Boxen Wie weit wirft Sie diese Niederlage zurück, Herr Zachenhuber?
Simon Zachenhuber, der seit acht Jahren in Stuttgart lebt und trainiert, hat erstmals in seiner Karriere verloren. Das schmerzt sehr, doch er will aus dem Rückschlag lernen.
Simon Zachenhuber, der seit acht Jahren in Stuttgart lebt und trainiert, hat erstmals in seiner Karriere verloren. Das schmerzt sehr, doch er will aus dem Rückschlag lernen.
Das Urteil war knapp, aber trotzdem eindeutig: Boxer Simon Zachenhuber, der seit acht Jahren in Stuttgart lebt und trainiert, hat am Samstag in London nach 28 Siegen in Serie erstmals verloren. 56:58 lautete das Urteil nach sechs Runden gegen den Engländer Pawel August. Eine Revanche haben die beiden Supermittelgewichtler (bis 76,2 kg) bereits ausgemacht, die Zuversicht hat Zachenhuber nicht verloren – weil er aus der Niederlage viel lernen kann.
Herr Zachenhuber, wie geht es Ihnen nach der ersten Niederlage der Karriere?
Körperlich ist alles gut, ich bin gesund.
Aber?
Mein Kämpferherz ist traurig.
Warum?
Weil ich den Kampf schon auch selbst vergeigt habe.
Im Ring sah es so aus, als seien Sie von Ihrem Sieg überzeugt gewesen.
Ich habe den Kampf mit meinem Trainer Conny Mittermeier mittlerweile natürlich angeschaut. Sagen wir es so: Ich hätte ihn zumindest als Unentschieden gewertet, und in Deutschland hätte ich den Kampf – wenn drei Punktrichter gewertet hätten – vermutlich sogar gewonnen.
Wie wichtig ist der Heimvorteil im Boxen?
Sehr wichtig. Ich habe diesen Kampf gegen einen Engländer in London auch deshalb nicht gewonnen, weil ich ihn nicht klar dominiert habe. Und dazu kam noch besondere Umstände.
Welche?
Es gab in dem Kampf keine Punktrichter. Der englische Ringrichter, der natürlich großen Einfluss darauf hatte, wie sauber der Kampf abgelaufen ist und wer im Ring was tun durfte, ist zugleich derjenige gewesen, der die einzelnen Runden gewertet hat. Das war schon ein großer Heimvorteil für Pawel August.
Dazu . . .
. . . war der Kampf, weil es die übertragende Streamingplattform Netflix so vorgegeben hatte, nur auf sechs Runden angesetzt. Das war zu kurz für mich.
Weshalb?
Ich bin physisch und psychisch auf zehn bis zwölf Runden gedrillt, das ursprünglich für London geplante Duell gegen Troy Williamson war auch auf diese zwölf Runden angesetzt. Pawel August ist anfangs sehr aktiv gewesen, da musste ich mich erst drauf einstellen. Er hat nach vier Runden zwar stark abgebaut, aber irgendwie ist die Zeit für mich zu schnell vergangen. Ich habe zu lange gebraucht, um in den Kampf reinzufinden – zwei Runden mehr, und ich hätte ziemlich sicher gewonnen.
Was lernen Sie daraus?
Dass ich meine Kämpfe anders gestalten muss. Es darf künftig nicht mehr so lange dauern, bis ich richtig drin bin.
Sie sind selbstkritisch?
Selbstverständlich. Ich muss diese Niederlage auf meine Kappe nehmen. Im Boxen muss an dem Tag, an dem es drauf ankommt, alles stimmen. Diesmal war es leider nicht mein Abend – gegen einen allerdings sehr starken Gegner. Pawel August ist ein wirklich harter und zäher Junge.
Gegen den es eine Revanche geben wird?
Wir haben noch in der Kabine mündlich einen Rückkampf vereinbart, auch sein Manager und mein Promoter haben sich bereits darauf verständigt. Dann wird es, vielleicht sogar in Deutschland, über zehn oder zwölf Runden gehen.
Wie sehr wirft Sie die Niederlage gegen Pawel August zurück?
Auf dem Papier um 15 bis 20 Plätze – so weit werde ich in der unabhängigen Boxrec-Weltrangliste zurückfallen. Für die Ranglisten der einzelnen Weltverbände war der Kampf nicht relevant, da er nur auf sechs Runden angesetzt war.
Wie groß ist der mentale Rückschlag?
Ich bin schon noch sehr niedergeschlagen und enttäuscht – über die Umstände, aber auch über meine Leistung. Doch ich kenne mich: Rückschläge machen mich besser. Diese Niederlage haut mich sicher nicht um, ich werde durch sie noch stärker. Und vielleicht hat es dieses Erlebnis ja gebraucht, um wirklich bereit zu sein für den Schritt in die absolute Weltklasse.
Sie haben nicht nur den Kampf verloren, sondern auch den Nimbus, noch nie bezwungen worden zu sein. Wie sehr schmerzt Sie das?
Schon ziemlich. Es ist schade um die Null, die nun nicht mehr in meiner Bilanz steht, und natürlich orientiert sich auch der Marktwert ein bisschen daran, ob ein Boxer ungeschlagen ist oder nicht.
Aber?
Die Bilanz meiner Idole und vieler Boxsuperstars zeigt: Man kann auch mit einer Niederlage ein großer Champion werden. Meine Reise ist ganz sicher noch nicht beendet.