InterviewUreinwohner im Amazonas entdeckt Brasiliens Indianer suchen Schutz im Wald

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In Brasilien hat eine Drohne einen jener Indianer-Stämme gefilmt, die jeden Kontakt mit der Außenwelt vermeiden. Wir sprachen mit dem Ethnologen Wolfgang Kapfhammer über ihre Lage, Kultur und Überlebenschancen.

Dieses Foto zeigt fünf Mitglieder einer unkontaktierten indigenen Gruppe, die im brasilianischen Amazonas-Gebiet  von einem Flugzeug aufgenommen worden ist. Foto: dpa 9 Bilder
Dieses Foto zeigt fünf Mitglieder einer unkontaktierten indigenen Gruppe, die im brasilianischen Amazonas-Gebiet von einem Flugzeug aufgenommen worden ist. Foto: dpa

Stuttgart - In Brasilien leben mehr als 200 indianische Gruppen, die wenig bis gar keinen Kontakt mit der Außenwelt haben. Das hat die internationale Menschenrechtsorganisation Survival International mitgeteilt. Die brasilianische Behörde für Indigene Angelegenheiten Funai hatte jüngst spektakuläre Drohnenaufnahmen einer solchen Gruppe von sogenannten unkontaktierten Völkern veröffentlicht. Sie stammen aus der Region Vale do Javari, dem größten indigenen Territorium Brasiliens.

Wir sprachen mit dem Münchner Ethnologen Wolfgang Kapfhammer über die Situation der indigenen Ureinwohner, die Gefahren für ihr Überleben und ihre Kultur sowie ihre Zukunft.

„Diese Gruppen sind permanent auf der Flucht“

Herr Kapfhammer, wer sind diese Menschen, die offiziell Unkontaktierte genannt werden?

Es handelt sich um Gruppen, die permanent auf der Flucht sind. Die erste Begegnung mit der Außenwelt – Goldsuchern, illegalen Holzfällern oder Glücksrittern – verläuft meist sehr konfrontativ. Gerade in jüngster Zeit werden diese Kontakte wieder gewaltsamer. Die Straflosigkeit der Täter und der Verantwortlichen in Brasilien ist ein schreiendes Unrecht.

Die Ureinwohner wissen, dass es eine Welt außerhalb des Waldes gibt?

Ja. Aus Erzählungen oder eigenen Kontakten kennen sie die Außenwelt, die sie als extrem bedrohlich wahrnehmen. Es ist keineswegs ein paradiesisches Idyll, in dem sie leben. Ganz im Gegenteil: Sie leben unter extremen Stress und extremer Angst. In dieser Situation ziehen sich dieses Restgruppen in die riesigen Waldgebieten Brasiliens zurück, wo sie Gebiete finden, in denen sie oft über Jahrzehnte unentdeckt leben können.

Wo finden die Kontakte statt?

Im Amazonas-Gebiet. Mit rund sieben Millionen Quadratkilometern entspricht es etwa fünf Prozent der gesamten Landfläche der Erde. Es ist eine Gegend weitgehend außerhalb jeglicher staatlicher Kontrolle, wo keine Gesetze herrschen.

Wollen die Ureinwohner überhaupt den Kontakt?

Die Frage, ob sie Kontakt bekommen, stellt sich erst gar nicht. Es geht vielmehr darum, die Waldbewohner vor der Gewaltkultur an den entlegenen Rändern der brasilianischen Gesellschaft zu schützen. Diese Menschen sind sehr verwundbar.

Inwiefern?

Das größte Problem ist, dass sich diese Menschen mit für uns banalen Krankheiten anstecken. Es kann passieren, dass 80 bis 90 Prozent einer Gruppe sterben. Dieses Trauma vergrößert noch die Angst der Überlebenden vor der Welt da draußen.

Sind sie in die brasilianische Gesellschaft integriert?

