Boss Open 2022 Weissenhof-Veranstalter haben keine Angst vor der Zukunft

Regen ist Gift für das Rasenturnier in Stuttgart Foto: Pressefoto Baumann/Julia Rahn

Beim Tennisturnier in Stuttgart wird es keinen Zuschauerrekord geben – doch die Veranstalter denken über Wachstum nach.

Sport: Dominik Ignée (doi)

Pünktlichkeit ist Pflicht. Während die Spieler auf den Platz gehen, liegen im Gastronomiebereich bereits die ersten Würste auf dem Grill. Um 11 Uhr fällt beim Tennisturnier auf dem Weissenhof in allen Bereichen der Startschuss. Auch Edwin Weindorfer marschiert dann im schicken Sakko auf die Clubanlage am Killesberg, und wenn er nach links und rechts schaut, dann kommt dem Turnierdirektor nur eines in den Sinn: So soll es bleiben.

 

Muss einem um die Zukunft des Turniers bange sein? Befürchtungen, um die Veranstaltung sei es nicht gut bestellt, wenn wie am Dienstag und Mittwoch nur wenige Zuschauer auf die Anlage kommen, hat Turnierchef Weindorfer vom Veranstalter Emotion nicht. „Ich hätte mir an diesen Tagen schon mehr Gäste vorstellen können“, sagt er zwar, aber die Wetterlage habe sich verbessert. So war am Donnerstag das Interesse rege und für Freitag und Samstag waren und sind die Kartenkontingente fast erschöpft. Einen Zuschauerrekord werde es nicht geben, so Weindorfer, doch im Großen und Ganzen ist er zufrieden. „Wenn Roger Federer spielt, dann ist das Turnier natürlich leichter ausverkauft.“

Große Sieger

Weniger Besucher schmerzen zwar, doch so schnell stoßen die Veranstalter nicht an ihre Grenzen. 70 Prozent des Gesamtbudgets werden über Sponsoren finanziert, der Rest über Zuschauer, Medienrechte und die VIP-Hospitality. Die Abhängigkeit von Zuschauerzahlen ist also gar nicht mal so groß. „Aber wir wünschen uns immer ein volles Haus“, sagt Weindorfer.

Doch die Zuschauer kommen auch wegen der großen Namen. Roger Federer – an dieser Marke wird das Stuttgarter Turnier oft gemessen. Vor wenigen Jahren war der Schweizer dreimal nacheinander in Stuttgart und gewann den Wettbewerb 2018. Auch Rafael Nadal (drei Erfolge) oder Dominic Thiem haben in der jüngeren Vergangenheit bei dem Traditionsturnier schon gesiegt. „Solche Gewinner sind für ein Tennisturnier wie unseres nicht selbstverständlich, wir sind da in Stuttgart ein bisschen verwöhnt“, sagt Weindorfer, der in diesem Jahr am Ende noch Glück hatte. Um ein Haar wäre der Italiener Matteo Berrettini als Weltranglisten-Zehnter das Zugpferd der Veranstaltung gewesen. Dann wäre wieder an die herrlichen Federer-Nadal-Zeiten erinnert worden mit der Bemerkung, sie würden zu wenig Top-Ten-Stars nach Stuttgart locken können. Doch im letzten Augenblick sagte noch Stefanos Tsitsipas als Fünfter der Weltrangliste zu. Zusammen mit dem dreimaligen Grand-Slam-Turniersieger Andy Murray und dem „Enfant terrible“ Nick Kyrgios war die Mischung durchaus gelungen.

Starkes Feld

„Wir haben da wirklich ein starkes Feld zusammenbekommen“, sagt Weindorfer. Es ist auch so, dass ein 500er-Turnier wie etwa das in Hamburg nicht unbedingt besser besetzt ist als das in Stuttgart der Kategorie 250, die fünfthöchste Stufe hinsichtlich der Wertigkeit eines Turniers. Der Weissenhof ist bei einigen Spielern so beliebt wegen der gediegenen Atmosphäre in einem ganz normalen Tennisclub. Ein weiterer Vorteil ist der Termin zwischen dem Sandplatz-Major in Paris und dem Rasenturnier in Wimbledon. Einerseits können Spieler akquiriert werden, die bei den French Open früher als erwartet ausgefallen sind wie in diesem Jahr Tsitsipas. Zum anderen nutzen einige Akteure den Stuttgart-Trip zur Vorbereitung auf den Rasenklassiker in Wimbledon.

Auf Gras zu setzen, es war ein schlauer Schachzug der Veranstalter. Da Wimbledon seit 2015 eine Woche später stattfindet, ist mehr Zeit für weitere Rasenturniere – in diese Lücke sind die Stuttgarter gestoßen, um ein attraktiveres Teilnehmerfeld zu bekommen und so den Zuschauerrückgängen entgegenzuwirken. „Hamburg hat natürlich das Pech, dass es auf Asche stattfindet nach dem Rasenturnier in Wimbledon, also in einer Zeit, in der viele Spieler pausieren und sich auf die Hartplatzsaison vorbereiten wollen“, sagt Weindorfer. Er möchte den Standort im Norden Deutschlands „keineswegs schlecht“ machen, aber es gebe 250er-Turniere in guten und eben auch 500er-Turniere in ungünstigen Wochen. Vor allem die Sommerturniere haben große Probleme, Stars anzulocken und damit auch ausreichend Zuschauer.

Erhöhung des Status

Edwin Weindorfer glaubt indes daran, dass das Weissenhof-Turnier auf dem Killesberg eine Zukunft hat. Er erwägt sogar, es in die 500er-Kategorie zu heben, ab 2025 ist das möglich. „Das ist ein Thema, das wir in den nächsten Jahren auf alle Fälle diskutieren werden, weil ich sehr wohl glaube, dass wir hier die Möglichkeiten dazu haben“, sagt der Österreicher. Allerdings muss dafür ordentlich aufgerüstet werden. „Wir müssten die Kapazität des Centre-Courts vergrößern, wir müssten das Preisgeld erhöhen, und das sind Dinge, die wir zurzeit mit unserem neuen Titelsponsor Boss untersuchen.“

Dass die Veranstaltung irgendwann gar nicht mehr stattfinden könnte, daran verschwendet derweil auch der stellvertretende Vorsitzende des TC Weissenhof keinen Gedanken. „Dieses Turnier ist älter als wir alle, das muss man sich mal vorstellen“, sagt Georg Kauffeld – mit Blick auf die 105. Turnierauflage in diesem Jahr.

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