Brandanschlag in der Nähe eines Flüchtlingsheims Das große Rätsel von Remseck

Von Julian Illi 

Im Oktober brannte es neben einer Asylunterkunft. Die Bewohner konnten sich in letzter Sekunde retten. Es gibt weder einen Täter noch eine heiße Spur oder ein Motiv. Obwohl für Hinweise eine Belohnung ausgesetzt wurde.

Deutlich sichtbar sind die Spuren des Brandanschlags bis heute. Foto: factum/Archiv
Deutlich sichtbar sind die Spuren des Brandanschlags bis heute. Foto: factum/Archiv

Remseck - Durch das zerbrochene Türglas wandert der Blick ins Innere: rußgeschwärzte Wände, verkohltes Holz, geschmolzene Stromkabel. Statt uriger Gemütlichkeit strahlt die holzgetäfelte Gaststube eine traurige Verlorenheit aus. Ganz verhalten, wie aus der Ferne, dringt der ­Geruch von kaltem Rauch in die Nase. Auch von außen sieht man dem Lamm die Katastrophe noch an: Spanplatten füllen die Fenster im Erdgeschoss, der Leuchtschriftzug über dem Eingang ist aufgeplatzt. Über den Fenstern ist der Putz pechschwarz, so, als hätten die Flammen einen dunklen Abdruck auf der weißen Wand hinterlassen.

Vor sechs Monaten hat ein Feuer die ehemalige Gaststätte im Remsecker Ortsteil Neckargröningen verwüstet, noch heute sind die Spuren gut sichtbar. Jede Spur fehlt hingegen von jenen, die für den Schaden verantwortlich sind. Denn der Brand im Lamm war kein Unfall, er ist ein Verbrechen – eines, das bis heute ungeklärt ist.

Die Bewohner eilen auf die Straße

In der Nacht auf den 20. Oktober, in den frühen Morgenstunden, schlagen Flammen aus dem Gasthaus mitten in dem Ortsteil, Brandgeruch erfüllt die Ludwigsburger Straße. Die Bewohner der Flüchtlingsunterkunft im Hinterhaus, das nur wenige Meter neben dem Lamm steht, eilen auf die Straße. Die Feuerwehr rückt mit einem Großaufgebot an, stundenlang kämpft sie gegen die Flammen. Als die Wehr ab- und die Polizei anrückt, finden die Ermittler an mehreren Stellen Benzin.

Schnell ist klar: Das Feuer wurde absichtlich gelegt. Die Nachricht von einem Anschlag macht die Runde. Reporter eilen nach Neckargröningen, Kamerateams filmen das Gebäude, befragen Anwohner und den Oberbürgermeister.

Plötzlich ist Remseck in den Abendnachrichten, in ganz Deutschland ist die Rede vom nächsten Angriff auf eine Flüchtlingsunterkunft. Zu einer Mahnwache im Kerzenschein kommen Hunderte Rems­ecker vor dem Lamm zusammen. Die Botschaft: Wir sind nicht Dunkeldeutschland, bei uns ist kein Platz für Fremdenhass.

Ermittlungserfolge bleiben aus

Doch so groß die Aufregung kurz nach dem Brand ist, so ruhig wird es relativ schnell danach. Der rasche Ermittlungserfolg zur Brandursache ist bis heute der einzige. Nach wie vor ist völlig unklar, wer das Feuer in dem leer stehenden Gasthaus gelegt hat. Und ebenso unklar ist mittlerweile, warum. Zunächst sprechen die Behörden davon, dass eine fremdenfeindliche Tat „im Raum stehe“, inzwischen sind die Ermittler von dieser These abgerückt. Es sei völlig unklar, ob der Brand etwas mit der benachbarten Flüchtlingsunterkunft zu tun gehabt habe, sagt der Polizeisprecher Peter Widenhorn – oder ob er dieser gar gegolten habe.

Die Ermittlungsgruppe „Lamm“ wurde vor Weihnachten aufgelöst, der Fall liegt nun bei der Staatsschutzabteilung. Mehr als 200 Spuren hat die Polizei in den vergangenen sechs Monaten ausgewertet, mit einigen davon ging sie auch an die Öffentlichkeit. Das Ergebnis blieb ernüchternd. Seit Kurzem setzen die Ermittler ihre Hoffnung nun auf eine Belohnung, die ein anonymer Privatmann ausgelobt hat: 25 000 Euro für Hinweise, die zum Täter führen.

Besitzer: Hauptsache ist, dass niemand zu Schaden gekommen ist

Er habe dieses Geld nicht ausgesetzt, sagt Thomas Rettig. Sollte der Brandstifter aber tatsächlich durch einen Hinweis gefasst werden, werde er die gleiche Summe noch mal obendrauf geben. Rettig, dem das Gelände, auf dem das Lamm und die Flüchtlingsunterkunft stehen, gehört, hat eine pragmatische Haltung zu dem Brand: Die Haupt­sache sei, dass keine Personen zu Schaden gekommen seien, sagt er.

Natürlich wolle er aber wissen, wer das Feuer gelegt habe. Auch wenn er nicht ­damit rechne, dass der oder die Täter ihm den Schaden ersetzen könnten.

Was mit dem Gebäude geschehen soll, dafür hat Rettig inzwischen aber recht konkrete Pläne. Noch in diesem Jahr will er mit dem Abbruch des Gebäudes beginnen, das Lamm soll einem Neubau Platz machen. Hauptsächlich Gewerbeflächen seien geplant, sagt der Grundstücksbesitzer – aber keine Gaststätte mehr.

Zurzeit leben rund 50 Flüchtlinge im Hinterhaus des Lamm, Männer, Frauen, Kinder. Dies werde auch erst einmal so bleiben, sagte der Remsecker Oberbürgermeister Dirk Schönberger. Dass bis heute vom Täter jede Spur fehlt, ist aus Sicht des Rathauschefs „sehr unbefriedigend“. Oft werde Remseck seit dem Feuer in einer Reihe mit Orten genannt, in denen es Anschläge auf Flüchtlingsheime gab – deshalb weist auch der Rathauschef oftmals darauf hin, dass es keine Hinweise auf eine fremdenfeindliche Tat gibt. „Die Integration vor Ort funktioniert. Die Stimmung ist gut.“




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