Über viele Jahre hat Rotlichtkönig Boki ein weit verzweigtes Netz gestrickt, um seine kriminellen Machenschaften ausüben zu können. Ein Blick in die Region rund um Villingen-Schwenningen.
Marc Eich
04.07.2025 - 14:05 Uhr
Es ist ein Sumpf, den die Ermittlungsbehörden seit Jahren trockenlegen möchten – doch trotz der vielen Verfahren, die beispielsweise auf deutscher Seite von der Staatsanwaltschaft Konstanz angeleiert wurden, tauchen immer wieder überraschende Verbindungen von Villingen-Schwenningens Rotlichtkönig Boki in seine zwischenzeitliche (Wahl-)Heimat rund um die Doppelstadt auf.
Die Ermittlungsbehörden in Bosnien-Herzegowina konnten aufgrund ihrer Nachforschungen mehrere Knotenpunkte des engmaschigen Netzes der mittlerweile verbotenen United Tribuns offenlegen. In Gerichtsunterlagen, die dortige Medien veröffentlicht haben und die auch dem "Schwarzwälder Boten" vorliegen, tauchen Namen auf, die in Verbindungen mit den kriminellen Machenschaften rund um den Weltpräsidenten der Rockergruppierung stehen sollen.
Neben Familienmitgliedern der Culums und bereits in Deutschland im Zuge eines Prozesses im Umfeld der United Tribuns verurteilten Kriminellen, handelt es sich nach Recherchen des "Schwarzwälder Boten" auch um mutmaßliche (Ex-)Mitglieder, die rund um VS bisher nicht als solche in Erscheinung getreten sind.
Im Konstrukt von Boki soll laut Behörden demnach ein Mann eine Rolle gespielt haben, der in Trossingen als Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens auftritt. Nachforschungen des "Schwarzwälder Boten" bestätigen dabei die Verbindungen zu den United Tribuns – und zwar bis nach Spanien. Der 48-Jährige posierte dort in Kutte mit weiteren Mitgliedern im April 2018 im Rahmen eines Kickbox-Kampfes für eine Zeitung auf Mallorca.
Die Verbindungen des Geschäftsmannes mit Boki und seiner Gefolgschaft dürften bis heute Bestand haben. Das wird an gleich mehreren Punkten deutlich. Ein gebürtiger Berliner, dem Zwangsprostitution in VS und Konstanz vorgeworfen wurden und als enger Vertrauter des VS-Rotlichtkönigs gilt, war Informationen des "Schwarzwälder Boten" zufolge in der Firma des 48-Jährigen beschäftigt.
Beim damaligen Prozess am Landgericht Konstanz wusch der gebürtige Berliner seine Hände in Unschuld. Kurz nach dem Urteil setzte er sich wieder in Bokis Umfeld nach Bosnien-Herzegowina ab. Foto: Silas Stein/dpa
Dem bulligen Typen wurde gemeinsam mit weiteren Bandenmitgliedern aus dem Umfeld der United Tribuns vor dem Landgericht Konstanz der Prozess gemacht. Ihm konnte aber nicht nachgewiesen werden, dass er das Geld aus der Prostitution seiner Freundin kassierte oder an die Rocker weitergab. Er erhielt daher eine Bewährungsstrafe und kehrte – anders als von ihm angekündigt – dann wieder nach Bosnien-Herzegowina zurück. Dort ist er knapp zehn Monate nach Urteilsverkündung gemeinsam mit Boki festgenommen worden. Er kam im April unter Auflagen wieder frei.
Die Verbindungen ins Konstanzer Rotlichtmilieu
Recherchen des "Schwarzwälder Boten" zufolge unterhält der Trossinger darüber hinaus geschäftliche Verbindungen zu einer 34-Jährigen, die als Geschäftsführerin eines Rotlichtetablissements in Konstanz fungiert. Zufall? Beobachter bezweifeln das. Denn dem Betrieb werden Verbindungen zu Boki nachgesagt.
Untermauert werden diese Informationen von Medien in Bosnien-Herzegowina. So soll der Vertraute von Armin Culum während seiner Haftzeit versucht haben, mit der vorherigen Geschäftsführerin des Konstanzer Etablissements Kontakt aufzunehmen. Das geplante Telefonat soll jedoch unterbunden worden sein.
