Berlin - Als in der Corona-Pandemie im Frühjahr der Lockdown begann, kursierte auf Twitter der Hashtag #stay@home – bleib zuhause. Oft hieß es dazu, das Leben gehe jetzt nicht draußen weiter, sondern drinnen, bis es da draußen wieder sicher sei. Auf der Ifa in Berlin wird das Motto gekapert: Zum Auftakt der Messe für Unterhaltungselektronik und Haushaltsgeräte heißt es am Donnerstag: arbeite zuhause, iss zuhause, amüsiere dich zuhause! Groß werden die Parolen zur Auftaktveranstaltung auf die Leinwände geworfen und mit den Zahlen einer aktuellen Umfrage ergänzt: Die Branche konnte ihren Umsatz auch oder gerade wegen der Corona-Krise in der ersten Jahreshälfte im Vorjahresvergleich um rund fünf Prozent steigern. Auch deshalb setzt die Ifa in diesem Jahr mit Macht auf den Zuhause-Trend.
Es ist in diesem Jahr keine normale Messe. Das Event, das sonst bis zu 250 000 Besucher durch knapp 26 überfüllte Hallen zu rund 2000 Ausstellern führt, ist geschrumpft. Statt an sechs findet die Ifa nur an drei Tagen statt, zugelassen sind lediglich Fachbesucher, Aussteller und Journalisten. Zu den drei Bereichen – der Pressekonferenz für Journalisten, dem Treff für Geschäftsleute sowie der Veranstaltung über Mobilität – dürfen je maximal 1000 Besucher, wahrscheinlich sind es aber deutlich weniger. Wer nicht kommen mag oder kann, darf die Messe online verfolgen: Bis auf wenige Livestreams ist das virtuelle Angebot vor allem eine Produktplattform von Hunderten Ausstellern, neudeutsch „Xtended Space“ genannt.
Gefriergeräte boomen: Die Deutschen sind zu Hamstern geworden
Vor Ort aber sieht es mau aus. Aussteller, die sonst ganze Hallen füllen wie Samsung, Sony, Telekom oder Philips, sind nicht vertreten. Immerhin präsentieren Branchengrößen wie Smartphone-Hersteller Huawei, Chip-Produzent Qualcomm, Technikgigant LG und auch Hausgerätehersteller in Vortragsform ihre Produkte. Das Virus ist immer dabei, so auch beim Hersteller BSH, dessen bekannteste Marken, Bosch, Siemens und Gaggenau sind. Bosch inszeniert seine neuen „XXL“-Kühlschränke und Gefriergeräte, die deutlich mehr Platz bieten. Denn in der Krise sind die Deutschen zu Hamstern geworden: Im ersten Halbjahr dieses Jahres wurden mehr als 30 Prozent mehr Gefriergeräte als im Vorjahreszeitraum gekauft. Auch Vakuumiergeräte boomen. „Unsere Befragungen haben ergeben, dass die Leute mehr einfrieren, auch weil sie mehr kochen“, erklärt Maria Beltrán.
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Deshalb muss auch mehr gespült werden. Bosch präsentiert einen Geschirrspüler als „Weltneuheit“, weil er eine dritte Ebene für kleine Tassen und Schalen bietet. Er würde den Laderaum um rund ein Viertel vergrößern, heißt es. Mit an Bord ist ein neuer Mikroprozessor, der den Werkskundendienst dabei unterstützt, Gerätefehler „per Fernwartung zu diagnostizieren und zu beheben“. Vor allem aber passt sich damit der Spüler wie auch andere Geräte den Gewohnheiten der Verbraucher an. Die wiederum sind oft einfach zu erfassen, denn viele erproben sich erstmals als Köche. Miele, ist zu hören, will an diesem Freitag den Nachwuchs per Smartphone-App Schritt für Schritt in die Küchengeheimnisse einführen. Zur Sicherheit regelt ein im Kochfeld integrierter, vernetzter Sensor die Temperatur – einen angebrannten Braten oder Pudding sollte es demnach nicht geben.
Innovationen gibt es in diesem Jahr nur wenige
Und wie sieht es künftig in den deutschen Wohn- und Arbeitszimmern aus? In den vergangenen Monaten stieg wegen Homeoffice und -schooling der Bedarf nach Computern, Notebooks und Monitoren stark an. Gleiches galt für den Unterhaltungsbereich wie Spielekonsolen. Ein beachtlicher Teil der Verbraucher habe geplante Einkäufe vorgezogen, so eine Umfrage des Ifa-Veranstalters gfu. Die Ifa versucht, für das wichtige Weihnachtsgeschäft dennoch Begehrlichkeiten zu wecken, auch wenn es gerade in diesem Bereich – von neuen Spielkonsolen abgesehen – wenig Innovationen gibt. Die Aufgabe sei „herausfordernd“ , heißt es.
Die Marketing-Abteilungen der Hersteller würden hier wohl mit „Konstanz“ und „Zuverlässigkeit“ werben: Begriffe, die neben Sicherheit und Hygiene zum Zuhause-Trend in der Corona-Zeit passen. Die Ifa ändert hier ihren Kurs, denn zuvor propagierte sie die umfassende Mobilität: Die Verbraucher sollten sich an jedem Ort und jederzeit vernetzen, mit Smartphones, VR-Brillen, mobilen Lautsprechern und Kopfhören. Frei und unabhängig eben. Davon bleibt noch der Fitnesstracker-Trend. Denn wer in der Krise aus dem Haus geht, der spaziert, radelt und läuft mehr als früher. Die Computerbänder und –uhren boomen, weil sie neben Schritten und Kalorien auch Puls und Herzfrequenz zählen. Und dabei Gesundheit und Sicherheit versprechen.
Aus Angst vor dem Virus greifen die Leute zu Fitnesstrackern
„Die Leute sind wegen des Coronavirus verunsichert, deshalb wollen sie möglichst oft ihre Werte kontrollieren“, sagt Michael Maier, Fitbit-Geschäftsführer in Deutschland. 780 000 Fitness-Tracker und Computeruhren hat Fitbit 2019 hierzulande verkauft, dieses Jahr könnte der Absatz auf bis zu eine Million steigen. Auch weil das hauseigene Flaggschiff, die Fitbit Sense, neue Funktionen erhält. Schon jetzt lässt sich im Schlaf die Körpertemperatur und damit ein mögliches Fieber überwachen. Künftig soll ein Biosensor Stress messen und das Programm Gegenmaßnahmen vorschlagen.
Wer will, muss auch mit dem Tracker das eigene Zuhause nicht mehr verlassen.