Bosse im Beethovensaal So was von sympathisch

Von Christof Hammer 

Der Songwriter Axel Bosse feiert in Stuttgart einen prächtigen Auftakt seiner aktuellen Deutschlandtournee – und beschäftigt sich dankenswerterweise mit viel mehr als nur mit sich selbst.

Bosse beschert seinen Fans in der Liederhalle viele feine Momente. Foto: Oliver Willikonsky - Lichtgut 9 Bilder
Bosse beschert seinen Fans in der Liederhalle viele feine Momente. Foto: Oliver Willikonsky - Lichtgut

Stuttgart - Die meisten Texte der aktuellen deutschen Pop-Poeten wirken, als habe sie ein Autorenteam von hauptberuflichen Sich-selbst-Suchern aus zielgruppentauglichen Reizwörtern wie „Zweifel“, „Sterne“, „einsam“ oder „leuchten“ (oder, um es mit Jan Böhmermann zu sagen: „Menschen“, „Leben“, „Tanzen“, „Welt“) in mehreren Korrekturdurchgängen auf maximale Sensitivität gebürstet.

Bei Axel Bosse klingt das alles wenigstens ab und an ziemlich anders. Dann sind die Texte des Songwriters aus Braunschweig nicht nur dem eigenen Gefühl geschuldete Halbwahrheiten, sondern feine Milieustudien, bei denen sogar die eigene Klientel nicht außen vor bleibt. Dann erzählt er (in „Robert de Niro“) mit präzisem Blick von Claire, die als Kellnerin auf dem „Latte-macchiato-Strich“ arbeiten muss und die schon viel zu viel Zeit ihres Lebens im „Soja-Gefängnis“ der Szenecafés dieser Republik verbracht hat. Oder er lässt sich ganz nah auf seine Lieblingsstadt Istanbul ein, beobachtet ihren Herzschlag zwischen Galata und Taksim. Dann wird klar, warum dieser Typ eine Bereicherung für die deutsche Musikszene ist, die sich so gerne in Selbstergriffenheit und Selbstbetroffenheit suhlt und ihre Botschaften so oft durchsiebt, bis sie maximal reibungslos ins Ohr rieseln.

Erstaunlich funky und elektronisch

Und selbst wenn Bosse sich beim Auftaktkonzert seiner aktuellen Deutschlandtournee nur auf ähnlichem Terrain bewegt wie die Kollegen, ein Leben zwischen Party, der Kunst des Scheiterns und einem ganz dem Moment verpflichteten Vorantasten ins Ungewisse besingt: Alles wirkt unverstellter, weniger geschauspielert, nicht so abgezockt. Dazu ein hör- und sichtbar spielfreudiges Septett, und zweitausendfünfhundert Besucher erleben im Beethovensaal einen flotten, deutlich über zwei Stunden langen Abend, der viele feine Momente bereithält.

Bisweilen erstaunlich funky und elektronisch klingt dieser Mix aus Pop und Indie-Rock, in dem insbesondere die Trompete von Martin Wenk, aber auch ein Violoncello oder ein Akkordeon hübsche Klangfarbentupfer setzen. Angenehm unprätentiös bleibt auch das Bühnenbild, das drei Videorauten mit zwei stilisierten Neonhänden kombiniert, die an eine Mischung aus „Lucky Strike“-Zigarettenpackung und „Flutschfinger“-Eiscremereklame erinnern.

Und Bosse selbst verfällt nie in eine Rolle, spielt zu keiner Sekunde sich selbst, bleibt ungekünstelt in seiner Publikumsansprache, improvisiert beim Bad in der Menge oder streut spontan einen Walzer mit der Sängerin und Keyboarderin Valentine Romanski ein. Das mitsingfreudige Publikum zelebriert als Highlight des Abends ausgelassen die Hymne „Schönste Zeit“, erklatscht sich verdientermaßen eine außerplanmäßige Zugabe – und feiert mit weit überdurchschnittlichem Applaus einen sympathischen Musiker, der sich überzeugend und ohne Allüren mit mehr als nur mit sich selbst beschäftigt.