Die Frauen mit den weißen Umhängen arbeiten in der Sichtkontrolle.

Sie schieben die glänzenden Siliziumscheiben (Wafer), die eine Vielzahl von Chips enthalten, unter das Mikroskop. Jeder einzelne dieser Winzlinge wird nun nach Kratzern abgesucht. Tagein, tagaus starren die Frauen durchs Mikroskop - immer auf Fehlersuche. Unterbrochen wird diese Monotonie nur durch den Sport oder etwa durch einen Eintrag in den Monitor, wenn sie einen Fehler dokumentieren. "Am Anfang hat sich mir der Magen gedreht", erzählt eine Frau, die schon 27 Jahre dabei ist. Schnell habe sie sich an die Arbeit gewöhnt.

Vorreiter in der ergonomischen Gestaltung

Wer durch die Halle geht, fühlt sich in frühere Jahrzehnte zurückversetzt. Dicht an dicht stehen die Einzelarbeitsplätze nebeneinander, eine Reihe hinter der anderen. Jeder ist mit einem Mikroskop ausgerüstet. Auch wenn die Mikroskope viel leistungsfähiger geworden sind, die Aufgabenstellung in dieser Abteilung ist geblieben. Die Mitarbeiter suchen Fehler. "Das menschliche Auge erkennt geringfügige Abweichungen auf den Bauteilen schneller als jeder Computer", begründet Udo Kischel, Leiter Arbeitsplanung und Arbeitsplatzgestaltung im Werk Reutlingen, warum hier der Mensch noch nicht von der Maschine ersetzt wurde. Die Vorgabezeit klingt für einen Außenstehenden geradezu utopisch. Je nach Halbleitertyp haben die Beschäftigten zwischen einer und 1,8 Sekunden Zeit, um Fehler auf einem der elektronischen Winzlinge zu erkennen.

Auch wenn die Arbeitsplätze auf den ersten Blick aussehen wie vor 30 Jahren - die Bedingungen haben sich doch deutlich verändert. Nicht nur die täglichen Lockerungsübungen gehören dazu. Auf Knopfdruck werden die Halbleiter automatisch in die für das Auge optimale Position gerückt. Anders als in den 1980er Jahren sind auch die Tische elektrisch höhenverstellbar, die Fußstütze ist nicht fest mit dem Tisch verbunden, das Mikroskop ist auch für Brillenträger ausgelegt, und jeder Mitarbeiter hat quasi sein eigenes Dächle. Die transparente Platte über seinem Kopf soll ihn vor Zugluft durch die Klimaanlage schützen und verhindern, dass die Augen austrocknen. Alle zwei Jahre kommt der Ergonomie-Tüv und überprüft die Arbeitsplätze, erläutert Kischel.

Bosch sieht sich in der ergonomischen Gestaltung der Arbeitsplätze als Vorreiter. Ganz uneigennützig agiert das Unternehmen dabei nicht. Der weltgrößte Zulieferer muss sich im weltweiten Wettbewerb behaupten. Und wenn ein Mitarbeiter während der Sichtprüfung blinzelt, nur weil er einem Luftzug ausgesetzt ist, kostet dies eben Zeit (und damit Geld). Es geht darum, die Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter zu erhalten. Das wird in Zukunft immer wichtiger - auch wegen des demografischen Wandels. 2009 waren die Boschler im Schnitt 42 Jahre alt, innerhalb der nächsten 20 Jahre wird das Durchschnittsalter auf 49 Jahre steigen. In der Produktion sind die Beschäftigten tendenziell sogar noch älter.

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