Es gibt für diese Gruppen oft keinen Ort in der Gesellschaft. Sie müssen vom Staat mehr oder weniger abgeschottet werden und leben in einer Art Zwischenstadium: Sie unterliegen bestimmten Schutzprogrammen, die notwendig sind, um ihr physisches Überleben zu sichern.

Wie viele Unkontaktierte leben in Amazonien?

Schätzungsweise mehrere Tausend. Zum größten Teil leben sie im Grenzgebiet zwischen Brasilien und Peru im Nordosten – dem Vale do Javari. Es gibt auch einige versprengte Gruppen in Maranhão im Nordosten Brasiliens. Die indigenen Völker sind mit schätzungsweise einer Million Menschen eine kleine Minderheit in Brasilien. Es gibt rund 200 verschiedene indigene Gemeinschaften. Das eine Extrem sind die Unkontaktierten, das andere Extrem sind große Völker wie Guaraní, welche sprichwörtlich keinen Ort mehr finden zwischen den Sojafeldern der Agrarindustrie.

Wo und wie leben die Indigenen?

Das ist sehr unterschiedlich. Der Großteil von ihnen lebt in rechtlich abgesicherten Territorien, wo sie ein bäuerliches Leben führen. Daneben findet seit einigen Jahrzehnten eine zunehmende Urbanisierung indigener Gruppen statt. Allein in Manaus in Nordbrasilien leben mehrere Zehntausende Indianer.

Sind die Gruppen durch Gesetze geschützt?

Indigene sind rechtlich abhängig von einem ihnen zugesprochenen Territorium. Auf der einen Seite ist das das Ergebnis eines wichtigen politischen Erfolges seit den 1970er Jahren. Obwohl sie nur ein Prozent der Bevölkerung stellen, sind 13 Prozent des riesigen Landes rechtlich abgestecktes indigenes Territorium. Die Kayapó beispielsweise, die in den Bundesstaaten Mato Grosso und Pará leben und 3000 bis 4000 Menschen umfassen, bewohnen ein Territorium von der Größe Schottlands. Die Probleme beginnen, wenn Indigene ihr Territorium verlassen oder verlassen müssen.

Was bedeutet das?

Das ist dann der Fall, wenn sie etwa staatliche Programme in Anspruch nehmen wie Schulbildung oder Sozialprogramme. Die Grundschule ist mittlerweile in den meisten indigenen Territorium zugänglich. Wer sich aber weiterbilden will, ist gezwungen das Territorium – die „Terra Indígena“ – zu verlassen. Dadurch wird vor allem die junge Generation dem traditionellen Leben entfremdet.

Ist die indigene Kultur dem Untergang geweiht?

Man hat den Eindruck, dass seit die ersten Indianer entdeckt wurden sie ausssterben. Das ist absurd. Heute leben rund eine Million Indianer in Brasilien, die ein hohes Bevölkerungswachstum aufweisen. Es gibt weiter indigenes Leben, auch und gerade in den Städten Amazoniens. Ich selbst veranstalte regelmäßig Seminare mit indigenen Kollegen und Kolleginnen aus Manaus für Münchner Studierende.

Also werden Brasiliens Indianer überleben?

Indigenes Leben in Brasilien ist nicht dem Untergang geweiht. Im Gegenteil: Brasilien muss sich, um nicht unterzugehen, an der indigenen Lebensweise orientieren. In einer schwierigen Umwelt kann man noch Mittel und Wege finden, um zu überleben ohne die eigene Umwelt zu zerstören. Das ist die Botschaft der indigenen Völker an die moderne Welt.

Zur Person

Wolfgang Kapfhammer (59) ist Lehrbeauftragter am Institut für Ethnologie an der Ludwig-Maximilians-Universität.

Er lebte seit Ende der 1990er Jahre immer wieder bei den Sateré-Mawé Indianern, einem rund 12.000 Menschen umfassenden Stamm im Gebiet des Rio Andirá, rund 300 Kilometer südöstlich der Millionenmetropole Manaus in Nordbrasilien.