Berlin - In der Technikbranche läuft es zurzeit nicht wirklich rund. Im ersten Halbjahr ging der Umsatz bei der Unterhaltungselektronik um sieben Prozent zurück. Zwar ist der Absatz stabil, aber der Preisverfall ist vor allem bei den Fernsehern zu spüren. Dass die Berliner Ifa als Leitmesse für Unterhaltungselektronik dieses Jahr besonders viel Wind um neue Trends macht, kann man ihr deshalb nicht verdenken. Traditionell läutet sie das Weihnachtsgeschäft ein. Was hier gezeigt wird, muss aus Branchensicht erst in den Handelsregalen, dann unter den Weihnachtsbäumen liegen.
All den Versprechungen glauben muss man als Verbraucher aber deshalb nicht. Nicht alles, was ein Trend sein soll, muss auch jetzt schon einer sein. Abhaken kann man vorerst 5G. Der Ausbau der Netze für den superschnellen Datenfunk hat in Deutschland gerade erst begonnen, 5G-fähige Smartphones braucht man deshalb nicht. Und 8k-Fernseher, die nochmals deutlich schärfer sind als die aktuellen 4k-Bildschirme? Da kann man sich auch als Technikfreak getrost zwei, drei Jahre Zeit lassen, bis die Preise sinken. Zurzeit bieten ohnehin nur wenige Streaming-Anbieter superscharfe Filme und Serien an – und das auch nur in 4k.
Beeindruckend sind die technischen Muskelspiele allemal
Imposant sind solche technischen Muskelspiele allemal: Die Pixel sind selbst dann nicht zu erkennen sind, wenn man mit der Nase bereits am Bildschirm klebt. Beeindruckend sind auch Displays, die sich wölben, den Möbelrundungen anpassen oder wie Jalousien einrollen lassen. Da wäre auch Samsungs Falthandy, das in seiner nachgebesserten Form den Belastungen standhalten und im September in den Handel kommen soll. Ausgeklappt lassen sich unter anderem mehr Anwendungen auf einmal nutzen. Ob das gut 2000 Euro wert sein soll, steht auf einem anderen Blatt. Doch all dies zeigt: Die Branche entwickelt sich technisch weiter, auch wenn es keinen Quantensprung gibt.
Die wahren Innovationen finden ohnehin im Verborgenen, im Innern der Geräte statt: Das Gerät, die Hardware an sich genügen längst nicht mehr. Ein Fernseher, der nicht Streamingdienste wie Netflix integriert und sich, auch mit Sprache, spielend-leicht steuern lässt, verliert an Wert. Es geht um die beste Software und Vernetzung, es dreht sich um Schnittstellen und intelligente Ökosysteme. Auch deshalb vernetzen die Hersteller fast schon panisch möglichst viele Produkte, denn ohne Internetanschluss werden sie Ladenhüter sein. Neu ist die Angst, dass dies auch der Fall sein könnte, wenn Küche, Wohnzimmer & Co. nicht künstlich-intelligent und damit für den Kunden noch bequemer werden.
Die Branche treibt die Angst um, dass sich Geräte ohne künstliche Intelligenz nicht verkaufen könnten
Das treibt zuweilen skurrile Züge: Hunde bekommen vernetzte Roboter-Spielkameraden, Katzen werden getrackt, die Kamera überwacht das Hähnchen im Backofen. Und braucht es eine Spracherkennung, die „Alexa, mach’ mal die Dusche wärmer“ versteht? Sicher: Wenn möglichst viele Daten der Bewohner gesammelt und maschinell verarbeitet werden, kann diese intelligente Vernetzung den Haushalt komfortabler und sicherer machen und auch Energie sparen helfen. Aber es lässt sich auch das Gegenteil behaupten, wenn Daten gehackt und die Rechner unnötig Strom verbrauchen.
Und was ist mit den Folgen, etwa der Dauervernetzung, dem Smartphone-Nacken, dem unruhigen Schlaf? Hier liefert die Branche auf der Ifa das Gegenmittel gleich mit: Sensoren für den geraden Rücken und die Analyse des unruhigen Schlafs, Licht- und Massageprodukte fürs Wohlgefühl. Zumindest der Technik-Trend für die Technik-Folgen wird ein Klassiker werden.
daniel.graefe@stzn.de