Als Stuttgarterin Heidi Rehse erstmals nach Rio kommt, will sie nur anderthalb Jahre bleiben. Doch die Stadt lässt sie nicht mehr los. Sie bringt den Kindern in den Armenvierteln das Tanzen bei und lässt sie mit Kameras ihren Alltag dokumentieren.

Auto/Maschinenbau: Erik Raidt (era)

Stuttgart/Rio - Das Mädchen hält eine Katze im Arm, der Fernseher läuft, ein Kabelgewirr mündet in einer Steckdose. Der Blick des Mädchens, frontal in die Kamera gerichtet, bleibt unergründlich. Ein anderes Motiv spiegelt die Müdigkeit, die von den Menschen Besitz ergriffen hat: Eine ältere Frau sitzt auf einem Sofa, auf dem auch ein junger Mann liegt, halb in eine Decke eingewickelt. Das nächste Bild zeigt Kinder, die sich an ein rostzerfressenes Eisentor pressen.

Heidi Rehse Foto: Achim Zweygarth
Tausendundeinen Ausschnitt aus dem Alltag einer Favela in Rio de Janeiro zeigen jene Bilder, die ohne die Stuttgarterin Heidi Rehse nie entstanden wären und die nun in ihrer Heimatstadt zu sehen sind. Rehse kam 1987 nach Rio de Janeiro, heute sitzt sie in einem Café in der Stuttgarter Innenstadt, manches an ihrer Lebensgeschichte kommt ihr selbst unwirklich vor. Sie wollte sich in Brasilien zur Tänzerin ausbilden lassen und wieder nach Deutschland zurückkehren. „Doch dann blieb ich 15 Jahre.“ Und eine ganze Generation von Favelakindern lernte von der Deutschen das Tanzen. Brasilien, das Land, das derzeit in unruhigen Träumen der Fußball-Weltmeisterschaft entgegenfiebert, wurde Heidi Rehses zweite Heimat.

Das Mädchen mit der Katze im Arm heißt Silvia, das Foto ist vor knapp zehn Jahren entstanden. Heidi Rehse hält immer noch den Kontakt zu ihr. Die 47-Jährige muss keine Zeitung lesen, um zu wissen, was in der Favela Rocinha in Rio de Janeiro passiert. Heidi Rehse bekommt ihre Informationen über Facebook, dort schreiben ihr Silvia, Thiago und die anderen Favela-Kids. „Silvias Geschichte ist typisch für die vieler Mädchen, die in der Favela aufwachsen“, erzählt Heidi Rehse, während sie das Bild von ihr betrachtet. „Als ich sie kennenlernte, hatte ihre Mutter keine Arbeit, ihr Vater war verschwunden, sie lebte in einer Familie mit vielen Geschwistern und Halbgeschwistern.“ Inzwischen ist Silvia selbst Mutter geworden, sie schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch.

Momentaufnahmen des Lebens

Vor zehn Jahren hatte Heidi Rehse die Idee, dass die Jungen und Mädchen aus Rocinha ihren Alltag dokumentieren. „Ich kaufte Einwegkameras und drückte sie den Kindern in die Hand, die noch nie zuvor fotografiert hatten.“ So entstanden Momentaufnahmen, in denen nichts arrangiert ist, die Unschärfen besitzen und deshalb ein scharfes Bild von der brasilianischen Lebenswirklichkeit zeichnen. Heidi Rehse hat die Jungen und Mädchen aus der Favela unweit von Ipanema zu Chronisten ihres eigenen Lebens gemacht.

Die Stuttgarterin deutet auf das Bild der Großmutter und des auf dem Sofa dösenden Jungen. „Die Favela-Mentalität prägt die Menschen, viele haben große Träume, sie wollen Arzt werden, aber sie haben selten einen langen Atem. Oft sind die Menschen schnell zu begeistern, aber sie strengen sich nicht lange an.“ Heidi Rehse erzählt von der Macht und der Drogenmafia, von Hoffnungen und Abstürzen, und sie kann dies mit mehr eigener Lebenserfahrung in den Favelas belegen als die meisten Journalisten, die aus den Vierteln der einfachen Leute berichten.

Als sie Ende der 1980er Jahre aus Tübingen als Austauschstudentin nach Rio de Janeiro kam, war sie 20 und wollte anderthalb Jahre bleiben. Eben war die Zeit der Militärdiktatur zu Ende gegangen, Brasilien brach zu neuen Ufern auf. Heidi Rehse verliebte sich in Rio, die Wunderbare, und in die Mentalität der Menschen. „Ich war furchtlos und unbedarft.“ Sie zog oft um, sie lebte in den Favelas. Eines Tages sprach eine Tänzerin Heidi Rehse an: Ob sie in der Favela Ballettunterricht geben wolle? Als sie erstmals in die erwartungsvollen Gesichter der Jungen und Mädchen blickte, hätte sich Heidi Rehse nie träumen lassen, dass ihr Favela-Tanzprojekt einmal um die Welt gehen würde.

