Der Geburtsort der Bosch GmbH im Jahr 1886: Die Werkstatt befand sich im Erdgeschoss des Hinterhauses Rotebühlstraße 75 B (Gebäude rechts). Foto: Archiv,Federzeichnung/cf
Was heute ein gefragtes Wohngebiet ist, war früher ein bedeutender Industriestandort. In Stuttgart-West begann die Erfolgsgeschichte von Weltmarken – unter einfachsten Bedingungen.
Von der Stadtmitte am Rotebühlplatz führt die Rotebühlstraße auf 1890 kerzengeraden Metern durch den Stuttgarter Westen hinauf bis an den Nordhang des Hasenbergs. Bürogebäude, Galerien, Theater, Cafés, Restaurants und der belebte Feuersee-Bereich ergeben zusammen ein stimmiges großstädtisches Bild. Dazu tragen auch die Gründerzeithäuser bei, die für die besondere Geschichte des Stuttgarter Westens stehen.
Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert entwickelte sich der Bezirk neben dem damals noch nicht zu Stuttgart gehörenden Cannstatt zu einem wichtigen Wirtschaftsstandort. Rund um die Betriebe entstanden auch Wohnhäuser. Der Stuttgarter Westen wird so zum Anziehungspunkt für Menschen mit Pioniergeist, handwerklichem Geschick sowie einer Geschäftsidee und in der Folge zum Ursprungsort von Firmen, die heute weltweit erfolgreich sind.
1886 wagt sich Robert Bosch mit 24 Jahren in die Selbstständigkeit. Zuvor hatte der Sohn eines Gastwirts aus dem Ort Albeck bei Ulm eine Mechanikerlehre gemacht und sich danach gezielt bei damals technisch fortschrittlichen Betrieben weitergebildet. Seine erste Geschäftsadresse lautet Rotebühlstraße 75 B, wo Bosch im Erdgeschoss eines Hinterhauses den Betrieb aufnimmt. In der „Werkstätte für Feinmechanik und Elektrotechnik“. Heute stehen dort Gebäude des Klett-Verlags. Unterstützt wird Bosch von einem Gesellen und einem Lehrling. Anfangs werden vor allem elektrische Türklingeln installiert und erste Telefonanlagen angeschlossen.
Als Robert Bosch den Auftrag für einen Magnetzündapparat eines stationär betriebenen Motors erhält, gelingt es ihm, einen bis zu diesem Zeitpunkt verwendeten Zünder so zu verbessern, dass er auch bei einem in Bewegung arbeitenden Antrieb funktioniert. Was die Lösung für das zentrale Problem der gerade in Fahrt kommenden Autoindustrie ist. Zugleich wird so der Weg geebnet, der dazu führt, dass die Robert Bosch GmbH mit ihren rund 400 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von zuletzt gut 88 Milliarden Euro heute der weltweit führende Autozulieferer ist. Gesteuert von der Firmenzentrale auf der Gerlinger Schillerhöhe, gegründet in Stuttgart-West.
Ein Gelände umrahmt von Rotebühlstraße, Hasenberg- und Augustenstraße hat sich Gustav Siegle als neue Heimat für die von seinem Vater in München gegründete Farbenfabrik ausgeguckt. 1848 wird der Betrieb dort aufgenommen, der die chemische Farbenproduktion vorantreibt. Die gestiegene Nachfrage der Textil- und Papierindustrie lässt sich nicht mehr mit einem Verfahren aus mühsam gewonnenen pflanzlichen und tierischen Grundstoffen bedienen. Was zu einem Zusammenschluss mit der in direkter Nachbarschaft liegenden Fabrik des Chemieunternehmers Rudolf Knosp führt.
Um die Produktion steigern zu können, fusionieren Siegle und Knosp später mit der Badischen Anilin- und Sodafabrik in Ludwigshafen. Deren für den Transport günstige Lage am Rhein gibt bei der Standortentscheidung den Ausschlag. Gustav Siegle leitet von Stuttgart aus als BASF-Vorstandsmitglied jahrelang den Verkauf. Die von ihm gegründete Stiftung lässt später das Gustav-Siegle-Haus als Veranstaltungsort bauen. An seinen Geschäftspartner Rudolf Knosp erinnert noch die Knospstraße im Westen und die Villa Knosp an der Rotebühlstraße.
Parallel zur Rotebühlstraße verläuft die Gutenbergstraße. Dort ist dem Haus mit der Nummer 38 nicht anzusehen, dass hier vor genau 100 Jahren die Geschichte des in Ditzingen ansässigen familiengeführten Großkonzerns Trumpf beginnt. 1923 erwirbt Christian Trumpf die Julius Geiger GmbH und fertigt vom 6. August jenes Jahres an in direkter Nachbarschaft zum Feuersee biegsame Wellen für den Werkzeugantrieb. Berthold Leibinger (1930–2018), das Patenkind des Firmengründers Christian Trumpf, macht aus dem mittelständischen Maschinenbauer mit zwischenzeitlichem Firmensitz in Stuttgart-Weilimdorf einen weltweit anerkannten Industriekonzern. Neben der Werkzeugtechnik ist Trumpf heute vor allem auf Lasertechnologie spezialisiert.
Aus Reutter wird Recaro
Ein Mitarbeiter von Reutter fertigt um 1960/61 im Werk in Stuttgart eine Karosserie für ein Porsche Typ 356 Cabriolet. Foto: dpa
Gegründet wird die „Stuttgarter Carosserie- und Radfabrik“ 1906 vom Sattlermeister Wilhelm Reutter in der Augustenstraße. Gefertigt werden dort Klappverdecke und Innenausstattungen unter anderem für Mercedes-Benz. 1930 geht die Firma Reutter eine Partnerschaft mit Ferdinand Porsche ein und eröffnet eine Produktionsstätte in Zuffenhausen. 1963 verkauft Reutter sein Karosseriewerk an Porsche und konzentriert sich unter dem neuen Namen Recaro (Re-utter Caro-sserie) auf die Herstellung von Fahrzeugsitzen. Mittlerweile ist Recaro auf die Fertigung von Flugzeugsitzen spezialisiert, diese Produktion wird von Schwäbisch Hall aus gemanagt.
Fein
Erfinder, Unternehmer, Pionier – Wilhelm Emil Fein besitzt viele Talente, die er in der Leuschnerstraße zusammenführt. Im Jahr 1867 gründet Wilhelm Emil Fein die „Werkstatt für elektrische und physikalische Apparate“ und entwickelt das Telefon durch die Verbesserung der Übertragungsqualität entscheidend weiter. In der Leuschnerstraße entsteht im Jahr 1895 auch der erste weltweit elektrisch betriebene Handbohrer. Dem E-Werkzeug ist die Firma Fein auch nach dem Umzug nach Schwäbisch Gmünd bis heute treu geblieben.