Box-WM in Göppingen Der seltsame K.o. des Firat Arslan

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Der Boxer Firat Arslan verliert den WM-Kampf vor 5000 Fans in Göppingen gegen den Südafrikaner Kevin Lerena in der sechsten Runde. Das einseitige Ringduell nimmt dabei ein kurioses und abruptes Ende.

In Runde sechs gerät der Göppinger Lokalmatador Firat Arslan (re.) gegen Kevin Lerena gehörig unter Druck. Foto: dpa
In Runde sechs gerät der Göppinger Lokalmatador Firat Arslan (re.) gegen Kevin Lerena gehörig unter Druck. Foto: dpa

Stuttgart - Der Mann in der Ringecke, der bei seinem ausgepumpt auf dem Schemel hockenden Boxer in den Rundenpausen mit dem Handtuch für ein bisschen frischen Wind sorgt, er gehört im Profibusiness dazu wie die Nummerngirls, die Punktrichter oder der Cutman mit seinem Eimer voller Vaseline. Allerdings hat im Ring selten einer leidenschaftlicher das Handtuch geschwungen, als dies Ted Lackner am Samstagabend in der mit 5000 Zuschauern gefüllten Göppinger EWS-Arena für seinen Freund und Boxer Firat Arslan tat.

Und so knallte das Handtuch sogar ein paar Mal im Stil einer Reitpeitsche, als Lackner mit dem weißen Textil unter vollem Körpereinsatz seinen Dienst verrichtete. Gemeinsam mit dem in Ehren ergraute Bodybuilder Lackner, einem Österreicher, der in seiner Jugend regelmäßig mit Arnold Schwarzenegger die Eisen gestemmt hatte, war der Göppinger Lokalmatador Firat Arslan ja angetreten, um die Zeit ein ganzes Stück weit zurückzudrehen. Schließlich ist der IBO-Weltmeister im Cruisergewicht, der Südafrikaner Kevin Lerena (24 Siege, eine Niederlage, elf Knock-outs), mit seinen 27 Jahren stolze 22 Jahre jünger als der Box-Methusalem aus Donzdorf.

Aus dem Altersrekord wird nichts

„Es ist ganz traurig, dass dieser Kampf so ein Ende genommen hat. Beendet von einem Mann, der in meinem Team eigentlich gar nichts zu sagen hat“, erklärte Arslan, als die beiden Augen in seinem tief enttäuschten Gesicht bereits blau-rot unterlaufen und der Kampf gegen Kevin Lerena durch technischen K. o. in der sechsten Runde verloren war. Aus der Traum also für Firat Arslan, mit seinen 49 Jahren und 133 Tagen in der Nachfolge des weltberühmten US-Fighters Bernard Hopkins der älteste Boxweltmeister aller Zeiten zu werten. Dies wäre allerdings ein zweifelhafter Rekord gewesen, weil es sich bei der IBO um einen relativ unbedeutenden Verband handelt.

Doch zu erneuten Weltmeisterehren, zum Altersrekord war Arslan, der WBA-Champion aus dem Jahr 2007, ja nicht gekommen. Dabei hatte erneut ein Handtuch eine entscheidende Rolle gespielt – aus Arslans Sicht war es eine ziemlich unrühmliche. „Ich hatte meines über der Schulter hängen“, erklärte der wie Arslan sichtbar angefressene Assistent Ted Lackner. Denn ein anderer, nämlich der Hamburger Boxpromoter Erol Ceylan, der mit Arslan den Göppinger Boxabend auf die Beine gestellt hatte, warf nach 1:17 Minuten der sechten Runde ein zweites Handtuch in den Ring. Dies wertete der Ringrichter als Zeichen der Aufgabe des Arslan-Lagers – und brach den Kampf ab.

„Ich schätze Erol als Mensch und weiß, dass er an meine Gesundheit gedacht hat“, sagte Arslan. „Aber so geht das nicht.“ Tatsächlich stand fortan die Frage im Raum, ob Ceylan überhaupt berechtigt war, das Handtuch zu werfen? Sie blieb ungeklärt. Denn während im Profifußball durch die Torlinien-Technologie und Videoassistenz für viele der Charakter des Spiels leidet, verliert sich im Regelwerk des Boxens einiges im Ungefähren – was gleichsam Charme und Schicksal dieser Sportart ist.

Das Publikum sieht ein einseitiges Duell

Sportlich waren die Rollen zuvor im Ring klar verteilt. „Hätte ich Firat vorzeitig geschlagen? Ich denke ja“, sagte Kevin Lerena, der Arslan in Runde sechs mit einem gewaltigen linken Haken zum Kopf durchgeschüttelt hatte. Arslan wackelte gehörig, rettete sich aber in die Ringseile, wo er mit weiteren Körpertreffern eingedeckt wurde, ehe das Handtuch flog.

Beendet war damit ein Kampf, in den der Lokalmatador mit Doppeldeckung sowie mit einem starken Willen wie gewohnt gestartet war. Doch die ersten drei Runden gingen allesamt verloren, weil Arslan kaum schlug und seinem Gegner aus Johannesburg in puncto Dynamik der Aktionen deutlich unterlegen war – trotz einer gewonnenen vierten Runde, die aber nicht mehr war als ein Zwischenhoch.

Ob Arslan nun Schluss macht, ist unklar. „Es ist gut möglich, dass es mein Karriereende ist“, sagte der 49-Jährige. „Aber ich muss mir den Kampf erst anschauen.“ Während der Gegner Kevin („K-.o.-Kid“) Lerena weiterzieht, um auch den Gürtel der renommierten World Boxing Association zu erobern, hatte dessen Promoter eine klare Meinung zur Göppinger Boxnacht. „Arslan wäre schwer k. o. gegangen“, sagte Rodney Berman. „Es war gut, dass Ceylan das Handtuch warf. Denn von seinen Freunden hätte es keiner getan.“

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