Beim Tanzen lösen sich die Fesseln

Sie war zu diesem Zeitpunkt längst eine Deutsch-Brasilianerin geworden, die viele der ungeschriebenen Gesetze der Favela durchschaute – und notfalls eigene aufstellte. „Für mich stand immer fest, dass die Kinder unbewaffnet zum Tanzunterricht kommen müssen.“ Einmal kam ein Junge vorbei, sah sie an und kehrte um. „Er hatte seinen Revolver dabei.“ Heidi Rehse verstand mit der Zeit, wann sie besser „den Mund halten“ oder aus einem Bus aussteigen sollte, um einem drohenden Überfall zu entgehen. Einmal bekam sie nach dem Tanztraining ein Handy gereicht: Der Boss einer Drogengang sagte ihr, dass er sich freue, dass seine Tochter bei ihr tanze. Und ob sie beim nächsten Auftritt nicht in der ersten Reihe tanzen dürfe?

Das Mädchen stand daraufhin ganz vorn. Mit Beharrlichkeit und diplomatischem Geschick hat Heidi Rehse in Rocinha ihr Tanzprojekt aufgebaut, das einen Namen bekam, der dem rauen Favela-Leben einen zärtlichen Klang verleiht: „Salamaleque“ leitet sich von „moleque“ ab, dem Lausbub. Die Kinder haben dem Projekt selbst den Namen gegeben, Heidi Rehse tanzte mit ihnen, und beim Tanzen lösten sich Fesseln. Die sichtbaren und die unsichtbaren. Einmal kam ein achtjähriges Mädchen zu spät zum Unterricht. Erst nach einer Weile erzählte sie, weshalb: Vor ihrer Haustür war eine Leiche gelegen, und sie traute sich nicht hinaus.

Plötzlich war eine Grenze überschritten: Die anderen Kinder erzählten von ihren Vätern, die verwundet oder getötet worden waren, von der Angst, die ihr Leben vergiftete. Die Favelakinder fragten Heidi Rehse, ob man die Gewalt nicht auf der Bühne zeigen könne. Jene Gewalt, die zu ihrem Alltag gehörte, in dem die Drogenmafia viele Jahre lang über dem Gesetz stand. „Abertura“ – die Öffnung, heißt jenes Stück, in dem die Kinder auf der Bühne kämpfen, sterben und wieder aufstehen. Ein Stück, in dem die Kinder jene Szenen verarbeiteten, die sie täglich sahen.

Heidi Rehse ist mit den Favelakindern an Orten aufgetreten, die diese noch nie zuvor gesehen hatten: Auf den Straßen der Reichenviertel und bei deren Festen. „Für mich war es immer entscheidend, dass die Kinder dort auftreten können, durch das Tanzen haben sie Kontakt zu einer Welt bekommen, die ihnen sonst versperrt geblieben wäre.“ Heidi Rehse hat mit ihrem Tanzunterricht gegen ein altes Favelagesetz angekämpft: „Wer drin lebt, bleibt drin, wer draußen lebt, bleibt draußen.“

Harte Beats für liberianische Kindersoldaten

Thiago hat das Gesetz durchbrochen. Heidi Rehse zeigt die Bilder, auf denen Thiago noch ein Moleque ist, ein Lausbub aus Rocinha. „Thiago war schon immer aufgeweckt“, erinnert sich Heidi Rehse, „aber das Tanzen gab ihm die nötige Disziplin, um in der Schule durchzustarten.“ Aus dem Jungen ist ein Profitänzer geworden. Seine Geschichte ist nur ein Mosaikstein im großen Bild der Favela Rocinha: Thiago, dem es gelingt aufzusteigen – Silvia und viele andere, die bleiben und wie ihre Eltern und Großeltern leben.

Inzwischen hat Abertura – der Tanz der Kinder über und gegen die Gewalt – in Rio de Janeiro, in Liberia, in Indien und in anderen Ländern ein Publikum gefunden. In Liberia tanzten ehemalige Kindersoldaten zu den harten Beats. „Wenn sich die Kinder beim Tanz zeigen, sind sie nicht länger die Bettelkinder aus der Favela.“ Ein ähnlicher Gedanke steckt hinter dem Fotoprojekt, das bereits in vielen Städten gezeigt wurde und nun in Stuttgart zu sehen ist: Heidi Rehse erlebte mit, wie immer mehr Touristen in die Favela strömten, um sich die Armenviertel anzusehen. Die Kinder in ihrem Tanzkurs wunderten sich, warum sich die Touristen plötzlich nicht mehr nur für die Copacabana, sondern für das harte Leben in den Favelas interessierten.

Als Heidi Rehse den Kindern die Kameras gab, bekamen diese nur einen Satz mit auf den Weg: „Wie seht ihr eigentlich selbst euer Leben?“