Gleichberechtigung und Emanzipation hin oder her: Es gibt heutzutage noch immer zahlreiche Berufe, die traditionell männerdominiert sind: Ingenieur, Bauarbeiter, Feuerwehrmann oder Kfz-Mechatroniker. Der Beruf des Kita-Erziehers gehört nicht dazu. Kinderbetreuung in Deutschland wird größtenteils von Frauen geleistet.
Damit sich das in Zukunft ändert, gibt es den Boys’ Day. Jungs erhalten für einen Tag Einblicke in Berufsfelder, die bisher weiblich dominiert sind – so zum Beispiel in der Kindertagesstätte Wasserwerk in Böblingen. Dort ist man anderen Kita-Einrichtungen aber einige Schritte voraus. Nicht nur die Leitung wird mit Jan Liebscher von einem Mann ausgeübt, auch in den Gruppen selbst arbeiten bereits zwei weitere männliche Erzieher und bald auch zwei männliche Auszubildende.
Zwei Böblinger Schüler schnuppern mal rein
Mit dem 11-jährigen Luca und dem 12-jährigen Lenn erhöht sich an diesem Donnerstag die Anzahl männlicher Betreuungskräfte weiter. Die beiden Schüler schauen im Rahmen des Boys’ Day hinter die Kulissen der Kita, in der sie selbst als kleine Kinder gespielt haben. „Mich interessiert der Beruf des Erziehers. Ich wollte sehen, wie hart der Job ist, wie man mit so vielen Kindern zurecht kommt und was man mal macht, wenn ein Kind zu viel Quatsch macht“, erzählt Lenn. Eine ähnliche Motivation hatte auch „Gast-Erzieher“ Luca, als er sich – anders als die meisten seiner Klassenkameraden – für eine Kita entschieden hat: „Ich wollte den Beruf des Erziehers näher kennenlernen. Gerade in der Kita, in die ich selbst täglich ging.“
Jan Liebscher freut sich über so viel männliches Interesse. Der gebürtige Sindelfinger, der selbst über ein Praktikum im sozialen Bereich auf die Schiene des Erziehers einbog, ist trotz einer Weiterentwicklung in der Branche eine Rarität. „Es hat sich in den vergangenen Jahren durchaus etwas getan. Das liegt an einem gesellschaftlichen Wandel. Dennoch sind Erzieher noch klar in der Minderheit“, erklärt Jan Liebscher.
Die Personalnot hat sich immer weiter verschärft
Neben der Kita Wasserwerk mit ihren 85 Kindern sitzt in Böblingen nur noch in der Kita Breslauer Straße 17-19 ein Mann auf dem Chefsessel. Ansonsten dominieren Frauen. Jan Liebscher hat sich trotzdem nie Gedanken gemacht, ob er als Mann weniger geeignet für die Betreuung von Kindern ist als Frauen. „Der Umgang mit Kindern hat mir immer Spaß gemacht. Ich habe zwei jüngere Geschwister, hatte ehrenamtlich vor meiner Ausbildung im Waldheim mitgeholfen. Da mich auch niemand in meinem Umfeld krumm angesehen hat, als ich den Beruf des Erziehers ausgewählt habe, zog ich das mit Freude durch“, erinnert sich Liebscher.
Angesichts des Fachkräftemangels heute und der vielen verzweifelten Berichte von Erzieherinnen und Erziehern und Eltern über die Betreuungssituation in Deutschland mutet es kurios an, wie das Bewerbungsprozedere vor 14 Jahren vonstatten ging. „Ich musste mich bei der Stadt Böblingen bewerben. Damals gab es Konkurrenz. Also bin ich zu einem Assessment Center eingeladen worden, bei dem ich mich durchsetzen musste“, schildert Liebscher.
Heute dagegen würden Interessierte – egal ob männlich oder weiblich – wohl überall mit Kusshand genommen. „Die Arbeitsbedingungen sind nicht immer rosig. In der Wirtschaft verdient man mehr. Unser Verdienst ist aber nicht schlecht und man erlebt viel Schönes. Kein Tag ist wie der andere. Mit Kindern zu arbeiten, empfinde ich als bereichernd“, betont Liebscher. Dass (noch) nicht so viele Männer ähnlich denken wie er, erklärt er sich so: „Einerseits sind es gesellschaftliche Vorstellungen und Klischees, dass Kinderbetreuung Frauensache ist. Andererseits schielen Männer auf Berufe mit höheren Verdienstmöglichkeiten.“
Vorurteile gegen männliche Erzieher abbauen
Auch das Vorurteil, dass Männer, die Kinder betreuen, zweifelhafte Intentionen hätten, kann Liebscher aus seiner langjährigen Erfahrung als Erzieher entkräften: „Ich habe in 16 Jahren vielleicht einen Fall gehabt, wo Eltern Sorgen hatten, wenn wir Männer Kinder wickeln oder auf die Toilette begleiten. Das ist sonst kein Problem. Im Gegenteil: Viele halten eine männliche Person in der pädagogischen Erziehung für hilfreich.“
Der Boys’ Day soll das Geschlechterverhältnis im Kita-Bereich also mehr in Richtung Gleichgewicht bringen. Klaus Feistauer, Leiter Amt für Soziales in Böblingen, sagt: „Solche Tage sind gerade in Berufen, die traditionell durch ein Geschlecht besetzt sind, sehr wichtig. Unser Ziel ist es, diese Berufsfelder für alle jungen Menschen attraktiv zu halten und zu stärken – gerade mit Blick auf den Fachkräftemangel. Dafür ist der Boys‘Day eine wertvolle Maßnahme.“
Der Girls’ and Boys’ Day
Grundidee
Der Girls’ und Boys‘ Day ist ein Projekt, das sich an Mädchen und Jungen richtet, um eine talentorientierte und klischeefreie Berufswahl zu fördern und Einblicke in Berufe zu geben.
Zielgruppe
Schüler und Schülerinnen der Klassenstufe 5 bis 8 können am Donnerstag, 27. April, landesweit für einen Tag in ein Berufsfeld ihrer Wahl Einblicke erhalten.
Ziel
So sollen überholte Rollenbilder bei der Berufswahl abgebaut werden. Mädchen sollen für Berufe im MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik), Jungs vor allem für Tätigkeiten im sozialen Bereich begeistert werden. Noch sind viele Berufszweige mehrheitlich durch ein Geschlecht dominiert.
Schirmherrin
Die Landeswirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut ist Schirmherrin des Boys’ and Girls’ Day 2023.