Brasilien bei der WM Mission für 200 Millionen

Die Vorfreude auf die WM-Spiele  ist groß – und die brasilianischen Fans wollen mit ihrer Mannschaft nur eines: jubeln. Foto: dpa
Die Vorfreude auf die WM-Spiele ist groß – und die brasilianischen Fans wollen mit ihrer Mannschaft nur eines: jubeln. Foto: dpa

Endlich den sechsten Titel gewinnen – dieser Auftrag der Nation lastet auf dem WM-Gastgeber Brasilien. Am Donnerstagabend geht es für die Elf von Trainer Luiz Felipe Scolari gegen Kroatien los.

WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

São Paulo - São Paulo - Von Neymar da Silva Santos Júnior oder kurz Neymar war angenommen worden, dass die Welt schon alles Wesentliche und auch Belanglose erfahren hat. Aber vor dem Auftakt dieser WM gab es doch noch eine Anekdote, die vielleicht nicht nur nennenswert ist, weil sie etwas erzählt über den kickenden Popstar des FC Barcelona, sondern auch über sein Heimatland Brasilien und den Stellenwert, den der Fußball und die Seleção dort einnehmen. Neymar hat sie selbst vorgetragen. Es war eine Erinnerung aus seinen Kindheitstagen, bevor ihn heute die Gegenwart und das Eröffnungsspiel gegen Kroatien in São Paulo beschäftigen wird.

Am 30. Juni 2002 hat sich die kleine Geschichte zugetragen. Morgens um acht Uhr saß der zehn Jahre alte Neymar mit seinen Eltern und seiner Schwester vor dem Fernseher, um das Finale der WM im fernen Yokohama in Japan zu verfolgen. Brasilien spielte gegen Deutschland. „Ich bin schon in der Dämmerung aufgestanden“, berichtete Neymar, und auch das unterschlug er nicht: „Ich habe schon etwas vom Fußball verstanden und mir sogar die Haare genauso geschnitten wie Ronaldo.“ Nachdem dieser Ronaldo mit dem damals bis auf die Stirnpartie kahl rasierten Schädel die beiden Tore zum 2:0 erzielt hatte, sei die Familie zur Oma gefahren und habe ein Grillfest veranstaltet. „Alle haben geschrien: Weltmeister!“, erinnerte sich Neymar. Dann sagte er: „Die WM war immer das Ziel meines Lebens.“

Hexacampeão, der sechste Titel, um nichts weniger geht es

Nun steht er vor seinem ersten großen Turnier. Es gibt unter den 200 Millionen Brasilianern auch jetzt viele kleine Neymars in spe. Und wie vor zwölf Jahren soll es mal wieder klappen mit dem Titelgewinn. Zumal beim Turnier zu Hause und mit jenem Trainer, dem damals der fünfte Triumph Brasiliens gelang. Luiz Felipe Scolari, 65, arbeitet mit seiner Mannschaft seit Beginn seiner zweiten Amtszeit Ende 2012 darauf hin. Hexacampeão, der sechste Titel, um nichts weniger geht es. Vor anderthalb Jahren hat der Trainer ein verunsichertes Gebilde übernommen und es peu à peu wieder aufgebaut. Viel schneller als gedacht, stellten sich Erfolge ein, mit dem Gewinn des Confedcups im Vorjahr durch ein 3:0 im Finale gegen den Weltmeister Spanien als Höhepunkt.

Das ist jetzt auch eine zusätzliche Hypothek. Scolari hat schon früh Sätze gesagt wie diese: „Mit Platz drei ist bei uns die Hölle los.“ Er wusste ja um die immensen Erwartungen, die die Nationalelf beim zweiten Turnier in der Heimat begleiten werden, nach dem schockierenden Erlebnis 1950, als der sicher geglaubte Titel durch ein 1:2 gegen Uruguay im Maracanã noch entglitt.

Die Abhängigkeit von Neymar ist eklatant

Es ist also eine Mission für Scolari, die heute in São Paulo beginnt. Und die Wahrscheinlichkeit, dass sie von Erfolg gekrönt sein wird, ist wesentlich geringer als die für eine Enttäuschung. Da ist zum Beispiel der Torwart Julio Cesar, 34, vom FC Toronto, der immer wieder mit Unsicherheiten auffällt. Oder der Stürmer Fred, der fast ein halbes Jahr lang ausgefallen war und erst kurz vor der WM bei Fluminense wieder Fuß fasste. Hinzu kommt Oscar, der beim FC Chelsea zuletzt zwar auf viele Einsätze kam, aber oft nur als Ergänzungsspieler.

Scolari dürfte dennoch seiner bisherigen Stammelf vertrauen, auch aus Mangel an Alternativen. Vor allem jedoch ist die Abhän­gigkeit von Neymar eklatant, der an guten Tagen Spiele quasi alleine entscheiden kann, sich an weniger guten Tagen aber in seinem trickreichen Stil samt Dribblings verheddert. Heraus kommen dann solche Auftritte wie im letzten Test gegen Serbien, als sich Brasilien zu einem 1:0 quälte und die Zuschauer pfiffen. Damit sich das gegen Kroatien nicht wiederholt, ha­ben  alle in der Seleção an die Landsleute appelliert, das Team geduldig zu unterstützen.




Unsere Empfehlung für Sie