Boxen Zachenhuber muss viel einstecken – aber der Traum vom WM-Kampf lebt
Supermittelgewichtler Simon Zachenhuber schlägt seinen bisher härtesten Gegner nach Punkten. Der Boxer aus Stuttgart hofft nun, dass sich sein Mut auszahlt.
Supermittelgewichtler Simon Zachenhuber schlägt seinen bisher härtesten Gegner nach Punkten. Der Boxer aus Stuttgart hofft nun, dass sich sein Mut auszahlt.
Ein Boxer benötigt nicht nur Schlagkraft, sondern auch ein großes Kämpferherz. Genau dies bedeutete die Geste, die Simon Zachenhuber (27) nach der zehnten Runde des Duells mit Paulinus Ndjolonimu (37) in Richtung seiner Fans im SNP-Dome in Heidelberg zelebrierte. Er schlug sich mit der Faust auf die linke Seite der Brust, immer wieder, und er ließ sich von seinen Anhängern feiern. Zu diesem Zeitpunkt wusste der Supermittelgewichtler (bis 76,2 kg), der seit fast acht Jahren in Stuttgart lebt und trainiert, noch nicht, wer den Kampf gewonnen hat. Klar war nur, dass er seine bisher schwierigste Prüfung überstanden hatte. „Es war hart, richtig hart“, sagte Zachenhuber später, „so viele Schläge habe ich noch nie einstecken müssen. Gegen diesen Weltklasse-Boxer war viel Willenskraft nötig.“ Doch am Ende zahlte sich das Durchhaltevermögen aus.
Simon Zachenhuber gewann nach Punkten, die drei Kampfrichter werteten 99:92, 97:91 und 94:94. Viele Beobachter stimmten darin überein, dass die beiden ersten Urteile zu hoch ausgefallen waren, diskutiert wurde aber vornehmlich über die Perspektive des Siegers. „Er ist über seine Grenze gegangen, gehört nun selbst zur Weltspitze“, sagte Trainer Conny Mittermeier. Und Zachenhuber selbst meinte: „Der Traum vom WM-Kampf lebt.“ Er hätte jedoch auch platzen können.
Bei der Wahl des Gegners hatte der Bayer aus Stuttgart großen Mut gezeigt – es kommt im Boxen nicht allzu oft vor, dass sich zwei Ungeschlagene treffen. Paulinus Ndjolonimu war zwar zuvor nur in seiner Heimat Namibia aktiv gewesen, hatte dort aber alle 19 Kämpfe gewonnen (17 durch Knockout). Simon Zachenhuber (27 Kämpfe, 27 Siege) bekam die Qualität seines 1,90 Meter großen Kontrahenten schnell zu spüren. Ndjolonimu bestimmte mit seinen langen Armen das Geschehen, landete immer wieder schwere Kopftreffer. Zachenhuber geriet mehrfach in Bedrängnis, streckte aber nach der dritten verlorenen Runde die Arme in die Höhe, als wolle er zeigen: Ich bin noch da!
Das Zeichen kam an. Die knapp 100 Zachenhuber-Fans in der mit 5000 Zuschauern voll besetzten Arena feuerten den Boxer lautstark an, verloren nie die Zuversicht. „Ihm war bewusst, dass er auf seinen bisher härtesten Gegner trifft“, sagte der Fanclub-Vorsitzende Daniel Galke, der mit Zachenhubers Schwester Alisa verheiratet ist, „doch er wird es meistern.“ Gesagt, getan.
Nach den ersten drei Runden, in denen er immer wieder an den Kampfgeist seines Schützlings appelliert hatte („Da musst du jetzt durch!“), sah Coach Mittermeier, wie Zachenhuber danach besser mit seinem Kontrahenten zurechtkam. Ndjolonimu, die Nummer vier des Weltverbandes WBO, blieb zwar stets gefährlich, die Zahl der harten Treffer aber nahm ab. Zudem wurde der Afrika-Meister für Tiefschläge mit zwei Punkten Abzug belegt, was seine Erfolgsaussichten deutlich beeinträchtigte. „Die Verwarnungen kamen vielleicht etwas früh“, meinte Simon Zachenhuber eine halbe Stunde nach dem Kampf, „andererseits hat er voll getroffen. Mein Unterleib schmerzt immer noch.“
Je länger das Duell dauerte, umso sicherer wurde Deutschlands Boxer des Jahres 2022. Er profitierte dabei nicht nur von seinen Nehmerqualitäten, sondern auch von seiner Kondition, seiner Taktik und seiner Intelligenz. „Ich habe mir immer wieder bewusst gemacht, dass ich gegen einen so starken Puncher boxerisch dagegen halten muss“, erklärte er danach, „technisch war ich eindeutig besser.“ So sah es auch Conny Mittermeier: „Unser Gegner hat enorm viel Druck gemacht. Simon musste harte Phasen überstehen, so etwas hat er noch nie erlebt. Es war eine gute Erfahrung – und am Urteil gibt es trotzdem nichts zu deuteln.“
Klar, die Punktabzüge haben Zachenhuber am Ende geholfen, beeindruckt hat er trotzdem. Auch Ex-Schwergewichtler Luan Krasniqi, der mit seinem Neffen Ardian – einem möglichen Zachenhuber-Gegner – in Heidelberg war. „Ein Unentschieden wäre womöglich gerechter gewesen“, sagte Luan Krasniqi, „insgesamt war es ein toller Kampf, in dem Simon eine bravouröse Leistung gezeigt und sich durchgebissen hat. Großen Respekt dafür.“ Bleibt allein die Frage, ob sich die Anerkennung auch auszahlen wird.
Noch im Ring forderte Simon Zachenhuber, dessen Gage gerade mal seine Unkosten gedeckt hat, über das Hallenmikrofon die Vertreter des Weltverbandes WBO auf, ihn nun unter den besten fünf Supermittelgewichtlern zu positionieren. Das würde die Chance auf einen WM-Kampf deutlich erhöhen. Dazu beitragen könnte auch, dass Zachenhubers Vertrag mit seiner Promoter-Agentur P2M Ende 2025 ausläuft und sich eventuell neue Möglichkeiten ergeben. „Ich weiß, dass ich weiterhin hart und viel arbeiten und auch noch viel lernen muss“, sagte Simon Zachenhuber, ehe er sich in den Urlaub an den Schliersee verabschiedete, „zugleich habe ich die Hoffnung auf den nächsten großen Kampf – vielleicht ja noch in diesem Jahr.“ Eines ist sicher: An seiner Willenskraft wird es nicht scheitern.