BR-Internetserie „Mann/Frau“ 180 Sekunden Geschlechterklamauk

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Christian Ulmen produziert für den Bayerischen Rundfunk die Internetserie „Mann/Frau“. In zwanzig Folgen à drei Minuten blicken zwei Großstadtsingles auf ihren Alltag.

Lore Richter und Mirko Lang  verkörpern  zwei Singles in Berlin. Foto: BR
Lore Richter und Mirko Lang verkörpern zwei Singles in Berlin. Foto: BR

Stuttgart - Wenn die alte auf die neue Medienwelt trifft, dann sieht das wohl so aus. Anzugträger mit lichtem Haupthaar sprechen mit langbärtigen Kapuzenpulli-Kerlen, weißhaarige Damen interviewen sehr, sehr lässige 30-Jährige, die Lillet mit Beeren drin trinken.

Also, zumindest vergangene Woche sah das so aus, als der Bayerische Rundfunk in der Szenekneipe „Volksküche“ im Hinterhof des Münchner Volkstheaters die von Christian Ulmen produzierte Webserie „Mann/Frau“ vorstellte. In zwanzig Folgen à drei Minuten geht es da in einer sehr zeitgemäßen Form um ein uraltes Thema: Wie blicken die Geschlechter auf ihren Alltag, ihre Freunde, Amouren und Jobs? Zwei Großstadtsingles um die dreißig, dargestellt von Lore Richter und Mirko Lang, leben nebeneinander, versuchen ihre Wohnsituation zu verbessern, die große Liebe zu finden, und empfinden das alles doch recht unterschiedlich.

Berliner Szene in München

Nix da mit Gender-Mainstreaming. Stattdessen witzige Beobachtungen, Klischees, Gegensätze auf die Spitze getrieben, manchmal reichlich überdreht, aber irgendwie auch authentisch. Ein Geschwisterpaar hat sich die Arbeit am Script geteilt, Jana Buchholz schrieb die weiblichen, ihr Bruder Johann die männlichen Episoden. Auch Kameraleute und Regisseure wurden nach Geschlecht beschäftigt, die untermalende Musiken klasse ausgewählt. Dazu kommen interessante Sidekicks. Der Produzent und Schauspieler Christian Ulmen ist als Kneipenwirt, ebenso wie seine Frau Collien Ulmen-Fernandes als beste Freundin, in einer Nebenrolle als „guter Zuhörer“ zu sehen, Friedrich Liechtenstein spielt Lores Vater. Das alles unterm Dach des BR? Die gefühlt halbe Berliner Hipsterkolonie war zur Opening-Party in die bayerische Landeshauptstadt gereist, um diese ungewöhnliche, wahrscheinlich aber zukunftsweisende Zusammenarbeit zu feiern.

Anders als gewohnt ist wirklich einiges an „Mann/Frau“. Zunächst die Länge: Filmchen von drei Minuten Länge entsprechen nicht den traditionellen Sehgewohnheiten des durchschnittlichen TV-Guckers im gehobenen Alter, sondern denen von jungen Menschen, die auf Smartphone oder Computer zwischendurch in der Mit-tagspause, auf dem Bahnsteig oder abends auf dem Sofa gerne You-Tube-Clips schauen, („Youtube ist das neue MTV“, behauptet der ehemalige MTV-Moderator Ulmen). Die Geschwindigkeit ist ziemlich hoch, schnelle Schnitte, eilige Dialoge. Dann der Grundton. Er ist etwas drastischer, sexuell ungenierter, als man das von den Öffentlich-rechtlichen kennt. Und nicht zuletzt die Ausstrahlungswege. Vier Folgen der Serie sind nämlich schon seit dem 4. September im Internet unter www.mannfrau.de abrufbereit. Im BR startet die Ausstrahlung erst am kommenden Freitag und läuft dann die darauf folgenden Wochen an diesem Tag jeweils um 23.15 Uhr.

Konsequent trimedial

Extra aufbleiben wird wohl keiner wegen 180 Sekunden Geschlechterklamauk. Aber das, so sagte Christian Ulmen dem „Münchner Merkur“, sei auch nicht so wichtig. Auf welchem Wege die Serie bei den Leuten ankomme, sei egal, Hauptsache sie komme an. Dass der BR den Schritt gewagt habe, auszudrücken, „wir haben kapiert, dass die Leute viel im Netz anschauen, also müssen wir auch etwas fürs Netz machen“, findet er „inspirierend“, „denn die Rundfunkgebühren zahlen auch die, die keinen Fernseher haben“. Und so hat der 38-Jährige sich, obwohl er vor nicht allzu langer Zeit noch erzählt hatte, Fernsehredakteure gehörten abgeschafft, („das hat nur so ein Journalist aufgeschrieben“) auf die Zusammenarbeit mit Puls, dem jungen Programm des BR, und der BR-Unterhaltungschefin Annette Siebenbürger eingelassen. Man sei sehr gut miteinander klar gekommen, sagte die einstige Regieassistentin von Ingmar Bergman in der „Volksküche“. „Wenn man sich die Machart anschaut, ist sie, leicht verändert, nicht so viel anders als bei anderen BR-Produktionen. Die Serie ist hochqualitativ mit Aufwand produziert, nach ganz normalen dramaturgischen Maßgaben. Deshalb ist die Umgewöhnung nicht so gewaltig“.

Was den BR veranlasst hat, mit der Webserie ausgetretene Pfade zu verlassen, erklärte dann die Fernsehdirektorin Bettina Reitz. „Wir leben in Zeiten des großen medialen Umbruchs“, so die 50-Jährige. „Und wir beim BR sehen es als unseren Auftrag, das lineare Fernsehen stark zu halten, und gleichzeitig auf allen Ausstrahlungswegen präsent zu sein“. Derzeit werde da noch zu sehr vom linearen ins Netz hinein gedacht, das ließe sich teilweise aber auch umkehren. „Mann/Frau“ sei eines von vielen Experimenten, die man im Sinne der Entstehung einer konsequent trimedial ausgerichteten Medienanstalt gehen wolle. Und nun, sagte Thomas Müller, Redaktionsleiter von Puls, müsse die Sendung nur noch von Nutzern in den Datenfluten des Internets gefunden werden. Es kann eben ziemlich viele Vorteile bringen, wenn alte und neue Medienwelt, ältere und jüngere Menschen also, zusammen arbeiten. Lillet mit Beeren schmeckt, wenn man sich überwunden hat, auch gar nicht so übel.