Mendelssohnscher Lobgesang bildete in diesem Jahr das Hauptwerk beim Quempas-Singen in der Stiftskirche – 10 722 Euro kamen für den guten Zweck zusammen.
Alle Jahre wieder, so heißt es zur Vorweihnachtszeit auch für das Quempas-Singen der Bosch-Musikgruppen. Aber trotz Behütung des Traditionskerns, die Veranstaltung wartet immer wieder auch mit Ungewöhnlichem auf.
Das gilt ausdrücklich für den diesmaligen Quempas in der Stiftskirche. Am Ende zeigt sich so Christian Fischer beeindruckt. „Das war für mich das beste Quempas-Singen. Ich bin total begeistert“, sagt der stellvertretende Vorsitzende der Bosch-Geschäftsleitung.
Trotz überraschender Programm-Konzeption, auch diesmal wird die Seele dieser Veranstaltung gewahrt. Das Wort Quempas leitet sich her aus dem alten Kirchenlied Quem pastores laudavere, zu deutsch Den die Hirten lobeten sehre. Das wurde vor Jahrhunderten einst zur Christmette reihum aus allen vier Kirchenecken gesungen. Diesen alten Brauch führen die Bosch-Musikgruppen fort. Wobei das versweise Reihum-Singen beim Bosch-Quempas der in den Kirchenecken postierte Unterstufenchor des Salier-Gymnasiums Waiblingen (Leitung Frieder Richter) besorgt, bevor nach Chorstrophen alle gemeinsam den Kehrvers „Gottes Sohn“ anstimmen.
Nach dem Auftakt geht es in Richtung Sinfoniekonzert
Der große Rahmen aber, in den sich dieser alljährlich erklingende Quempas eingebettet findet, der lässt sich sehr frei ausformen. Typischerweise stellen dazu die Bosch-Musikgruppen Klassiker des vorweihnachtlichen Repertoires wie Magnificat- oder Gloria-Vertonungen ins Zentrum. So hebt auch diese Ausgabe nicht ungewöhnlich mit dem Orgelchoral „Wachet auf“ von J. S. Bach an, dem Organist Peter Schleicher mit Glockenklang und Glöckchensound gesteigerte weihnachtliche Anmutung verleiht.
Nach dem Orgelauftakt indes scheint der Abend in Richtung Sinfoniekonzert abzubiegen. Mit einem hymnischen Motiv der Posaunen übernimmt das von Hannes Reich dirigierte, 65 Köpfe starke Bosch-Sinfonieorchester und entführt teils virtuos in ausgedehnte romantische Musiklandschaften voller Lyrik aber auch veritablen Sturmböen. Dieser rein instrumentale Part erfährt zwar eine Zäsur durch ein mit Chören und in der Schlussstrophe auch Publikum gesungenes Weihnachtslied „Hark! The Herald Angels Sing“, aber danach waltet weiter allein das Orchester. Erst etwa ab Konzerthälfte zwei, nach einem weiteren Intermezzo mit auch von allen in der Schluss-Strophe angestimmten „Tochter Zion“ tritt der gut 60 Stimmen starke Bosch-Chor, nun dirigiert von Till Drömann, sozusagen in richtige Konzertaktion mit einem Lobgesang.
So lautet auch der Titel dieses Werks, das mit seinem langen Orchestervorlauf entfernt an Beethovens 9. Sinfonie erinnert. Aber Dirigent Drömann hat gezielt diese Mischung aus Sinfonie und Vokalwerk mit Felix Mendelssohn Bartholdys „Lobgesang“ op. 52 ausgewählt. Denn obwohl das Orchester fürs ganze erste Werkdrittel Sinfonie pur suggeriert, den effektvoll nach Durchmessung von manch Untiefenfinsternis inszenierte Werkhöhepunkt bildet das vom stimmstarken Chor intonierte „Nun danket alle Gott“.
So erobert nach viel Kunsthaltigem auch in Chorsätzen und bereits prima Auftritten der bestens harmonierenden Vokalsolisten (Sopran Christine Reber, Tenor Philipp Nicklaus) und viel Symphonik ein Choral den Musik-Mittelpunkt, bevor im Anschluss daran der ebenfalls ganz unsinfonische Quempas erklingt.
„O du fröhliche“ darf natürlich nicht fehlen
Statt barocker Kleinteiligkeit regiert dank Mendelssohn bei diesem Quempas-Konzert damit eine große, alles umarmende Verbindungslinie, die eingeschobenen Weihnachtslieder entspringen mit kaum merklicher Unterbrechung dem Gesamt-Aufführungsfluss. Dazu fügt sich, dass nach einem mächtigen Mendelssohn-Schluss-Satz die Orgel das Lobgesang-Hauptthema sofort aufgreift und weiter strickt, bis daraus das gemeinsam gesungene „O du fröhliche“ entschlüpft, gekrönt vom tausendfach glitzernden Orgel-Zimbelstern. Jubilieren dürfen dazu Bedürftige: Bei 780 Besuchern klingeln 10 722 Euro in der Kasse der Aktion Weihnachten der Stuttgarter Nachrichten.