Bov Bjerg: „Serpentinen“ Schwäbisches Schleudertrauma

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Mit „Auerhaus“ wurde Bov Bjerg bekannt. In seinem neuen Roman „Serpentinen“ geht die Reise weiter: Ein Vater kurvt mit seinem Sohn durch die Abgründe der Kindheit.

  Foto: imago/Arnulf Hettrich/Arnulf Hettrich
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Stuttgart - Oberflächlich betrachtet ist die Schwäbische Alb eine anmutig raue Landschaft, doch bei näherem Hinsehen stößt man auf ein Kampfgebiet der Erdgeschichte. Die Erhebungen, von denen man heute ins Weite blickt, gehörten einst zu einem Ozean, der große Teile Europas bedeckt hat. Geblieben ist eine fossile Schädelstätte, in deren Schichten sich die Reste zurückliegender Katastrophen erhalten haben. Wer sich durch dieses zerklüftete Gelände den Weg bahnt, muss Umwege in Kauf nehmen, Serpentinen, es sei denn, er setzt auf die große Abkürzung, die sich in gerader Linie durch den Fels gräbt, um einmal zwischen Paris und Bratislava einige Minuten Fahrtzeit einzusparen.

In Bov Bjergs neuem Roman „Serpentinen“ reist ein Vater mit seinem Sohn in einem Leihwagen mit niederländischem Kennzeichen zurück in die Urgeschichte seiner Familie. Wer Bjergs „Auerhaus“ passiert hat, jenen Roman-Hit über das schmerzlich-zauberhafte Interim zwischen Jugend und Erwachsenwerden, wird nicht zögern zuzusteigen. Der Vater, der im neuen Buch am Lenkrad der Erzählung sitzt, war einst auch ein Bewohner der Auerhaus-WG, in der Ende der achtziger Jahre Abiturienten vor dem Muff der Provinz und der Engstirnigkeit ihrer Eltern Zuflucht fanden.

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Während sein suizidgefährdeter Freund Frieder seine Jugend nicht überlebt hat, machte er selbst im fernen Berlin Karriere als Soziologe, gründete eine Familie. Glücklich wurde er nicht. Ganz im Gegenteil, an ihm droht sich ein Selbstmordfluch zu vollziehen, der über mehrere Generationen seiner Familie verhängt ist: „Urgroßvater, Großvater, Vater. Ertränkt, erschossen, erhängt. Zu Wasser, zu Lande, und in der Luft. Pioniere. Ich war noch am Leben.“

Noch. „Serpentinen“ schildert eine Höllenfahrt in das Reich des Schwarzen Gottes, sie umkurvt den dunklen Karst der Depression, worin jedes Gefühl versickert, und führt an die Abgründe des braunen Jura, in denen die Gespenster der Nazivergangenheit rumoren. Um es kurz zu machen: der Vater ist in keiner guten Verfassung. Was sein Blick streift, verwandelt sich in Grauen: eine Wallfahrtskirche – „scheußlichster Spätbarock; die Albhochfläche – „Windräder kontrollierten den Himmel über den Äckern“; das Weichbild eines Dorfes – „rotbraune Ziegeldächerflecken, darin ragten die Stacheln der Kirchen auf. Damit sich der Allmächtige nicht hinpflanzte hier mit seinem breiten Arsch“.

Auf Effekt getrimmte Fahrweise

Dem antiklerikalen Furor zum Trotz säumen immer wieder religiöse Motive den Weg. Den Serpentinen ist ein Kreuzweg eingezeichnet, der sich auf einen Berg des Leidens schlängelt. An jeder Kehre ergibt sich ein anderer Ausblick in die Vergangenheit des eigenen Lebens, der Familie, der Gesellschaft, der Menschheit, der Erdgeschichte. Und wie es sich für Passionswege gehört, läuft alles auf die Klimax eines Sohnesopfers zu, mit dem sich die Hoffnung auf Erlösung oder endgültige Auslöschung verknüpft. Das klingt düsterer als es ist. Bov Bjerg ist ein trickreicher Erzähler, der psychopathologische Exzentrizitäten, Generationenzerwürfnisse, soziologische Etüden und angemackte Provinzfolklore mit der Spezifik deutscher Verhältnisse gefällig zu verknüpfen weiß. „Ich sah eine Autobahn und dachte: Nazis. Ich sah Gleise und dachte: Deportationen.“ Manches trägt die erfahrene Handschrift eines melancholischen Literaturspaßmachers. Das Terrain zwischen Lesebühnen und Satirezeitschriften ist neben der Schwäbischen Alb gewissermaßen die zweite Heimat des wie sein Ich-Erzähler seit langem in Berlin lebenden Autors.

So wird der Leser bei dieser selbstmörderischen Serpentinentour back to the Roots immer wieder heftig hin und her geschleudert. Das liegt weniger an der schlechten Laune und dem ausgemachten Alkoholproblem des Mannes am Steuer als an seiner auf Effekt getrimmten Fahrweise. Kaum eine Pointe wird umfahren. Und was von der einen Seite wie eine düstere ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Horror der Herkunft erscheint, wirkt von der anderen Seite wie ein gefälliges Klischee. Das gilt für die zwangsneurotische Lehrbuch-Symptomatik des Protagonisten ebenso wie für die feinen Unterschiede, denen der Aufsteiger aus einfachen Verhältnissen in der intellektuellen Schickeria seiner Zunft ausgesetzt ist. Und es gilt für seine pauschale Nazi-Fixierung, so sehr er sie selbst ironisiert und gegenwärtige Entwicklungen ihn darin zu bestärken scheinen – eben deshalb müsste man genauer hinschauen.

Zu erkunden, ob Liebe die mörderische, selbstmörderische „Scheißwut der Väter“ besänftigen kann, ist das unausgesprochene Reiseziel dieser schwäbisch-berlinerischen Erlkönig-Passage. In welchem Zustand Vater und Sohn es erreichen, soll hier offen bleiben. Der Leser aber behält ob der vielen Serpentinen auf jeden Fall ein mulmiges Gefühl in der Magengegend zurück.




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