Der 35 Jahre alte Schotte ist einer der Stars bei den Boss Open in Stuttgart – und ein großes Vorbild. Er möchte sein Preisgeld für einen guten Zweck spenden.

Sport: Dominik Ignée (doi)

Einer der Stars der Boss Open auf dem Weissenhof rangiert in der Weltrangliste auf Platz 69. Das klingt wenig spektakulär, liegt aber an zahlreichen Verletzungen in den vergangenen Jahren. Trotzdem: Der Schotte Andy Murray kommt mit dem Ausweis, in seiner Karriere drei Grand-Slam-Turniere gewonnen zu haben, auch erster der Weltrangliste war er schon. Inzwischen ist er 35 Jahre alt, und was er bei der Auftaktpressekonferenz in Stuttgart erzählt, es hat Gewicht. Der Brite, dessen Weg erstmals in die baden-württembergische Landeshauptstadt führte, zeigte bei seinem Auftritt, dass er ein großer Sportsmann ist – und ein noch größeres Vorbild.

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Der Tennisspieler hat sich vorgenommen, seine bis Jahresende erspielten Preisgelder über die Unicef an Kinder in der Ukraine zu spenden. Kinder, die mit ihren Familien unfassbares Leid erfahren. „Was gerade in der Ukraine passiert, ist furchtbar. Die Kinder verlieren ihr zu Hause, werden von ihren Familien getrennt oder sogar getötet“, sagt Murray und fügt hinzu: „Ich kann nicht viel tun, aber ich versuche, wenigstens etwa zurückzugeben.“ Da gebe es ihm auch eine zusätzliche Motivation, so lange wie möglich im Turnier zu bleiben – es ist ja für einen guten Zweck.

Das Engagement von Andy Murray hat auch einen tieftraurigen Grund. Er selbst machte im Alter von neun Jahren schon eine entsetzliche Erfahrung. Er wuchs im schottische Dunblane auf mit seinem Bruder James, die Eltern trennten sich früh. Er besuchte die örtliche Grundschule, an der er im März 1996 ein Schulmassaker miterleben musste. Ein 43-jähriger Mann erschoss 16 Erstklässler und eine Lehrerin – das ist etwas, was man sein Leben lang nicht vergisst. „Ich habe mehrere Jahre gebraucht, um dieses Ereignis zu verarbeiten“, sagt Murray, der die Katastrophe überlebte.

Zuletzt arg gebeutelt

Der Schotte erinnert noch heute bei zahlreichen Anlässen an die Toten von Dunblane, und im Hinblick auf den jüngste Amoklauf in den USA sagt er: „Dort hat es dieses Jahr bereits 200 solcher Massenschießereien gegeben. Man sollte sich in den USA also auch mal Gedanken darüber machen, wie man diese Kultur ändern könnte.“ In Großbritannien wurden die Waffengesetze nach der Katastrophe in Dunblane geändert, und seither ist nichts Vergleichbares passiert.

Seine sportliche Situation, so schwer es ihn auch gebeutelt hatte in den vergangenen drei Jahren, sie ist im Vergleich zu diesen Ereignissen nichts weiter als eine Randnotiz – Andy Murray weiß es selbst. 2019 machten ihm die Folgen einer Hüftoperation zu schaffen, er kündigte seinen Rücktritt an, kam wieder zurück. Im Jahr 2021 plante er mit einer Wildcard bei den Australian Open in die Saison zu starten, doch nachdem er Mitte Januar positiv auf Covid-19 getestet wurde, konnte er nicht mehr die erforderliche Zeit in Quarantäne verbringen. Wenige Monate später zwang ihn eine Leistenverletzung zu Pausen, er musste seinen Olympiastart zurückziehen und in der Weltrangliste führte der Weg immer weiter in hintere Gefilde.

Nie aufgegeben

Andy Murray hat aber nie aufgegeben, an sich gearbeitet, an sich geglaubt. „Ich bin gut präpariert und fühle mich fit“, sagt er vor seinem Erstrundenauftakt an diesem Dienstag gegen den Australier Christopher O’Connell, Qualifikant in Stuttgart und aktuell die Nummer 148 der Welt. Murray möchte noch einmal richtig gutes Tennis zeigen – so wie früher. Und er will Stuttgart kennenlernen, denn bereits bei Turnieren in Hamburg, München und Köln hat der Brite die Erfahrung gemacht, das Deutschland und der weiße Sport zusammenpassen. „Tennis ist Teil der Kultur in diesem Land, und von dem Turnier hier habe ich schon viele gute Dinge gehört“, sagt Andy Murray bei seinem bemerkenswerten Auftritt in Stuttgart. Bleibt den Kindern in der Ukraine nur zu wünschen, dass der Mann am Sonntag auch im Finale steht – weil jeder Cent zählt.