Einst galt der Mann aus Mecklenburg-Vorpommern als krimineller Problemboxer. Heute ist der 37-Jährige ein Musterprofi, der seinen WM-Titel an diesem Samstag zum sechsten Mal verteidigt.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Peter Stolterfoht (sto)

Schwerin - Jürgen Brähmer und sein Sparringspartner stehen sich nach acht Trainingsrunden ausgelaugt und außer Atem gegenüber. Mit der ersten Luft, die sich Brähmer über den weit geöffneten Mund schnappt, pumpt der deutsche Boxweltmeister seinem russischen Testgegner im Stakkato drei englische Wörter entgegen: „Tomorrow same time.“ Der Trainingsgast nickt und freut sich unter dem Kopfschutz erkennbar darüber, dass er für gut genug befunden wird, Jürgen Brähmer auch am nächsten Tag für dessen Titelverteidigungskampf an diesem Samstag in Neubrandenburg gegen den Walliser Nathan Cleverly im Ring fit zu machen. „Früher hätte ich das dem Sparringspartner auf Russisch gesagt“, meint Jürgen Brähmer, „ich war gut im Russischunterricht, aber jetzt, jetzt kann ich gar nichts mehr.“

Früher! Das war ein völlig anderer Jürgen Brähmer, was allerdings nur am Rande an den sich zurückentwickelnden Russischkenntnissen abzulesen ist. Jürgen Brähmer hat sich weiterentwickelt – von einem Problem- zu einem Vorzeigesportler. Diesen guten Eindruck hinterlässt er jedenfalls, wenn man ihn bei sich zuhause in Schwerin erlebt.

Die Hauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern passt mit ihrer unaufgeregten Art zum 37-Jährigen. Die 100 000-Einwohner-Stadt im Ostsee-Hinterland punktet außerdem mit Gründerzeit- und Fachwerkhäusern. Und die Lage, traumhaft von Seen umgeben, haut einen fast um. Die Trainingsräume, in denen sich Jürgen Brähmer auf seine sechste Titelverteidigung im Halbschwergewicht vorbereitet, haben es auch in sich. Es wird nicht, wie oft in der Boxerszene, in einem zwielichtigen Hinterhof-Studio im Industriegebiet trainiert, sondern im hellen und modernen Olympia-Stützpunkt.

Jürgen Brähmers Auftritt ist in solcher Umgebung kein Stilbruch. Das soll jetzt also der „Knastboxer“ sein, wie ihn die Boulevardmedien in ihrer verzückt-verdammenden Art genannt haben? Höflich, offen und bescheiden begegnet der Box-Weltmeister dem Besucher. Außerhalb der Sporthalle ginge der häufig mit Hemd und V-Ausschnittpullover klassisch-dezent gekleidete Brähmer locker als Dozent der Privaten Fachhochschule des Mittelstands durch, die in Schwerin ihren Sitz hat. In den 1990er Jahren sah das noch etwas anders aus. Damals musste er wegen gemeinschaftlichen Raubes eine Gefängnisstrafe verbüßen. Fahren ohne Führerschein und Körperverletzung brachten ihn dann erneut ins Gefängnis.

Diese Geschichte des hochtalentierten und gewalttätigen Boxers war so ganz nach dem Geschmack des Promotors Klaus-Peter Kohl. Der Chef der Firma Universum-Box-Promotion erkannte in der Mischung aus Können und dem herausgestellten Böse-Buben-Image ein sehr einträgliches Geschäft. Dass Jürgen Brähmer für einen Kampf zwischenzeitlich nur gegen eine Kaution in Höhe von 125 000 Euro für drei Tage aus der Haft entlassen wurde, passte perfekt ins Vermarktungsgeschäft.

Die Wende bringt ihn ins Stolpern

„Ich bin nicht gerade durchs Leben gegangen“, sagt Jürgen Brähmer und versucht die Umwege, die ins Gefängnis führten, zu erklären: „Die Wende hat mich völlig aus dem Rhythmus gebracht. Von einem Tag auf den anderen gab es keine Strukturen mehr, nicht mehr die DDR-typischen geordneten Tagesabläufe.“

Mit sechs Geschwistern wuchs Jürgen Brähmer in Stralsund auf. Nach der Wiedervereinigung wurden die Eltern arbeitslos. „Die hatten dann mehr mit sich selbst zu tun. Wie wir Jugendliche suchten auch sie ihren Platz in der Gesellschaft, fanden ihn aber nicht“, erzählt Brähmer. Plötzlich sei alles, aber auch nichts möglich gewesen: „Die ganzen neuen materiellen Dinge. Es war wie vor einem großen Schaufenster, und ich hatte kein Geld, mir was zu kaufen.“ Jürgen Brähmer hat es sich irgendwann genommen, ohne zu bezahlen. Bezahlen musste er dann aber doch noch.