In einer Gemeinde im südlichen Schwarzwald-Baar-Kreis soll zudem ein 26-jähriger Kampfsportler Verbindungen zu den Culums pflegen – sein Name taucht ebenfalls in den Ermittlungsunterlagen in Bosnien-Herzegowina auf. Der Sportler, der in der Szene und in den sozialen Medien eine gewisse Bekanntheit erlangt hat, passt als muskelbepackter Mann mit zahlreichen Tätowierungen in das martialische Image der United Tribuns, das die Gruppe in der Vergangenheit vermittelt hat. Doch es bleibt nicht bei der äußerlichen Ähnlichkeit.
Diesen weißen Hummer hatten die Behörden in Bosnien-Herzegowina im Rahmen der Durchsuchung bei Boki konfisziert. Der Boxer zeigte sich auf einem seiner Bilder vor exakt einem solchen Luxuswagen. Foto: Polizeiverwaltung Bosnien-Herzegowina
In den Tiefen seiner Social Media-Accounts entdeckt der "Schwarzwälder Bote" Aufnahmen, in denen der 26-Jährige Bokis Sohn, A. Culum, auf einer mutmaßlich gemeinsamen Reise nach Kroatien im Jahr 2020 verlinkt hat. Mehr noch: Im Juli 2021 zeigt sich der Boxer vor einem weißen Hummer – exakt jenem Modell des Luxuswagens, das die Behörden nach der großangelegten Durchsuchungsaktion in Bokis Immobilien konfisziert haben.
Die schmallippige Auskunft aus Bosnien-Herzegowina
Welche Rolle spielen diese beiden Männer bei den Ermittlungen? Der "Schwarzwälder Bote" hakt bei den Behörden in Bokis Heimat nach. Auf Anfrage heißt es: „Da die Ermittlungen noch andauern, kann die Staatsanwaltschaft von Bosnien und Herzegowina den Medien derzeit keine weiteren Informationen oder Details zur Verfügung stellen.“
Der Kriminelle im Fadenkreuz der Ermittler
Von deutschen Behörden wird hingegen eine dritte Person, die mit dem VS-Rotlichtkönig in Verbindung steht, bestätigt. Gegen den Mann ist jüngst Anklage erhoben worden. Er soll Teil einer vierköpfigen Gruppe aus dem Dunstkreis der United Tribuns sein. Laut Johannes-Georg Roth, Leitender Oberstaatsanwalt der Staatsanwaltschaft Konstanz, wird den Beschuldigten besonders schwere Zwangsprostitution rund um Villingen-Schwenningen und Konstanz sowie der angrenzenden Schweiz vorgeworfen.
„Gegen einzelne Beschuldigte wird außerdem der Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung, der Nötigung, der Bedrohung, des Betruges, der Freiheitsberaubung und des Handeltreibens mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge beziehungsweise der Beihilfe hierzu erhoben“, so Roth. Wann der Prozess stattfindet, steht noch nicht fest. Die mutmaßlichen Straftaten passen jedoch in das bekannte Muster krimineller Aktivitäten im Umfeld von Boki und seiner verbotenen Vereinigung.
Jener Mann spielt offenbar eine besondere Rolle – auch bei den Ermittlungen in Bosnien-Herzegowina: Ihm wird besonderer Einfluss nachgesagt, der dazu führte, dass ein Prozess wegen Zwangsprostitution beim Amtsgericht Villingen in einen besonders geschützten Gerichtssaal nach Freiburg verlegt wurde. Rund 50 teils spezialisierte Polizeikräfte sicherten die Verhandlung.
Auch bei den damals Angeklagten, drei Männer (26, 27 und 28) und eine 50-Jährige, soll das mutmaßliche Mitglied der United Tribuns die Fäden in der Hand gehabt haben. Kein Zufall scheint es da, dass ausgerechnet eine junge Frau, die sich von den Culums freigekauft hatte, abermals in die Fänge dieser Menschenhändler geriet.
So wird deutlich: Wenn es um Zwangsprostitution und Menschenhandel rund um Villingen-Schwenningen geht, führen viele Spuren zu Boki und seiner Gefolgschaft. Der Sumpf reicht tiefer, als es auf den ersten Blick scheint.