Bouldern und Klettern im Fokus Magersucht im Klettersport: Wie tief geht das Problem?

Der deutsche Sportkletterer und Olympia-Teilnehmer Alexander Megos ist neben Mannschaftsarzt Volker Schöffl einer derjenigen Athlet:innen, die das Thema Mangelernährung und Red-S im Klettersport in die Öffentlichkeit tragen. Foto: IMAGO/Eibner Europa/IMAGO/Eibner-Pressefoto/EXPA/Spiess

Diese Woche dürfen sich bei Olympia in Paris die besten Sportkletterer an der Wand beweisen. Dabei gerät der Sport immer wieder in den Fokus wegen Magersuchts- und Mangelernährungsfällen. Wir haben mit der Landestrainerin Lina Himpel und DAV-Schwaben-Trainer Sebastian Heitzmann über die Problematik gesprochen. [Plus-Archiv]

Stadtkind: Petra Xayaphoum (px)

2023 war für den Klettersport das Jahr der Selbstreflektion. Athlet:innen und Mediziner:innen gleichermaßen hatten eine Diskussion über Mangel- und Minderernährung im Klettersport angeworfen und öffentlich angeprangert, dass der Weltverband IFSC nicht konsequent genug gegen das Problem, das sich in den letzten Jahren noch verschärft habe, vorgehe. Unter anderem der Mannschaftsarzt der deutschen Sportkletterer, Volker Schöffl, hatte den Finger in die Wunde gelegt und nicht nur gegenüber der Deutschen Presse-Agentur klare Worte gefunden: „Klettern hat ein Gewichtsproblem. Es gibt mangel- und minderernährte Athleten, die massiv gefährdet sind.“

 

Neue Regeln gegen mangelernährte Sportler:innen

Nun hat der Weltverband im Februar dieses Jahres reagiert und neue Regeln aufgestellt, nach denen die Athlet:innen in Fragebögen ihre persönlichen Gesundheitsdaten wie Größe, Gewicht und Blutdruck angeben als auch ein Gesundheitszertifikat von ihrem nationalen Verband vorlegen müssen, ehe sie vom IFSC für Wettkämpfe freigegeben werden. Das soll konkret dem Relative-Energie-Defizit-Syndrom, kurz Red-S, entgegenwirken, das als Folge auftritt, wenn man dauerhaft mehr Energie verbrennt als man zu sich nimmt. Der Körper stellt als Folge der mangelnden Energiezufuhr bestimmte Funktionen ein, die ihn Energie kosten, bei Frauen zum Beispiel die Menstruation. Zusätzlich sollen seitens des Verbandes Zufallskontrollen durchgeführt werden, Verdachtsfälle werden von einer externen Kommission geprüft. Damit werden die Kletterer-Nationalverbände stärker in der Verantwortung genommen, sich um ihrer Sportler:innen und deren Gesundheit zu kümmern.

Wie sehen die Stuttgarter Klettersportler:innen und Trainer:innen das Thema? Wir haben mit Lina Himpel, ehemaliger Profi-Athletin und heutiger Landestrainerin beim Landesverband DAV Baden-Württemberg, sowie Sebastian Heitzmann, dem Haupttrainer der Leistungsgruppe DAV Schwaben in Stuttgart, gesprochen. Die beiden Trainer:innen arbeiten mit jungen Klettersportler:innen im Leistungsbereich zusammen. Lina, die seit ihrem zwölftem Lebensjahr bis zur Pandemie auf nationaler und internationaler Ebene geklettert hat und seit etwa vier Jahren Trainerin des Landeskaders ist, bemerkt: „Das Niveau im Kletter-Leistungssport ist in den letzten paar Jahren enorm gestiegen. Da muss man inzwischen deutlich mehr machen, als noch vor ein paar Jahren, um erfolgreich zu sein .“

Gewicht ist ein Thema im Profi-Klettersport

Aber was haben Klettern (und Bouldern) überhaupt, was andere Sportarten nicht haben, dass sie exponiert mit den Themen Essstörungen und Mangelernährung konfrontiert sind? „Klettern ist ein gewichtssensitiver Sport – wie auch Turnen zum Beispiel“, sagt Lina. Erst kürzlich hat die mehrfache olympische Turnerin Kim Bui aus Stuttgart ihre Stimme gegen Essstörungen im Spitzensport erhoben und in der ARD-Doku „Hungern für Gold“ als auch in ihrer Biografie „45 Sekunden“ über ihre eigene Bulimie-Erkrankung und den immensen Leistungsdruck im Turnen gesprochen. Sportarten, in denen man mit dem eigenen Körper arbeitet, diesen etwa durch die Luft in die Höhe schleudern muss, sind besonders anfällig für Essstörungen. „Auch beim Klettern arbeitet man mit seinem eigenen Körpergewicht, das man die Wand hochzubringen hat“, sagt Landestrainerin und ehemalige Wettkampfkletterin Lina Himpel. „Man merkt da natürlich als Athlet:in, ob man mehr oder weniger wiegt – aber Gewichtsschwankungen sind ganz normal, vor allem bei Frauen innerhalb eines Zyklus.“

Die 28-Jährige gibt außerdem zu bedenken: „Mit dem Gewicht, mit dem man trainiert, baut man auch die eigene Muskulatur auf.“ Ergo: weniger Gewicht, weniger Muskulatur – dauerhaft betrachtet. Ein Trick der Kletter-Szene und anderen gewichtssensiblen Sportarten ist daher kurz vor der Performance oder dem Wettkampf sein Gewicht zu cutten, auf den letzten paar Metern des Trainings ein paar Pfunde und Wasser runterzuhungern, um bei volltrainierter Muskulatur mit weniger Masse arbeiten zu müssen. Die Folge: Die Performance verbessert sich kurzzeitig.

