Brasilien Gnadenstoß für das Leben im Rio Doce

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Schon vor dem verhängnisvollen Dammbruch am 5. November war der Fluss Rio Doce verdreckt und verseucht. Die toxischen Schlammmassen haben das letzte Leben im Fluss zerstört. Tonnenweise Fische sind verendet.

Langsam, aber sicher verteilt sich der  toxische Schlamm im  Rio Doce. Foto: AFP
Langsam, aber sicher verteilt sich der toxische Schlamm im Rio Doce. Foto: AFP

Rio de Janeiro - So viele große tote Fische habe ich noch nie gesehen“, stellt Sebastião Salgado fest, Brasiliens weltbekannter Naturfotograf. „Es ist ja ein riesiger Fluss mit immensen Fischen. Aber viele Menschen wussten nicht einmal, dass sie dort leben. Erst jetzt, wo der Fluss tot ist, erfahren wir überhaupt von ihnen!“

Er heißt so idyllisch: Rio Doce, der süße Fluss. Aber er ist schon lange nicht mehr süß. Im Einzugsgebiet des Flusses, das knapp doppelt so groß ist wie Niedersachsen, wird seit je Bergbau betrieben. Brasiliens größter Bergbaukonzern Vale trug bis vor ein paar Jahren den Rio Doce im Namen. Verdreckt und verseucht war er schon vor der Katastrophe.

Als am 5. November, vermutlich infolge eines leichten Erdbebens, der Damm brach, mit dem das Bergbau-Unternehmen Samarco einen See an Schlamm sicherte, da war es so, „als ob du den Überbleibseln des natürlichen Lebens entlang des Flusses den Gnadenstoß versetzt hättest“, wie der Biologe Francisco Mourão formuliert, der in der Region für Umweltschutz kämpft. Die kaum vorstellbare Menge von 55 Millionen Kubikmetern an Schlamm aus Residuen der Eisenerzproduktion ergoss sich in den Fluss. Dreizehn Personen wurden getötet, 24 weitere werden bis heute vermisst. Und der Fluss ist nun tot. Der Schlamm, der den Rio Doce tiefbraun eingefärbt hat, ist dem Flusslauf gefolgt und hat nach 670 Kilometern den Atlantik erreicht. Luftaufnahmen zeigen die riesige braune Mündungszone, die bis zu neun Kilometer weit ins Meer hineinreicht.

Erdschollen so hart wie Beton

Was das für die marine Fauna bedeutet, ist bisher kaum abzuschätzen. Wie giftig der Schlamm ist, der den Rio Doce braun färbt, ist unklar. Aber auch wenn nicht sehr viele toxische Stoffe in den Flusslauf gelangt sein sollten, wirken sich allein der jähe Schlammeintrag und die extrem starke Trübung des Wassers tödlich aus. Vor allem auf die Fische: tonnenweise wurden die toten Tiere aufgeklaubt. Der Rio Doce ist – oder besser war – Habitat einer endogenen Art, dem Surubim-do-Doce. Aber auch auf die Flora: wenn die Last, die sich plötzlich in den Fluss ergoss, einmal trocknet, dann werden wohl Erdschollen so hart wie Beton zurückbleiben.

Unabhängig von den Gegenmaßnahmen des Menschen – wird sich die Natur eines Tages regenerieren können? Vielleicht in 30 Jahren, meint Brasiliens Umweltministerin Izabella Teixeira. Schwer betroffen sind auch die Fischer, die seit ewigen Zeiten vom Fluss leben und nun flugs von Samarco, dem Besitzer des Unglücksdammes, temporär angestellt wurden, um die verendeten Fische einzusammeln. An die 500 Familien verloren ihre Häuser und Wohnungen, für Hunderttausende wurde die Trinkwasserversorgung unterbrochen. Sie müssen mit Wasser aus Tankwagen der Regierung versorgt werden.

Samarco, die verantwortliche Firma, gehört je zur Hälfte dem englisch-australischen Bergbaukonzern BHP Billiton und dem brasilianischen Erz-Multi Vale, eben jener, der sich früher „Companhia Vale do Rio Doce“ nannte. Gegen die Firmen und ihre Verantwortlichen will die Regierung nun klagen – auf knapp fünf Milliarden Euro, wie Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff auf der Klimakonferenz in Paris angekündigt hat.