Eine Mail des Deutsche-Bank-Vorstands Alexander von zur Mühlen an die Belegschaft bringt dies beispielhaft zum Ausdruck: „Während das ganze Land mit den verheerenden Auswirkungen des aktuellen Ausbruchs der Pandemie kämpft, sind es vor allem noch einmal die 13 000 Menschen vor Ort in Indien, und damit unsere größte Gruppe von Kolleg*innen außerhalb Deutschlands, denen unsere unmittelbare Sorge und Aufmerksamkeit gilt“, schreibt von zur Mühlen – und fährt fort: „ Die Teams haben unermüdlich daran gearbeitet, während der Pandemie den reibungslosen Betrieb unserer Bank auf der ganzen Welt aufrechtzuerhalten. Sie arbeiten bereits seit über einem Jahr unter den Bedingungen des dortigen Lockdowns, und wir konzentrieren uns intensiv darauf, ihre Gesundheit und Sicherheit zu schützen. Nun, wo die Situation leider eskaliert, stehen wir umso enger an der Seite unserer Kolleg*innen in Indien.“
Bosch leistet vielfältige Hilfe
Mehr als 400 000 Neuinfektionen am Tag, Bilder von verzweifelten Angehörigen, die keinen Sauerstoff für die Erkrankten auftreiben können – die Lage in vielen indischen Regionen hat sich in den vergangenen Wochen dramatisch verschlechtert. In vielen deutschen Firmen werden Hilfsmaßnahmen geplant oder sind schon im Gange. Es gibt enge Verbindungen in das asiatische Land: Rund 70 Prozent der Dax-Konzerne haben Teile der IT-Dienstleistungen und Verwaltungstätigkeiten in Service Center ausgelagert, viele davon nach Indien, sagt Niklas Oldiges, der Leiter für Global Business Services bei der Unternehmensberatung EY.
Aus unserem Plus-Angebot: Indiens Krise ist Folge skrupelloser Machtpolitik
Die Soforthilfen sind vielfältig, wie das Beispiel von Bosch zeigt. Das Stuttgarter Stiftungsunternehmen beschäftigt in Indien 30 000 Mitarbeiter, darunter 20 000 IT-Experten. In Adugodi bei Bangalore funktionierte Bosch schon vor einigen Wochen seine lokale Sporthalle zu einer Notklinik mit 70 Betten um. Darüber hinaus würden demnächst fast 300 medizinische Geräte im Wert von mehr als einer Million Euro fürs indische Rote Kreuz nach Neu-Delhi geflogen und kostenlos zur Verfügung gestellt, wie eine Unternehmenssprecherin berichtet. Ihren Angaben zufolge produziert Bosch in Indien mit einer voll automatisierten Fertigungslinie täglich etwa 100 000 Mund-Nasen-Bedeckungen nach medizinischen Vorgaben für seine Beschäftigten, die teils auch der Bevölkerung gespendet würden. An allen größeren indischen Bosch-Standorten liefen Impfprogramme.
Die Deutsche Bank hat ein Soforthilfeteam für die Mitarbeiter und deren Familien zusammengestellt, in dem erfahrene Führungskräfte und die Leiter der Auslieferungszentren in Bangalore, Pune, Jaipur und Mumbai engagiert sind. Es unterstützt die Mitarbeiter etwa dabei, Impftermine wahrnehmen zu können und Plätze in Krankenhäusern zu bekommen. Mit zwei Millionen Euro fördert die Bank zudem lokale Hilfsorganisationen, die unter anderem Sauerstoffgeräte, Klinikbetten und Lebensmittelpakete organisieren.
Der Chemiekonzern Bayer, der in Bangalore ein eigenes Shared-Services-Center mit 300 Mitarbeitern betreibt, garantiert laut einem Sprecher „einen erweiterten Krankenversicherungsschutz, psychologische Unterstützung, umfassende Gesundheitsuntersuchungen sowie Corona-Schutzimpfungen“. Die indischen Mitarbeiter hätten Selbsthilfegruppen gegründet, um die Bevölkerung zu unterstützen.
Die indischen Dienstleister funktionieren trotz der Krise
Bemerkenswert stabil laufen trotz der dramatischen Lage die globalen Geschäftsprozesse weiter. Die meisten Konzerne verfügten über Notfallpläne, nach denen Dienstleistungen etwa im Bereich des IT-Supports oder des Rechnungswesens zu Standorten in andere Länder verlagert würden, wenn es nötig wäre, berichtet der EY-Berater Niklas Oldiges. Dies sei bisher jedoch nicht im großen Stil passiert. Etwa zehn bis zwölf Prozent der Mitarbeiter in Indien seien selbst oder in der Familie von Corona-Infektionen betroffen. Dies könne aber dadurch aufgefangen werden, dass Aufgaben neu priorisiert werden. Geschäftskritisch würde die Lage erst bei einer Ausfallquote von 20 Prozent.
Bayer berichtet, das indische Service-Center sei „bislang uneingeschränkt arbeitsfähig und musste seinen Betrieb nicht einschränken oder unterbrechen“. Bosch und die Deutsche Bank machen ähnliche Erfahrungen. Bei allen arbeitet der überwiegende Teil bereits seit Beginn der Pandemie im Jahr 2020 im Homeoffice. Die Improvisationskunst von damals, als innerhalb kürzester Zeit Computer und Netzanschlüsse für die Arbeit von zu Hause organisiert wurden, zahlt sich jetzt aus. „Die IT-Prozesse wie auch die Produktion in unseren Werken konnten wir trotz der aktuellen Herausforderungen stabil halten und die Nachfrage unserer Kunden bedienen“, teilt Bosch mit.
Die Lage bleibt bedrückend für alle
Die Coronapandemie offenbart die wechselseitigen globalen Abhängigkeiten. Einen Gegentrend, Dienstleistungen wieder zurück nach Deutschland zu holen, kann EY-Berater Oldiges aber nicht erkennen. Im Gegenteil: Derzeit steige das Interesse am Outsourcing eher an. „Die Shared-Services-Center funktionieren auch in der Krise stabil“, sagt Oldiges, „sie haben die Feuerprobe bestanden.“ Trotzdem überwiege derzeit ein bedrückendes Gefühl, sagt der Berater. Auch EY betreibt ein eigenes Service-Center in Indien, mit dem er regelmäßig in Kontakt ist. „Die Lage nimmt einen persönlich mit. Das ist ja kein weit entferntes Geschehen. Es geht um Kollegen, mit denen man häufig telefoniert.“