Stuttgart - Wegen der stark rückläufigen Nachfrage durch die Ausbreitung des Coronavirus hat Bosch die Kurzarbeit bis Ende Juni verlängert. Die Standorte sind unterschiedlich betroffen. Von den gut 130 000 Mitarbeitern in Deutschland ist derzeit rund ein Drittel in Kurzarbeit, am Diesel-Standort Stuttgart-Feuerbach rund die Hälfte der Beschäftigten. „Wir sind derzeit mit den Arbeitnehmervertreten in Gesprächen und suchen gemeinsam nach Lösungen für die zweite Jahreshälfte“, sagt eine Bosch-Sprecherin auf Anfrage unserer Zeitung. Details will sie nicht nennen. Bosch-Gesamtbetriebsratschef Frank Sell wird etwas deutlicher und spricht von einem „riesigen organisatorischen Abstimmungsaufwand“, wenn jeden Monat eine Betriebsvereinbarung zur Kurzarbeit nötig sei. Man wolle längerfristig und transparenter planen. Wegen der derzeitigen Nachfrageschwäche könnte die Kurzarbeit für Teile der Belegschaft bis Ende 2020 nötig sein, befürchtet er.
Geringe Auslastung bei Mahle
Bei Mahle ist man einen Schritt weiter. Der Stuttgarter Autozulieferer hat bereits mit den Arbeitnehmervertretern die Voraussetzungen geschaffen, Kurzarbeit für alle deutschen Standorte bis zum Jahresende 2020 zu verlängern, um mit flexiblen Kapazitäten auf die Entwicklung der Märkte und Auslastungssituation reagieren zu können, wie ein Sprecher sagt. Denn für Juni und die Folgemonate erwarte Mahle Umsätze auf niedrigem Niveau. Die Werke seien größtenteils wieder angelaufen, die Auslastung aber gering. Im Mai waren 55 Prozent der Mahle-Mitarbeiter im Inland in Kurzarbeit.
Zwei Drittel der ZF-Mitarbeiter im Inland in Kurzarbeit
Auch Autozulieferer ZF rechnet ganzjährig mit Kurzarbeit. „Absehbar wird Kurzarbeit das ganze Jahr über benötigt“, sagt ein ZF-Sprecher. In welcher Quote, werde davon abhängen, wie sich die ausgeprägte Nachfrageschwäche entwickle beziehungsweise bis wann die Kaufzurückhaltung wieder in mehr Konsum umschlage. Das nun beschlossene Konjunkturpaket könnte dazu Impulse liefern, sagt er. Derzeit befinden sich rund zwei Drittel der knapp 51 000 ZF-Mitarbeiter in Deutschland in Kurzarbeit – manche nur mit zehn Prozent Arbeitszeitreduzierung, andere mit 100 Prozent. In der Kombination Urlaub, Überstundenabbau und Kurzarbeit sind über die deutschen Standorte hinweg mehr als 50 Prozent der Mitarbeiter abwesend.
Bei Bosch liegt die Abwesenheitsquote laut Betriebsratschef Sell bei 40 bis 50 Prozent. In einem gemeinsamen Brief von Personalleitung und Betriebsrat, der jüngst an die Mitarbeiter in Bosch-Werken mit Kurzarbeit ging und unserer Zeitung vorliegt, werden die auf härtere Zeiten eingestimmt. Die Bosch-Gruppe habe im April einen „weitaus drastischeren Umsatzeinbruch“ erlebt als in der Finanzkrise 2008/2009, heißt es in dem Brief. Fürs Gesamtjahr müsse man mit einem zweistelligen prozentualen Umsatzrückgang rechnen. Wenn man auf der Kostenseite nicht gegensteuere, führe der zu einem beträchtlichen Verlust. „Unser Ziel muss es sein, mit aller Kraft einen Verlust zu vermeiden. Es ist deshalb wichtig, weiterhin strenge Kostendisziplin zu halten und zusätzliche Maßnahmen zur Kostenreduzierung zu ergreifen, auch bei den Personalkosten.“
Kostenreduzierung und Liquiditätssicherung bei Bosch
Kostenreduzierung und Liquiditätssicherung stünden im Mittelpunkt, sagt die Bosch-Sprecherin. Dazu zählten auch Arbeitszeitverkürzungen und Produktionseinschränkungen an vielen Standorten sowie ein Gehaltsverzicht bei Fach- und Führungskräften sowie der Geschäftsführung. Sie verweist zugleich auf Aussagen von Bosch-Chef Volkmar Denner Ende April zur Bilanzpressekonferenz. Damals sagte er: „Unser weltweiter Beschäftigungsbedarf ist durch den Wandel der Mobilität und aufgrund konjunktureller Herausforderungen rückläufig. Die genauen Auswirkungen auf die Beschäftigung sind schwer absehbar.“ Ziel sei es, den Standorten eine Perspektive zu geben.
An manchen Standorten sind solche Zukunftsperspektiven aber auch mit Jobabbau verbunden – wie etwa in Bamberg, Feuerbach, Schwieberdingen, Nürnberg oder Homburg, wo man sich mit Arbeitnehmervertretern bereits geeinigt hat. Gesamtbetriebsratschef Sell rechnet derzeit aber nicht mit einem zusätzlichen Jobabbau über den bereits geplanten Stellenabbau hinaus und verweist auf die „Konzernbetriebsvereinbarung Krise“, die man 2012 aus den Erfahrungen der Krise 2008/2009 geschlossen habe. Sie biete ein Instrumentarium, um auch diese Krise durchzustehen.