Am 15. März 1919 erschien die erste Ausgabe des „Bosch-Zünders“. Damals wie heute soll die Mitarbeiterzeitung den Zusammenhalt stärken.  

Wirtschaft: Harry Pretzlaff (hap)

Stuttgart - Der "Bosch-Zünder" zählt zu den ältesten deutschen Mitarbeiterzeitungen. Der Gedanke, ein Mitteilungsblatt oder etwas Ähnliches bei Bosch zu schaffen, sei bereits in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg hin und her besprochen und grundsätzlich bejaht worden, schreibt Theodor Heuss in seiner Biografie über Robert Bosch. Der Unternehmensgründer habe die Umsetzung dieser Pläne jedoch davon abhängig gemacht, dass der richtige Mann für diese Aufgabe gefunden werden könne. Otto Debatin, einem Badener, der nach dem Studium der Naturwissenschaften für die Stuttgarter "Kosmos"-Hefte populärwissenschaftliche Beiträge schrieb, traute Bosch schließlich zu, diese Aufgabe zu bewältigen. Diese Personalentscheidung sei richtig gewesen, urteilt Theodor Heuss, denn: "Der Bosch-Zünder wurde nicht ein beliebiges Anhängsel des großen Geschäfts oder ein Wimpel, der als Zierat wirken sollte", so Heuss, "er ist aus der Geschichte der Bosch-Werke gar nicht mehr wegzudenken."

Am 15. März 1919 erschien die erste Ausgabe des "Bosch-Zünders". Die Unternehmensführung wollte mit dieser Publikation den Zusammenhalt stärken und den Arbeitern einen Blick über den Tellerrand ermöglichen. "Die neuzeitliche Betriebsgliederung bringt es durch ihre weitgehende Arbeitsteilung mit sich, dass der Einzelne von den Vorgängen außerhalb seines engbegrenzten Arbeitsbereichs nur wenig hört und sieht. Und doch hat ein jeder den Wunsch und auch ein Anrecht darauf, sich als vollwertiges Glied des Ganzen, als eine für seinen Platz notwendige Persönlichkeit zu fühlen", heißt es in dem Geleitwort auf der Titelseite der ersten Ausgabe. Die Mitarbeiter sollten teilnehmen "an den Sorgen und Hoffnungen des Unternehmens, dem sie sich anvertraut haben ... und dessen Zukunft auch die ihrige ist".

An Konflikten hat es damals nicht gemangelt

Mitarbeiterzeitschriften hatten in jener Zeit Konjunktur. Nur drei Monate nach dem ersten "Bosch-Zünder" erschien die erste "Daimler-Werkzeitung", bei der der Soziologe Eugen Rosenstock-Huessy als Redakteur arbeitete. Im Gegensatz zum "Bosch-Zünder" wurde die "Daimler-Werkzeitung" jedoch bereits im Jahr darauf wieder eingestellt - möglicherweise, weil die Autoren das zwischen ihnen und den Arbeitern bestehende Bildungsgefälle außer Acht ließen, wie Alexander Michel feststellt, der eine Dissertation über die Frühgeschichte der Mitarbeiterzeitungen geschrieben hat. Die "Werkzeitung" veröffentlichte Themenausgaben über das Universalgenie Leonardo da Vinci, den Erfinder James Watt, Amerika und das Eisenbahnwesen. Parallel zur "Werkzeitung" gab Daimler bald die "Werksnachrichten" heraus, - "ein weniger anspruchsvolles Blatt, das Arbeitszeiten und Zugfahrpläne bekanntgibt und Mitgliedern des Vorstands Gelegenheit bietet, zu aktuellen Konflikten im Werk Stellung zu beziehen", wie es in einem Rückblick des Autobauers auf die Geschichte seiner ersten Mitarbeiterzeitung heißt.

An Konflikten hat es damals nicht gemangelt. Die Umstellung auf die Friedensproduktion nach dem Ende des Ersten Weltkriegs führte zu massiven Entlassungen. Hinzu kam der Übergang vom Kaiserreich zur Republik. Im Vorfeld der für den 12. Januar angesetzten Wahlen zur verfassunggebenden Versammlung in Württemberg gab es Massenstreiks, Unruhen und Proteste der Arbeiter. Anfang April kam es in Stuttgart und Umgebung zu einem Generalstreik, der am 8. April zum Erliegen kam. Im Sommer jedoch flammte der Zorn wegen einer neuen, direkt vom Lohn abgezogenen Einkommensteuer, wieder auf. Es gab wilde Streiks und spontane Hofversammlungen. Die avantgardistische "Werkzeitung" des Soziologen Rosenstock-Huessy war damals "mit ihrer Rolle als eine Art mediales Bollwerk gegen die Radikalisierung der Arbeiterschaft weit überfordert", heißt es in einer Publikation zum Wandel der Arbeitswelt bei Daimler und Benz, die in diesem Jahr zum 125. Geburtstag des Automobils herausgegeben wurde.

