Nach 1:15 Stunden segelte eine letzte Rückhand hinter die Grundlinie, damit war Andy Murrays Erstrunden-Aus bei den Boss Open in Stuttgart besiegelt. Ein kurzes Winken ins Publikum – und Goodbye. Der alte Ritter hat noch einmal das letzte aus seinem Körper herausgeholt. Allein, es sollte nicht reichen. Ein 3:6, 4:6 gegen den US-Amerikaner Marcos Giron markierte den letzten Auftritt des Schotten beim Rasenturnier auf dem Weissenhof.
Hinter Andy Murray liegt eine glanzvolle Karriere mit drei Grand-Slam-Titeln – darunter dem prestigeträchtigsten von Wimbledon 2016 –, aber auch viel Pein. 984 Matches allein auf der ATP-Tour haben ihre Spuren und mehrere Hüftoperationen hinterlassen. Seit fünf Jahren spielt der Schotte mit einem künstlichen Gelenk aus Metall.
Mit 37 Jahren nahm Murray, der vor fünf Jahren zum Lord des Vereinigten Königreichs geschlagen wurde, einen letzten Anlauf. Stuttgart sollte zu Beginn der Rasensaison zum Testlauf für Wimbledon werden. Nach Olympia könnte endgültig Schluss sein. „Ich denke nicht, dass ich über den Sommer hinaus spielen werde“, kündigte er bereits im Februar an.
An den Plänen des vierfachen Familienvaters hat sich auch in Stuttgart nichts geändert. Murray wird in naher Zukunft abtreten. Und sich damit in die Riege der Big Four einreihen, der großen vier dieser Tennis-Generation, die das Männertennis in den vergangenen 20 Jahren wie niemand vor ihnen dominiert haben und sich nun langsam, aber sicher von der großen Bühne verabschieden.
Roger Federer (42) hat seinen Schläger bereits vor zwei Jahren an den Nagel gehängt. Der Maestro frönt seither einem genussvollen Leben als Privatier. Sein langjähriger Rivale, Sandplatz-König Rafael Nadal, schleppt sich seit geraumer Zeit mehr schlecht als recht über die Tennisplätze dieser Welt. Bei den French Open in Paris war in der Auftaktrunde Schluss. Das frühe Aus bei Nadals Lieblingsturnier, das er 14-mal gewinnen konnte, nährte erneut die Spekulationen über ein nahes Karriereende des 38-Jährigen.
Nadal will noch nicht loslassen, merkt aber gleichzeitig, dass das Ende nah ist. „Ich weiß noch nicht, ob ich noch einmal zurückkomme“, sagte er in Paris. Sein großes Ziel sind die Olympischen Spiele in diesem Sommer – sie könnten der letzte große Aufschlag des Mallorquiners werden. Vielleicht führt ja irgendwann Cousin Joan Nadals Erbe fort. Der 20-Jährige trat in Stuttgart in der Qualifikation an, scheiterte dort allerdings in der ersten Runde.
Olympia in Paris als goldener Abschluss?
In einem ähnlichen Zwiespalt wie Nadal befindet sich Grand-Slam-Rekordhalter Novak Djokovic (24 Titel). Der Serbe will ebenfalls noch nicht loslassen. „Ich hoffe, dass ich noch eine ganze Weile in Form bleiben kann. Ich liebe diesen Sport, ich habe noch keine Lust aufzuhören,“ sagte er vor den French Open. Spätestens dort musste der Serbe aber einsehen, dass er keine 27 mehr ist. Die ganze Saison lief schon nicht gut, in Paris kämpfte sich der 37-Jährige mit Schmerzen und Schmerzmitteln ins Achtelfinale – bis ihm der Meniskus riss. Den Spitzenplatz in der Weltrangliste musste Djokovic abgeben, Wimbledon wird er in jedem Fall verpassen.
Federer, Djokovic, Nadal und Murray prägten das Tennis der vergangenen zwei Jahrzehnte
Und danach? Könnten auch für ihn die Sommerspiele von Paris als goldener Abschluss dienen. Ein Einzelsieg bei Olympia ist das Einzige, was in Djokovics riesiger Titelsammlung noch fehlt. Thommy Haas hat die Götterdämmerung im Männertennis schon länger heraufbeschworen. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sich das noch lange antun“, sagt Haas in Bezug auf Djokovic und Nadal. Der 46 Jahre alte Ex-Profi, der als Turnierbotschafter der Boss Open auftritt, weiß aus eigener Erfahrung: „Mit zunehmendem Alter und nach so vielen Verletzungen fällt es immer schwerer, sich noch zu motivieren.“ Vor allem, wenn für die erfolgsverwöhnten Seriensieger von einst plötzlich mehr Niederlagen als Siege zu Buche stehen.
Die Nachfolger rütteln schon lange an den Denkmälern. Jannik Sinner, 22, hat nach den French Open den Platz an der Sonne von Djokovic übernommen. Paris-Sieger Carlos Alcarcaz ist mit 21 Jahren der Jüngste, der je einen Grand Slam auf allen drei Belägen (Hartplatz, Sand, Rasen) gewonnen hat. Dahinter lauern Zverev, Daniil Medvedev, Andrey Rublev oder Casper Ruud, mit Mitte/Ende 20 im besten Sportleralter. „Sie werden das Tennis in den kommenden Jahren dominieren“, ist sich Haas sicher.
Ob sie auch eine neue Ära begründen können, steht auf einem anderen Blatt. Die Big Four haben die Latte hoch gelegt.