Boykottaufrufe Ritter Sport verurteilt Putins Krieg

Ritter Sport ist in Russland sehr gefragt. Foto: dpa/Marijan Murat

Das Unternehmen steht unter hohem Druck, das Exportgeschäft nach Russland zu stoppen. Marketingexperte Markus Voeth von der Uni Hohenheim sieht die Marke beschädigt.

Ritter Sport steht weiter unter Druck, weil der Schokolade-Hersteller an seinem Russland-Geschäft festhält. Das Familienunternehmen, das in Waldenbuch seinen Stammsitz hat und in diesem Jahr 110-jähriges Bestehen feiert, hatte mitgeteilt, weiter den russischen Markt zu beliefern, aber die Gewinne Hilfsorganisationen zukommen zu lassen.

 

Deutliche Worte

Auf Nachfrage unserer Zeitung distanziert sich das Unternehmen ausdrücklich von Putin und dem brutalen völkerrechtswidrig geführten Angriffskrieg. Ein Unternehmenssprecher sagte gegenüber unserer Zeitung: „Der schreckliche Krieg in der Ukraine, der allein von Russland ausgeht, ist für uns alle nach wie vor ein unfassbarer Schock.“ Damit macht das Unternehmen deutlich, dass es sich nicht scheut, Partei zu ergreifen für die Ukraine und auch nicht der russischen Propaganda folgt, die den Krieg mit dem Begriff „militärische Spezialoperation“ verharmlost. Auch in einer Mitteilung, die an die „Ritter Sport Community“ herausging, wird der Urheber des Kriegs eindeutig benannt. Dort heißt es: „Wir verurteilen die grausame Aggression der russischen Armee in der Ukraine aufs Schärfste.“

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Das Social-Media-Team, das für Ritter Sport einen Text in deutscher und englischer Sprache für Facebook entworfen hatte, hatte aus Rücksicht auf rund 100 Mitarbeiter der Vertriebsgesellschaft von Ritter Sport in Russland den Begriff „Krieg“ vermieden. In Russland steht die öffentliche Verwendung des Begriffs im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg unter Strafe.

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Der Schweizer Konkurrent von Ritter Sport, Lindt und Sprüngli, hat indessen einen Rückzieher aus Russland gemacht. Nachdem der Firmenchef bei der Bilanzpressekonferenz tags zuvor noch das Geschäft verteidigte, gab das Unternehmen dann wenig später die Entscheidung bekannt, Russland den Rücken zu kehren. Allerdings macht bei dem Schweizer Unternehmen das Russland-Geschäft auch nur einen Anteil von einem Prozent am weltweiten Umsatz aus. Bei Ritter Sport ist das anders. Ritter Sport macht etwas mehr als zehn Prozent seines gesamten Umsatzes in Russland. Schon 2003 hat das Familienunternehmen eine Vertriebsgesellschaft in Russland gegründet. Der Marktanteil betrage dort mittlerweile sieben Prozent. Die Tendenz sei deutlich steigend. Der russische Markt stehe für einen Anteil von etwas mehr als zehn Prozent des Gesamtabsatzes. Hintergrund ist, dass die russischen Kunden besonders gern Schokoladensorten mit einem besonders hohen Kakaoanteil kauften.

Russland ist wichtig

Ritter Sport wirbt seit Jahren auch damit, den Kakaoerzeugern in ärmeren Ländern faire Preise zu zahlen. Auf diese Geschäftsbeziehungen hätte ein Lieferstopp nach Russland auch negative Auswirkungen, heißt es in einer Erklärung von Ritter Sport. „Wir halten die Lieferungen nach Russland aufrecht, um unser Unternehmen, unsere Mitarbeitenden und unsere Partner entlang der Lieferketten zu schützen.“ Ein Stopp hätte Auswirkungen auf „die Lebensgrundlage vieler Kakaobauern in Westafrika, Mittel- und Südamerika“, mit denen Ritter Sport Geschäfte unterhalte.

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Ritter Sport produziert seine quadratischen Schokoladentafeln an zwei Standorten. Fabriken stehen in Waldenbuch und im österreichischen Breitenbrunn. Insgesamt hat das Unternehmen 1650 Mitarbeiter und erzielte 2021 einen Umsatz von 505 Millionen Euro. Das Exportgeschäft ist besonders wichtig: Jeder zweite Euro wird im Ausland umgesetzt.

Markus Voeth, Wirtschaftsprofessor an der Universität Hohenheim mit Schwerpunkt für Marketing, gibt zum Fall Ritter Sport zu bedenken: „Angesichts der absehbaren medialen Aufmerksamkeit wäre das Unternehmen sicher besser beraten gewesen, sein Geschäft erst einmal auszusetzen.“ Trotz des kurzfristigen ökonomischen Schadens hätte dadurch die drohende Beschädigung der Marke vermieden werden können.

Voeth hält es für einen Fehler, dass Ritter Sport die Gewinne aus dem Russland-Geschäft nun spenden will: „Diese Maßnahme ist sicher gut gemeint, geht aber am eigentlichen Problem vorbei: Durch ein Ruhenlassen des Geschäfts hätte man klar signalisieren können, was man von dem Krieg Russlands in der Ukraine hält.“ Die Chance habe das Unternehmen verpasst.

Auch der Hinweis auf die Verantwortung gegenüber Lieferanten helfe wenig: „Sicher hätte es Möglichkeiten gegeben, ein klares Signal ,nicht mit uns‘ an Kunden in Russland und in aller Welt zu senden, ohne dabei seine Lieferanten im Stich zu lassen.“

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