Dieses erste Leben des Jürgen Brähmer ist jetzt ganz weit weg. Das Boxen hat es ihm ermöglicht, eine Distanz zur kriminellen Vergangenheit herzustellen. „Dieser Sport erfordert die Disziplin, die mir zwischendurch verloren gegangen ist“, sagt Brähmer. Er hat eine Frau, die BWL studiert hat und sich zusammen mit dem Sauerland-Boxstall um die Geschäfte kümmert. Mit ihr und den zwei Kindern lebt er etwas außerhalb von Schwerin in einem alten Landhaus, das der gelernte Schweißer mit viel eigener Handarbeit umgebaut hat. Geordnete Verhältnisse.

Mit 15 Jahren wurde Jürgen Brähmer von Michael Timm, dem damaligen Landestrainer Mecklenburg-Vorpommerns, nach Schwerin an die Sportschule gelotst. Brähmer, der zuvor ein guter Leichtathlet war, galt schnell als größtes deutsches Boxtalent. Heute stehen Michael Timm und Jürgen Brähmer wieder zusammen in der Halle. Der Trainer bereitet nach einem langen Ausflug ins Profigeschäft in Schwerin wieder den Nachwuchs auf kommende Aufgaben vor. Zur gleichen Zeit stählt sich Brähmer für seinen WM-Kampf des WBA-Verbandes. Für die Titelverteidigung hat sich der Weltmeister den Trainer Conny Mittermeier an seine Seite geholt. Der normalerweise in Stuttgart lebende Bayer nimmt Brähmer hart ran. Nach einem Trainingskampf über acht Runden beordert ihn Mittermeier jetzt an den Sandsack zum Intervalltraining. Erst ein lockeres Anboxen – bis der Trainer brüllt: „Sprint.“ Auf dieses Kommando hämmert Jürgen Brähmer mit den Fäusten wie ein Besessener auf den Sandsack ein. „Er ist in Topform“, sagt Mittermeier, der seinem Schützling die „ideale Mischung aus Amateur- und Profiboxen“ attestiert: „Er ist leichtfüßig, technisch hervorragend, kann aber auch knallhart zuschlagen. Spezialität Leber.“ Damit meint Mittermeier den gefürchteten Leberhaken. 35 seiner 50 Profikämpfe hat Brähmer durch K.o. gewonnen. Lediglich zwei Niederlagen kassierte er.

Ein Plan für die Zeit nach der Karriere steht

Zum Abschluss der Trainingseinheit geht es jetzt für Jürgen Brähmer vor die verspiegelte Wand zum Schattenboxen mit Hanteln in den Fäusten. Gebannt verfolgen die anderen Athleten aus der Schweriner Dependance des Berliner Sauerland-Boxstalls jede Bewegung des Weltmeisters. „Von Jürgen können sie verdammt viel lernen“, sagt Conny Mittermeier. Das große Talent Timo Schwarzkopf soll sich da angesprochen fühlen, aber vor allem Tyron Zeuge, der im November zum zweiten Mal um den WM-Titel boxt. Gecoacht wird der 23-Jährige ebenfalls von Conny Mittermeier und von Jürgen Brähmer, der damit einen Hinweis auf die Zeit nach seiner Karriere gibt. Ein von ihnen geleitetes Boxcamp schwebt Mittermeier und Brähmer vor, mit den Standorten Schwerin und Stuttgart. In der Südwest-Metropole hat Jürgen Brähmer auch schon wochenweise trainiert und ist begeistert von ihrer Topografie. „Die vielen Treppen und die Weinberge bringen Abwechslung in die Vorbereitung, das hat ja schon fast den Charakter eines Höhentrainingslagers.“

Bevor es aber um die neuen Aufgaben geht, will sich Jürgen Brähmer den Herbst seiner Box-Karriere vergolden. Mit der Hilfe von Conny Mittermeier, der erst durch das Engagement beim Weltmeister die Anerkennung findet, die ihm lange verwehrt blieb. Immer wieder führte er Boxer wie Vitali Tajbert in die Weltspitze, wurde aber kurz bevor es ans richtige Verdienen ging, von verschiedenen Managern aufs Abstellgleis befördert. Umso mehr dürfte es ihn jetzt freuen, dass Jürgen Brähmer sagt: „Mich gibt es im Boxen nur noch zusammen mit Conny.“ Und es gibt ihn außerdem nur noch als Musterprofi, der es offenbar geschafft hat, die kriminelle Energie in eine positive Triebkraft umzuwandeln.