Boygenius: Phoebe Bridgers, Julien Baker und Lucy Dacus (von links) – hier beim Auftakt der Europatour am 12. August im schwedischen Göteborg Foto: imago/TT/Björn Larsson Rosvall
Alles, was du kannst, das kann ich viel besser: Boygenius machen beim Konzert in Berlin klar, dass Geschlechterstereotype im Pop nichts verloren haben. An diesem Mittwoch spielt das Trio in Köln.
Wenn das Publikum nicht wunderbar kunterbunt wäre und es der ausverkauften Verti Music Hall in Berlin nicht anzusehen wäre, dass hier die LGTBQ-Community ein großes Fest feiert, könnte man auch glauben, sich auf ein Metalkonzert verirrt zu haben.
Die T-Shirts am Merchandising-Stand sind voller verschlungener Schriftzüge und so martialisch gestaltet, dass man Boygenius für die nächstbeste Thrash-Metal-Band aus Norwegen halten könnte. Zudem heißt einer der ersten Songs, den die Band am Dienstagabend mit Powerchords und Feedbackgitarren ausgestattet spielen wird, „Satanist“. Und bevor das Trio auf die Bühne kommt, läuft – wie bei jedem Boygenius-Show – die Thin-Lizzy-Nummer „The Boys Are back in Town“: Wenn es so etwas wie Jungsmucke gibt, dann ist dieser Rocksong aus den 1970ern der Inbegriff dafür.
Aber Boygenius sind anders. Sie sind keine Jungs, sondern Frauen. Phoebe Bridgers, Julien Baker und Lucy Dacus sind außergewöhnliche Sängerinnen, Musikerinnen und Songwriterinnen. Alles, was die Jungs können, können sie auch. Und noch einiges mehr. Und so zertrümmern sie am Dienstag beim ersten von zwei Deutschlandkonzerten mit einer anderthalbstündigen Show zwischen Brachialität und Empfindlichkeit die Geschlechterrollen-Stereotypen, die immer noch durch den Pop geistern.
Sie haben bei dem Auftritt Alternative-Rock auf Testosteron („$20“) genauso drauf wie hochempfindliche Trennungslieder („Emily, I’m Sorry“). Und während sich in Jungsbands traditionell der Gitarrist und der Sänger darum streiten, wer das Alphatier der Band ist, stellt sich bei Boygenius die Frage nicht: Alle drei sind gleichberechtigte Frontfrauen, sie alle spielen Gitarre und wechseln sich beim Leadgesang ab. Und immer wieder ergänzen sich ihre Stimmen wunderbar zu berückenden Harmonien – etwa im A-cappella-Stück „Without You Without Them“, das sie zu Beginn des Konzerts backstage anstimmen, bevor man auf der Videoleinwand zusehen kann, wie sie sich auf den Weg zur Bühne machen.
Boygenius haben knuffige Indiepopnummern wie „Anti-Curse“, „Boyfriends“ oder den Hit „Not Strong enough“, der als letzte Nummer vor den Zugaben überschwänglich gefeiert wird, im Programm. Sie beherrschen aber genauso mit Fingerpickings verzierte und vom Folk beseelte Nummern wie „Cool about It“ oder auch „Revolution 0“, bei dem die vierköpfige Begleitband der drei auch mal ein Trompetenmotiv besteuert.
Es gibt entzückende Momente, wenn sich bei „True Blue“ die gesamte Halle dank einer vorher geplanten Fanaktion in ein Handylichtermeer verwandelt. Es gibt sehr komische Momente, wenn Julien Baker versucht, den anderen beiden etwas Deutsch beizubringen oder wenn Lucy Dacus mit ihrem Bekenntnis, dass sie noch nie eingelegte Gurken gegessen habe, eine lange Diskussion auf der Bühne auslöst. Es gibt verstörend-intime Momente, wie den, als Phoebe Bridgers zu Beginn von „Letter to an Old Poet“ das Publikum bittet, für diesen Song die Handykameras runterzunehmen, weil dieser Teil der Show, dieses verzweifelte Bekenntnis ihr immer schwerfalle, weil sie in keinem anderen Lied so viel preisgebe.
Boygenius verdienen den Titel Supergroup
Und dann gibt es an diesem sehr heißen Abend in Berlin, an dem nicht alle genug getrunken haben, auch noch die Momente, in denen Bridgers, Baker und Dacus auch mal Songs unterbrechen, damit jemandem, der im Publikum zusammengebrochen ist, geholfen werden kann. Wenn es derzeit eine Band gibt, die es verdient hat, Supergroup genannt zu werden, dann sind es Boygenius.