Botnang Holzernte im Naturschutzgebiet sorgt für Frust

Von Marta Popowska 

Anwohner wundern sich darüber, dass im Rot- und Schwarzwildpark zahlreiche alte und gesunde Buchen gefällt werden. Die Furcht vor einem Kahlschlag ist groß, doch die Stadt Stuttgart hat eine Erklärung.

Hagen Dilling, stellvertretender Leiter Garten-, Friedhofs- und Forstamts,  zwischen Bäumchen, die von  einer gefällten Buche beschattet wurden und künftig mehr Licht zum Wachsen haben werden. Foto: Marta Popowska
Hagen Dilling, stellvertretender Leiter Garten-, Friedhofs- und Forstamts, zwischen Bäumchen, die von einer gefällten Buche beschattet wurden und künftig mehr Licht zum Wachsen haben werden. Foto: Marta Popowska

Botnang - Wer dieser Tage durch den Rot- und Schwarzwildpark spaziert, muss aufpassen, wohin er oder sie den Fuß setzt. Eltern manövrieren Kinderwagen über Wege, die von tiefen Furchen durchzogen sind, die schwere Fahrzeuge hinterlassen haben. Doch das ist nicht das Schlimmste für die Erholungssuchenden. Sorgen und Frust bereiten vielen Menschen die Baumfällungen, die einige gar als „massiv“ bezeichnen. Angesichts der Holzeinschläge, denen viele große Buchen erliegen, machen sich Frust und Ärger unter den Botnangern breit, die um ihren Wald fürchten.

2018 wird eein Drittel des Schwarzwildparks durchforstet

Hagen Dilling muss dieser Tage oft erklären, was es mit den Fällungen der alten Buchen auf sich hat. Der stellvertretende Leiter des Garten-, Friedhofs- und Forstamts nimmt die Sorgen der Menschen ernst, antwortet jedem persönlich, bietet selbst Treffen vor Ort an. In der Nähe des Forsthauses I stapeln sich die dicken Buchenstämme am Wegrand, sorgsam getrennt liegen große Haufen aus Ästen und Laub. „Es sieht wüst aus, aber momentan ist das eine Baustelle. Ich verstehe auch die Aufregung, doch aus fachlicher Sicht gibt es nichts zu beanstanden“, sagt Dilling. Was er damit meint: Alle zehn Jahre werden die Ziele für den jeweiligen Forstbetrieb abgefragt – gehört der Wald der Stadt, beschließt der Ausschuss für Umwelt und Technik (UTA) des Gemeinderates, beim Staatswald, wie im Botnanger Fall, werden diese Ziele mit Vertretern des Ministeriums für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz festgelegt. Unter die Lupe nimmt man unter anderem den Waldzustand, die Verteilung der Baumarten, wie es um die Naturverjüngung bestellt ist, die Bodenverhältnisse und eben auch, wie viele Bäume gefällt werden dürfen. Die Beschlüsse finden sich im sogenannten Forsteinrichtungswerk wieder.

Was Botnang und zahlreiche andere Wälder in Stuttgart angeht, sei man laut Dilling 2018 an besagtem Zehnjahres-Punkt. In diesem Jahr wird ein Drittel des Schwarzwildparks durchforstet, wo vor allem eine Verjüngung vorgesehen ist. „Hier sind Buchen derzeit die dominierenden Bäume, deswegen schlagen wir sie raus“, erklärt Dilling. Denn wie so oft in der Natur, setzt sich der Stärkere durch. In diesem Falle ist es die Buche. „Die großen Bäume beschatten zahlreiche kleinere“, sagt Hagen Dilling und zeigt auf einen Stumpf, zu dem einmal eine mächtige Buche gehörte. Doch in ihrem Schatten standen zahlreiche kleine Bäumchen, die nun ins Licht rücken. „In 30 Jahren schießt das alles hier hoch.“ Die Forstleute würden eben in längeren Zeiträumen denken, während die Naherholungssuchenden möglichst sofort einen schönen Wald haben wollten.

Kritik an wirtschaftlichen Interessen

Jörg Noetzel hat an der Waldverjüngung nichts auszusetzen, sofern dies maßvoll geschehe, sehr wohl aber an den wirtschaftlichen Interessen, die hier im Vordergrund stünden: „Man fällt bewusst und gezielt die großen Bäume, da sie für die wirtschaftliche Rendite den höchsten Eintrag einbringen. Man könnte sie stehen lassen, aber dann lässt die Holzqualität nach und dann lässt sich nicht mehr soviel Geld erwirtschaften“, kritisiert der Botnanger. Skandalös sei zudem, dass das Forstamt davon ausgehe, dass in den nächsten Jahren aufgrund des Klimawachstums die Bäume deutlich langsamer wachsen werden. „Wie kann es dann sein, dass man in Kenntnis dieser Sachlage jetzt dennoch den alten, gesunden Baumbestand zerstört?“, fragt er.

Hagen Dilling streitet gar nicht ab, dass auch wirtschaftliche Interessen eine Rolle spielen. „Klar werden Verträge geschlossen, um das Holz zu verkaufen. Wir müssen abschätzen, was das Fällen kosten wird und Unternehmen beauftragen. Da steht eine Logistik dahinter“, erklärt er. Jörg Noetzel findet dies einfach nur „ungeheuerlich“. Er würde die Praxis gerne stoppen und hat sich an die Stadt und Stadträte gewandt. „Es kann doch nicht sein, dass man, wenn man erkennt, dass etwas schief läuft, nur aufgrund von Zielvereinbarungen 100-jährige Bäume fällt, unter anderem weil hiermit mehr erwirtschaftet werden kann“, sagt er. Er hofft, dass man das Naturschutzgebiet in Botnang zu einem geschützten Waldrefugium umwandelt. „Das wäre möglich, wenn der Gemeinderat dies so entscheiden würde“, sagt er.

Die Kritik der Anwohner hat auch die Politik erreicht. Die Fraktion von Bündnis 90/ Die Grünen hat einen Antrag eingereicht mit der Bitte, in einer der kommenden UTA-Sitzungen über die Maßnahmen zu informieren, aber auch darüber, welche Auswirkungen die für 2019 geplante Umwandlung des Forstbetriebs des Landes in einen Eigenbetrieb „auf die Bewirtschaftung des Waldgebietes“ haben wird.

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