Brauchtum Was die Fasnet so besonders macht

Von Lena Hummel 

Seit 33 Jahren gibt es die Gosbacher Leimbergweibla, deren Entstehung auf eine Legende zurückgeht. Der Zunftmeister Thomas Alt ist seit zwölf Jahren im Amt – und schätzt vor allem die Gemeinschaft und den familiären Umgang in der Gruppe.

Die Leimbergweibla wollen das Publikums stets gut unterhalten. Foto: Leimbergweibla Gosbach
Die Leimbergweibla wollen das Publikums stets gut unterhalten. Foto: Leimbergweibla Gosbach

Gosbach - Jedes Wochenende das gleiche Schauspiel: In der Gosbacher Ortsmitte trifft sich ein Pulk gleichgekleideter Menschen, um in den für sie bestellten Bus zu steigen. Die Männer und Frauen tragen grüne Oberteile und schwarze Röcke, die dank kleiner, am Saum befestigter Glocken bei jedem Schritt klirren. Darunter lugen die Spitzen einer weißen Unterhose hervor. Darüber ist eine rote Schürze gebunden, das Halstuch, das mit einem Stück Holz am Schlüsselbein zusammengehalten wird, hat dieselbe Farbe.

So sieht das sogenannte Häs der Gosbacher Leimbergweibla aus. Vor 33 Jahren haben sich elf Fasnetsbegeisterte zu der Maskengruppe zusammengeschlossen. Heute zählt die Zunft, die einige Jahre nach ihrer Gründung der Faschingsgesellschaft Gosbach beigetreten ist, 89 Maskenträger, von denen 35 bis 40 zum festen Stamm gehören. Auch 18 Kinder sind dabei. Die Entstehung der Gruppe basiert auf den Erzählungen der ansässigen Bürger. Am Gosbacher Hausberg, dem Leimberg, hätten einst Kräuterweibla gehaust, die in ihrer Küche, deren Grundmauern heute noch stehen, Elixiere und Heilmittel gebraut und damit gehandelt hätten.

Unterwegs von Bad Buchau bis Gundelsheim

Zurück zum Bus: Mal ist Berkheim (Landkreis Esslingen) das Ziel, mal Bad Buchau in Oberschwaben, und auch das 130 Kilometer entfernte Gundelsheim im Landkreis Heilbronn. Bevor die Fahrt beginnt, verstauen die Narren ihre Masken sicher in der Ablagefläche. Sie sind aus Holz, handgeschnitzt vom Ravensburger Holz- und Maskenschnitzer Jogi Weiß. Seit drei Jahren schenkt er den Weibla ihr freundliches Lächeln, ihre in Falten gelegte Stirn und die Grübchen auf ihren roten Wangen. Sein Vorgänger, ein Maskenschnitzer aus Alttann, ist wenige Jahre zuvor gestorben. Er hatte die Maske entworfen.

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An diesem Freitag bleibt der Motor des Reisebusses kalt. Die Narrengruppe feiert ihr 33-jähriges Bestehen mit einem großen Brauchtumsabend in der örtlichen Turnhalle. Die Garde des Gesamtvereins wird zu diesem Anlass ihren Tanz zeigen, ebenso wie die Leimbergweibla selbst. Auch viele andere Gruppen – sowohl aus der Nachbarschaft als auch aus der Ferne – tragen zum Programm bei. „Wir feiern nur ungerade Zahlen. An der Fasnet ist alles anders herum“, begründet der Zunftmeister Thomas Alt das große Fest zum Schnapszahl-Jubiläum. „Deshalb tragen wir auch unser Wappen links, und deshalb gibt es Rathausstürme, bei denen die Bürgermeister enteignet werden und die Narren die Regeln aufheben“, ergänzt er.

Der in die Zunft hineingeborene Nachwuchs heißt Narrensamen

Seit zwölf Jahren ist der 39-jährige Industriemechaniker der Kopf der Maskengruppe. Was das heißt? Die Gruppe anleiten, ein offenes Ohr haben, Neulingen den Weg in die Fasnet zeigen und ganz viel im Hintergrund koordinieren, planen und arbeiten. Für den Gosbacher ist es vor allem die Gemeinschaft, die die Zeit zwischen dem 6. Januar und Aschermittwoch so besonders macht. „Bei uns geht es familiär zu, wir sind ein bunt gemischter Haufen jeden Alters, alle kommen super aus, und bei uns gibt es keine Grüppchen.“

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Der vergangene Sonntag, großer Narrensprung durch die Altstadt von Blaubeuren: Die Leimbergweibla warten in einer langen Schlange mit anderen Narren und Guggenmusikern auf ihren Einsatz. Die neun Kinder im Weible-Häs proben eine Pyramide, die sie während des Umzugs zeigen werden. Bei ihrem Einsatz tobt das Publikum. Nach dem Umzug ist der Narrensamen, wie der in die Zunft hineingeborene Nachwuchs genannt wird, nicht nur bei den Eltern anzutreffen. Denn dann gilt: Wer ein Häs trägt, kümmert sich um ihn. Konkret heißt das: wenn die Kinder wollen, werden sie auf den Schultern herumgetragen oder zum neuesten Fasnetshit übers Parkett geführt. Für alle anderen bleibt Zeit für Gespräche – mit Vereinskameraden, Freunden aus anderen Zünften oder neuen Bekannten. Das Verhältnis ist freundschaftlich, der Umgangston freundlich. „Unter echten Hästrägern gibt es keine Gewalt“, sagt Alt stolz.

Das „böse F-Wort“ ist tabu

Wer so einer ist, lässt sich leicht herausfinden. Denn es gibt so einige Worte, die waschechte Narren nicht in den Mund nehmen. So ist „das böse F-Wort ‚Fasching’“ im südwestdeutschen Raum strengstens verboten. Und wenn die Leimbergweibla „Leimberg!“ in die Menge rufen und auf die Antwort „Weibla!“ warten, dann ist das kein Schlacht-, sondern ein Narrenruf. Doch Alt sind nicht nur solche Dinge wichtig. Trägt er sein Häs, will er seinen Herkunftsort und seine Zunft repräsentieren, er will zeigen, dass er stolz ist, Teil der Gruppe zu sein. Schließlich sei er zwar der Zunftmeister, „aber ohne die anderen bin ich auch nichts“, sagt er und ergänzt: „Ich möchte, dass der Verein im Vordergrund steht.“