An den Wandel der Medienwelt angepasst

Beim "Bosch-Zünder" standen die Informationen über die Produkte und deren Herstellung sowie die geschäftliche Lage und der internationale Wettbewerb im Vordergrund der Berichterstattung, heißt es in der Jubiläumsausgabe zum 75-jährigen Bestehen der Mitarbeiterzeitung. Neben der reinen Information habe Chefredakteur Debatin jedoch auch der Meinungsaustausch besonders am Herzen gelegen. "Er scheute nicht davor zurück, harten Attacken gegen die Leitung der Firma den zur Argumentation notwendigen Platz einzuräumen. Marxistische radikale Gedanken beispielsweise feierten fröhliche Urständ. Nicht ohne geharnischten Widerspruch", heißt es im Rückblick. Die Kontroversen besaßen gelegentlich einen herben Ton, schreibt der Bosch-Biograf Heuss. "Man war entschlossen, nicht zimperlich zu sein, ließ ein kräftiges Wort zu und wusste auch, wenn es darauf ankam, mit einem kräftigen Wort zu erwidern", schreibt Heuss. Auch Robert Bosch habe von Zeit zur Zeit zur Feder gegriffen.

Seit jenen politisch und wirtschaftlich turbulenten Jahren ist das Stuttgarter Unternehmen gewaltig gewachsen. Als der "Bosch-Zünder" erstmals erschien, zählte das Unternehmen gerade einmal 6120 Mitarbeiter. Heute beschäftigt der Stuttgarter Konzern weltweit bald 300.000 Menschen, die sich anders als damals auf vielfältige Weise informieren können. So gibt es heute bei Bosch neben der Mitarbeiterzeitung, die fünf bis sechs Mal im Jahr erscheint, auch das Intranet. Auf diesem elektronischen Kommunikationsweg können Informationen unabhängig vom Redaktionsschluss der gedruckten Zeitung in Windeseile verbreitet werden.

"Bosch-Zünder" erscheint in neun Sprachen

Der "Bosch-Zünder" habe sich an den Wandel der Medienwelt angepasst, sagt Uta-Micaela Dürig, die Kommunikationschefin des Stuttgarter Konzerns. In den sechziger und siebziger Jahren noch sei der "Bosch-Zünder" verstärkt auch der Chronist des Firmengeschehens gewesen, der beispielsweise ausführliche Berichte über Veranstaltungen des Unternehmens gebracht habe. "All das haben wir heute verstärkt im Intranet, weil wir hier schneller sind," berichtet Dürig. "Da kann man sofort ein Bild von einer Veranstaltung veröffentlichen, und jeder Mitarbeiter kann es sehen und ist darüber informiert, ganz gleich, auf welchem Kontinent er arbeitet." Das Intranet mache die gedruckte Mitarbeiterzeitung aber keineswegs überflüssig. "Der Bosch-Zünder ist nach wie vor ein sehr bedeutendes Kommunikationsmittel". Statt der reinen Nachricht liefere er heute jedoch vor allem den erläuternden Hintergrundbericht, er zeige auf, wie sich ein Ereignis in die Strategie des Unternehmens einfüge. "Die Bedeutung der Zeitung wird im gesamten Mix der Kommunikationsmittel nicht abnehmen, sondern vielleicht sogar weiter zunehmen, weil die Komplexität der Welt, in der wir agieren und die Komplexität der Themen durch die weitere Diversifikation und die Globalisierung des Unternehmens weiter zunimmt".

Der "Bosch-Zünder" soll die Bindung an das Unternehmen stärken, wie der Chefredakteur Gunter Epple erläutert, der vor seinem Wechsel zu Bosch Wirtschaftsredakteur bei den "Stuttgarter Nachrichten" war. "Wir müssen das Zusammengehörigkeitsgefühl unterstützen, wir porträtieren Mitarbeiter und zeigen damit, dass jeder Einzelne zum Erfolg des Unternehmens beitragen kann." Umgesetzt wird dies auf vielfältige Weise. In der September-Ausgabe etwa wird unter anderem in einer Reportage darüber berichtet, wie Mitarbeiter im malaysischen Penang die Produktion von Elektrowerkzeugen verbessert haben, kommen Einkäufer zu Wort, die in der Türkei Lieferanten von Plastikteilen Verbesserungsvorschläge machen, wird ein Reutlinger Gruppenleiter vorgestellt, der als Mentor einem Studenten beim Werksbesuch erzählt, wie sein Arbeitstag aussieht.

Seit 2005 erscheint der "Bosch-Zünder" nicht nur in deutsch, sondern in mittlerweile neun Sprachen, darunter auch in Chinesisch, Türkisch und Portugiesisch. Als diese Mehrsprachigkeit der Zeitung vorbereitet wurde, habe man die Mitarbeiter auch gefragt, ob der traditionelle Titel beibehalten werden solle, berichtet die Kommunikationschefin Dürig. "Je weiter die Mitarbeiter weg waren von Europa, desto mehr haben sie sich dafür eingesetzt, den Titel beizubehalten", so Dürig.