Brechts „Dreigroschenoper“ in Stuttgart Der vom Affen gebissene Kleinbürger

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Im Stuttgarter Schauspielhaus inszeniert Sebastian Baumgarten einen Evergreen: Brechts „Dreigroschenoper“. Die politische Brisanz des Singspiels zu retten, gelingt ihm nicht. Was ihm glückt: gute, stilsichere Unterhaltung.

Mit Tatoos im Rotlicht der Amoralität:  Johann Jürgens als Macheath und Caroline Junghanns als Jenny Foto: Bettina Stöß
Mit Tatoos im Rotlicht der Amoralität: Johann Jürgens als Macheath und Caroline Junghanns als Jenny Foto: Bettina Stöß

Stuttgart - Es ist der bekannteste Theatersong der Welt. Louis Armstrong, Ella Fitzgerald und Frank Sinatra haben ihn gesungen, Harald Juhnke, Hildegard Knef und Udo Lindenberg. Irgendwann in jüngerer Zeit sind zum erlauchten Interpretenzirkel noch Sting und Robbie Williams gestoßen und haben die unverwüstliche Nummer der Popgeneration erschlossen: „Mack the Knife“ oder – im Original – „Die Moritat von Mackie Messer“, geschrieben von Bertolt Brecht und kongenial vertont von Kurt Weill. „Und der Haifisch, der hat Zähne / Und die trägt er im Gesicht / Und Macheath, der hat ein Messer / Doch das Messer sieht man nicht“, heißt es in der ersten Strophe, die – kaum zitiert – auch schon die träg leiernde Melodie angenehm durch die Köpfe schlendern lässt. Das populäre Bänkellied eröffnet die „Dreigroschenoper“. Seit je. Nur jetzt in Stuttgart nicht. Dort hat man das Vorspiel kurzerhand gestrichen. Warum?

Nun ja, vermutlich darum: „Mack the Knife“ ist über die Jahrzehnte zum globalen Kulturgut abgesunken und verführt heute eher zum Schunkeln als zum Denken – ein Schicksal, dem die 1928 in Berlin uraufgeführte „Dreigroschenoper“ auch als Ganzes nicht entgehen konnte. Brecht, damals dreißig Jahre alt, zielte mit seinem Singspiel ja auf mehr als bloßes Entertainment: Schonungslos rechnet er mit dem Kapitalismus ab. Er zeigt die Unternehmer als Räuber, die Räuber als Unternehmer, er entwirft also eine menschliche Sozietät, die sich haifischhaft verhält, aber ihre Haifischzähne so gut zu verstecken weiß wie der Bandenchef Macheath sein Messer. Und das fadenscheinige Mäntelchen, hinter dem die gut beleumundete Gesellschaft ihre Verbrechen begeht, das ist die bürgerliche Moral. So weit, so Brecht. Womit der Meister jedoch nicht gerechnet hat, war und ist die anhaltende Bereitschaft des Publikums, an der von ihm aufgezeigten menschlichen Verkommenheit auch enormes Gefallen zu finden. Die „Dreigroschenoper“ wurde zum Publikumshit, unter der Hand aber auch – und gegen die Absichten des Dramatikers – zu einer mitgesummten Feier des verruchten Kapitalismus. Ein Missverständnis.

Philosophie unter der Gorillamaske

Sebastian Baumgarten, Jahrgang 1969 und einer der klügsten Regisseure seiner Generation, versucht sich im Schauspielhaus an einer Korrektur. Mit Brecht setze er sich deshalb auseinander, weil er , wie er im Spielzeitbuch sinngemäß sagt, nicht jegliche Gesellschaftsbetrachtung im Ästhetischen und Psychologischen verkommen lassen wolle. Dass ihm daran liegt, diese gängige Entpolitisierung des Politischen zu vermeiden, beweist er nun schon zum Auftakt seiner Inszenierung, wenn er die als Vorspiel gestrichene Moritat eben durch einen Prolog ersetzt. Und die neue Vorrede stammt nun nicht mehr vom kulinarischen Brecht, sondern vom intellektuell fordernden Giorgio Agamben. Er ist der italienische Lieblingsphilosoph deutscher Dramaturgen und schreibt Brecht dialektisch fort: Es gebe keine sozialen Klassen mehr, ist jetzt also von drei Sprechern mit Gorillamasken an der Rampe zu hören, sondern nur noch „humanoide Kleinbürger“, die sich jeder sozialen Identität verweigern und nichts als trügerische Leere zur Schau stellen würden.

