Bov Bjergs „Auerhaus“ in der Esslinger Landesbühne Die Anarchisten von der Alb

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Zartbitter, flüchtig und mit Herzenswärme: Christof Küster inszeniert in der Esslinger Landesbühne „Auerhaus“, den Erfolgsroman von Bov Bjerg.

Die Zinkwanne als Sarg: Markus Michalik (sitzend) schaut als Frieder seiner eigenen Beerdigung zu – Szene aus „Auerhaus“ in Esslingen. Foto: Patrick Pfeiffer
Die Zinkwanne als Sarg: Markus Michalik (sitzend) schaut als Frieder seiner eigenen Beerdigung zu – Szene aus „Auerhaus“ in Esslingen. Foto: Patrick Pfeiffer

Stuttgart - Es war die Zeit des Kassettenrekorders mit Kabelsalat: Vor dem Mikro stehend wickelt der inzwischen erwachsene Höppner ein verspultes Band zurück in die Musikkassette – und zurück gehen auch seine Gedanken, zurück in die achtziger Jahre zum damals jungen Höppner, der in einem Dorf auf der Schwäbischen Alb aufwächst, dessen Bewohner jetzt hinter einer transparenten Folie aufmarschieren. Über den Dörflern erscheinen ihre auf die Bühnenwand projizierten Namen, handschriftlich wie auf einer Skizze, flüchtig, nicht für die Ewigkeit gedacht. Denn was hier erzählt wird, ist unwiederbringlich vergangen – und die Form, die der Regisseur Christof Küster in der Esslinger Landesbühne dafür findet, hat die Struktur einer offenen, suchenden, nie abgeschlossenen Erinnerung, in der das Vergangene gehoben und geborgen wird wie ein Schatz.

Der Schatz ist das Leben. Das Zusammenleben und Überleben im Auerhaus, einer Schüler-Wohngemeinschaft, die sich ihren Namen vom Madness-Hit „Our House“ geliehen hat. Bov Bjerg hat diese singuläre WG, diese Insel im Meer der Provinzödnis mit lakonischem Witz beschrieben – und noch während der in strengem Erzählerschwarz gekleidete, von Oliver Moumouris gespielte Höppner mit der Kassette rumwurschtelt, leuchtet im Theater auch schon das paradoxe Motto des zum Überraschungshit gewordenen Romans auf: „Alle Personen sind erfunden, alle Handlungen verjährt.“ Bjerg, 1965 in Heiningen, Landkreis Göppingen, geboren, vermengt in seinem autobiografisch durchsprenkeltem „Auerhaus“ Fakten und Fiktionen zu einer anrührenden Story über Leben und Tod und all den waghalsigen Verrücktheiten dazwischen.

Die Energie der fantastischen Vier

Höppner hat im Auerhaus gelebt, zusammen mit Vera, Cäcilia und Frieder. Sie stehen vor dem Abi, sind aber von zu Hause ausgezogen und sehen ihre WG als therapeutische Schutzgemeinschaft: Frieder hat einen Selbstmordversuch hinter sich, war in der Klapse und ist mit der Empfehlung entlassen worden, nicht mehr bei den Eltern zu wohnen. Also rein ins Bauernhaus mitten im Dorf, das seinem Großvater gehört, rein ins selbstbestimmte Leben, das die fantastischen Vier mit kleinkrimineller Energie der normierten Tristesse abtrotzen. „Seltsam waren die anderen in der Klasse“, erinnert sich der alte Höppner, „hätte man sie vor einer Klausur gefragt: Wozu lebst Du eigentlich? – hätten sie geantwortet: Das kommt nicht dran, das müssen wir nicht wissen.“

Das Sinnsucher-Quartett, das zum Sextett wird, weil auch der schwule Harry und die pyromanische Pauline ins Auerhaus ziehen, will aber alles wissen – und alles ausprobieren. Mit leichter Hand führt Christof Küster, Intendant des Stuttgarter Studio-Theaters, die WG-Bewohner in die vitale Bühnengegenwart. Franziska Theiner, Sofie Alice Miller, Stephanie Biesolt, Florian Stamm und vor allem Daniel Großkämper als junger Höppner und Markus Michalik als suizidgefährdeter Frieder verpacken ihre Figuren nicht in luftdichtem Cellophan, sondern wagen sich mit ihnen hinaus ins Freie und Offene, das ihnen auch das reduzierte Bühnenbild von Marion Eisele anbietet. Mit wenigen Requisiten beschwört sie die Vergangenheit, mit Matratzen, auf denen der leere WG-Kühlschrank projiziert wird und mit einer Styropor-Schneelache, aus der die Gefühlskälte des Provinzlebens ebenso aufsteigt wie die Herzenswärme der Jugenderinnerungen.

Stellen sich solche Assoziationen ein, sieht man gerne über einzelne Schwächen des Esslinger „Auerhauses“ hinweg. Christof Küster unternimmt eine zartbittere Reise zu jenem prekären Ort, an dem das verspulte Leben wunderbar und gefährlich zugleich ist – und der Kraftstoff, der ihn antreibt, ist die mit Poesie gefütterte Empathie.