Boston-Marathon Es hätte auch bei uns passieren können

Es gibt viele Orte auf der Welt, an denen mehr Menschen sterben als am Montag in Boston. Trotzdem beherrschen die Anschläge in Amerika die Schlagzeilen. Dafür gibt es Gründe, glaubt StZ-Redakteur Christian Gottschalk.

Der Terror in den USA beherrscht die Schlagzeilen. Foto: dpa 21 Bilder
Der Terror in den USA beherrscht die Schlagzeilen. Foto: dpa

Boston - Die Welt tickt ungerecht. Als vor wenigen Tagen im Süden Thailands zwei Polizisten bei einem Bombenanschlag ums Leben gekommen sind, da hat das in Europa praktisch niemanden interessiert. Fast zur gleichen Zeit, zu der am Montag in Boston die Ereignisse ihren Lauf nahmen, starben im Irak mehr als 30 Menschen bei Anschlägen. Das war nur eine kleine Meldung.

Es ist nicht die Zahl der Toten allein , die darüber entscheidet, wann in unserer Wahrnehmung ein Unglück zum Desaster wird, ein Angriff zum Albtraum, ein Anschlag zur Katastrophe. Und es ist nicht die räumliche Nähe zum Ort des Geschehens. Boston ist mehr als doppelt so weit von Stuttgart entfernt wie Damaskus, wo das Grauen bedeutend größer ist. Doch in Damaskus ist es ein tägliches Grauen, und es gehört zu den grausigen Erkenntnissen, dass die Aufmerksamkeit sinkt, je länger die Tragik andauert.

Mehr Menschen sterben durch Malaria als durch Bomben

Syrien ist da ja nur ein Beispiel von vielen. Durch fehlendes Essen, unsauberes Trinkwasser oder Malaria sterben jedes Jahr weit mehr Menschen als durch alle Bomben weltweit zusammen. Für sie ist es ein schleichender, ein stiller Tod. Er kommt hunderttausendfach, und er lässt sich an keinem konkreten Einzelereignis fest machen. Es gibt nur wenige Bilder, die das Leid dieser Menschen in die Welt hinaus transportieren. Das Maß an Aufmerksamkeit, das es erzielt, wird dem Ereignis in keiner Weise gerecht.

Doch von Boston gibt es Bilder. Rauch und Qualm, schluchzende Menschen, helfende Retter, blutverschmierte Gesichter. Alles ist da, in Sekundenschnelle. Von tausenden von Smartphones sofort ins Netz gestellt. Bilder, auf die manch ein Betrachter im Nachhinein wohl gerne verzichtet hätte. Redaktionen hatten schon immer die undankbare Aufgabe, zu entscheiden, wie viel Grausamkeit der Öffentlichkeit vermittelt und zugemutet werden kann, darf oder soll. Im Internet ist dieser Filter nun weitgehend aufgehoben. Fehlende Gliedmaße gibt es en masse und unretouchiert.