Humanoide Kleinbürger: dieser Begriff will jetzt zum Schlüsselbegriff der Inszenierung werden. Der Abend will Menschen zeigen, die so tun, als seien sie noch menschlich, in Wahrheit aber längst schon Zombies auf dem Planet der Affen sind, fleischliche Hüllen, unter denen man alles und nichts findet. Dieses postmoderne Einerlei und Gradegal will Baumgarten hervorkehren, um Brechts kritische Masse wieder und endlich zum Explodieren zu bringen. Allein: es ist vergebens! Denn auch in seiner „Dreigroschenoper“ triumphiert letztlich das Amüsement über die Aufklärung, die Kulinarik über die Provokation – das aber, zugegeben, dann doch mit einer szenischen Fantasie, die das Publikum mehr als zwei Stunden lang bei Laune hält.

Comic und Groteske, Farce und Klamotte

Baumgarten setzt auf einen strikten Anti-Naturalismus, um die grelle Handlung des im viktorianischen London angesiedelten Singspiels zu erzählen: Jonathan Peachum schlägt aus dem Elend Kapital, indem er das Bettelwesen kaufmännisch organisiert. In die Quere kommt ihm Macheath, der Chef der Straßenbande, der in aller Heimlichkeit Polly Peachum heiratet, die Tochter von Jonathan – eine Mesalliance, die nur durch die Verhaftung des Gangsters rückgängig gemacht werden kann, die sich ihrerseits aber als schwierig erweist, weil der Polizeichef Tiger Brown mit diesem Gangster verbandelt ist. Und so weiter in dieser wilden Räuberpistole, die bürgerliche Tugenden als Heuchelei entlarvt und sich bei Brecht zwischen Pferdestall, Bordell und Gefängnis abspielt – und bei Baumgarten eben zwischen Comicstrip und Groteske, Komödie und Klamotte, Farce und expressionistischem Stummfilm, der streckenweise live vom Klavier im Graben beklimpert wird. Hauptsache, es ist antipsychologisch: alles Artifizielle ist der Regie hier unterschiedslos willkommen.

In vielen anderen Inszenierungen geht ein solch kunterbunter Stilmix in die Hosen. Hier nicht. Hier unterhält er. Und das liegt nicht nur an der Stilsicherheit des Regisseurs, sondern auch an der Qualität des ganzen Dreigroschen-Teams. Bühne, Kostüme, Maske: alles stimmt und fügt sich nicht nur geschmeidig in das Stilpotpourri ein, sondern verändert auch – im Fall der herrlich schrägen Klimbimkostüme und der perfekt sitzenden Schlampenmasken – die Spieler fast bis zur Unkenntlichkeit. Trotzdem sehen und genießen wir sie: Hanna Plaß als Polly, Caroline Junghanns als Jenny und Nathalie Thiede als Lucy bewähren sich als stimmstarke Jungdarstellerinnen, die aus dem spielfreudigen Dutzend herausragen, ebenso wie Rainer Philippi, der seinen Bettlerkönig Peachum so famos als Ratte gibt, als sei er einem Underground-Comic entsprungen.

Und Brecht singt zwei Strophen

Und die „Moritat von Mackie Messer“? Ist sie denn gar nicht zu hören? Doch, sie ist zu vernehmen, allerdings braucht man Geduld. Nachdem Macheath, der leider blass bleibende Johann Jürgens, festgestellt hat, dass der Einbruch in eine Bank nichts ist gegen die Gründung einer Bank – nachdem er also diesen Zentralsatz der „Dreigroschenoper“ gesagt hat, stellen die Gorillamänner von Agamben einen Plattenspieler auf die Bühne und lassen den Song laufen. Es singt Brecht selbst, knisternd und schwäbelnd – bis einer der Gorillamänner die Knarre zückt und auf den vom Himmel hängenden Leinensack schießt, der donnernd aufs Gerät fällt. Brecht kommt bis zur zweiten Strophe. Dann endet die Moritat – und mit ihr auch der ehrgeizige Versuch, im Schauspielhaus aus einem süffigen Stück wieder ein genuin politisches zu machen. Das Süffige, immerhin, ist gerettet worden. Auf dem Nachhauseweg pfeift man vergnügt die „Dreigroschenoper“.