Gewichtsabnahme sorgt nur kurzfristig für bessere Leistung

„Aber der Körper gewöhnt sich schnell daran“, sagt Sebastian Heitzmann. Muskeln sind das Erste, was vom Körper bei Mangelernährung abgebaut wird. „Es ist also meistens ein kurzfristiger Erfolg und der Leistungssprung relativiert sich dann schnell. Denn man braucht beim Klettern viel Energie, man hat sehr maximalkräftige Züge bei dieser Sportart – vor allem beim modernen Stil mit vielen dynamischen Zügen und athletischen Bewegungen, wie er heutzutage im Wettkampfklettern und Bouldern üblich ist. Früher, zur Jahrtausendwende, als es mehr darum ging, sein Gewicht an winzigen Griffen zu halten und lang hochzugehen, mag es noch von Vorteil gewesen sein besonders leicht zu sein. Das ist heutzutage anders, es wird anders geschraubt. Wenn ich dauerhaft zu wenig Energie zu mir nehme, dann fehlt mir die in den Kraftspitzen. Soll heißen: Man merkt schnell bei der Sportausübung selbst, dass die Performance dann zu leiden hat.“

Die beiden Trainer:innen sind sich einig: „Eine gute und ausgewogene Ernährung ist die Grundlage dafür, dass man genug Energie zur Verfügung hat, um den Klettersport ausüben zu können.“

Essstörungen wurden früher nicht erkannt

Dennoch weiß Lina Himpel noch aus ihrer eigenen Karriere: „Mangelernährung war schon immer in irgendeiner Form Thema. Mit Essen grundsätzlich fängt man sich relativ schnell an zu beschäftigen, wenn man im Leistungssportbereich unterwegs ist. Ganz banales Beispiel: Wenn ich einen Eisenmangel hatte, war ich weniger leistungsfähig. Als ich noch im Jugendbereich aktiv war, gab es damals auch schon große Unterschiede unter den Athlet:innen: Da gab es durchaus Leute – männlich wie weiblich – die bestimmte Dinge gar nicht gegessen und sich verboten haben. Ich weiß noch, wie jemand Schokostückchen aus dem Müsli raussortiert hat. Es gab einige Fälle, auch in meinem näheren Umfeld, die im Jugendalter von Essstörungen betroffen waren – die machen allesamt keinen Wettkampfsport mehr.“ Denn die Freude am Sport wird in jungen Jahren gelegt. Wer sich am Leistungsdruck kaputt macht, hat irgendwann keine Lust mehr. „Mittlerweile hat sich in der Gesellschaft eine Sensibilität gegenüber diesen Themen herausgebildet, aber damals konnten wir das als junge Sportler:innen noch nicht einordnen, wir fanden es einfach nur schräg“, erinnert sich Lina zurück.

Vor allem bei jungen Athlet:innen muss man aufmerksam sein

Sebastian weiß um die Wichtigkeit der Ausbildung eines guten Körpergefühls in den jungen, prägenden Jahren Bescheid und beobachtet mit Argwohn den zunehmenden Einfluss von Influencer:innen und Sozialen Medien auf die junge Generation. „Der Ernährungs-Trend ‚Low-Carb-Diät’ war zum Beispiel schon Thema in einer meiner Trainingsgruppen“, erinnert er sich. Die Folge: Die jungen Sportler:innen konnten plötzlich nicht mehr Leistungen abrufen, die ihnen vor der Ernährungsumstellung noch leicht gefallen sind. Er berichtet weiter von einer Anfrage zur Aufnahme in seine Leistungs-Trainingsgruppe, die er abgelehnt hat, weil ihm die Essstörung der Antragstellerin vorab bekannt gewesen war. „Da muss man als Trainer ein Auge drauf haben und bei Bedarf das Gespräch suchen“, weiß er.

Um einer ungesunden Ernährungsweise entgegenzuwirken und die jungen Athlet:innen weiterzubilden organisiert Sebastian gemeinsam mit Expert:innen immer wieder Workshops rund ums Thema „gesunde Ernährung und Leistungssport“. Wissen und Aufklärung sind Key, wenn es darum geht Essstörungen vorzubeugen, finden die beiden Trainer:innen und begrüßen daher die neuen Regeln der Kletterer-Weltverbandes: „Es ist ein Schritt in die richtige Richtung: Es braucht eine Struktur, die die Athlet:innen schützt.“ Der DAV sei aktuell dabei, Aufklärungs- und Schutzmaßnahmen zu entwickeln, um die bereits vorhandene Struktur zu stärken, weiß Lina Himpel. Denn Kennzahlen zu Gewicht, Körpergröße und et cetera sind in erster Linie nur Indikatoren, die eine individuelle medizinische Einschätzung der einzelnen Athlet:innen und präventive Maßnahmen nicht ersetzen.

Die weltweite Debatte in der Kletter-Szene hat Prozesse im Sport angeworfen, Verbände, Sportler:innen und Trainer:innen sensibilisiert. Es tut sich was im Klettersport.

Dieser Artikel erschien erstmals am 16. März 2024.

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