Bregenzer Festspiele 2024 Winterwunderland am sommerlichen Bodensee

Das Bühnenbild für den „Freischütz“ in Bregenz Foto: Bregenzer Festspiele/Eva Cerv

Bei den Bregenzer Festspielen ist das Bühnenbild der Hauptakteur, und an diese Tradition knüpft auch Regisseur Philipp Stölzl bei seinem „Freischütz“ an, der in diesem Sommer auf Seebühne zu sehen sein wird – mit viel Schnee und Eis! Was es sonst noch in Bregenz zu erleben gibt.

Erst gesungen, dann gesprungen. Platsch! Schon ist der Held im Wasser. War das wirklich der Tenor? Bei den Freiluft-Opern der Bregenzer Festspiele spielt der Bodensee immer mit, immer landet irgendwer im Nassen oder steigt daraus empor, und eine der wichtigsten Fragen bei diesem Festival ist die, ob der Sänger oder die Sängerin wirklich selbst . . . Sind sie meistens nicht, aber weil hier eine Stuntfirma den Regisseuren zur Seite steht, bemerkt man die Täuschung meistens nicht. Reißt die Augen auf, staunt – und verfällt überhaupt widerstandslos dem Charme des Visuellen.

 

Bei den Bregenzer Festspielen ist das Bühnenbild der Hauptakteur, und es ist ein großes Wunder, dass diese Setzung sogar bei feinen Kammerspielen aufgeht wie zuletzt bei „Madame Butterfly“. Die Seebühnen-Premiere davor war allerdings spektakulärer: Da hat ein monumentaler Kopf des Hofnarren Rigoletto zu Verdis gleichnamiger Oper die Augen gerollt, geöffnet und geschlossen. Für ihn war Philipp Stölzl verantwortlich, der in Stuttgart schon Johann Strauß’ „Fledermaus“ inszeniert hat.

Der See wird zur Spielfläche

Stölzls zweites Bregenzer Engagement hat aber Tücken, denn auf die Seebühne kommt 2024 und 2025 Carl Maria von Webers „Freischütz“. Eine Oper mit gesprochenen Dialogen – kann das Open Air vor knapp 7000 Zuschauern funktionieren? Außerdem war die alte Seebühne sanierungsbedürftig, musste abgerissen und erneuert werden. Stölzls Lösungen: Erstens hat er neue Sprechtexte für Webers Oper verfasst, die mit neu komponierter Musik unterlegt werden; außerdem hat er die (durchwegs muttersprachlich deutschen Sängerinnen und Sänger) selbst ausgesucht. Und zweitens hat er den See zwischen der Baustelle und der Zuschauertribüne zur Spielfläche gemacht. Auf dieser wird ab dem 17. Juli die Wolfsschlucht zum Wolfssee: Im Zentrum ist ein 1400 Quadratmeter großes und 500 000 Liter Bodenseewasser fassendes Becken, das mithilfe einer Wasserpumpe minutenschnell trüb und dann wieder klar aussehen kann. Elisabeth Sobotka, seit 2015 Intendantin der Bregenzer Festspiele, schwärmt davon, wie der Regisseur aus der Not der Sanierung eine Tugend machte: In diesem Jahr sei die Kunst dem Publikum so nah wie noch nie.

Ein halbversunkenes Dorf in einer Kriegslandschaft

Zurzeit erhält die Bühne vor der Seebühne ihren Feinschliff. Zu sehen sind Häuser und der Kirchturm eines halb versunkenen Dorfs inmitten einer kriegs- und flutzerstörten Landschaft. Erstmals wird es Schnee und Eis auf der Seebühne geben – mitten im Sommer! Das Wasserbecken in der Mitte soll in der Dunkelheit wie ein sumpfiger Infinity-Pool neben dem Bodensee wirken. Hier verschwinden Personen, tauchen an anderer Stelle wieder auf, es gibt Unterwasserauftritte. Die Schauerromantik im „Freischütz“ geht bei Philipp Stölzl baden, aber nur im wörtlichen Sinne. Außerdem gibt es Feuersbrünste: Der Sumpf brennt, schließlich ist in Webers Oper der Teufel im Spiel.

Zur Erfolgsgeschichte der 1946 gegründeten Bregenzer Festspiele gehört, dass die Seebühnen-Opern (mit 28 Vorstellungen) schon jetzt zu 75 Prozent ausverkauft sind. Auch die Oper im Festspielhaus (in diesem Jahr Rossinis „Tancredi“), zwei Opern-Uraufführungen auf der Werkstattbühne, Vorstellungen des Opernstudios, drei Schauspielproduktionen und die zahlreichen Konzerte verkaufen sich gut – insgesamt werden gut 227 000 Besucherinnen und Besucher erwartet. Fast 70 Prozent der Gäste kommen aus Deutschland, vor allem aus Baden-Württemberg. Entsprechend wirbt man am Bodensee um Publikum – schließlich laufen die Seebühnen-Produktionen zwei Spielzeiten, insgesamt 400 000 Tickets für das Großereignis müssen Abnehmer finden.

Ähnliches kennt man vom Musical, und tatsächlich ist die Intendantin schon oft gefragt worden, ob sie bei den Gute-Laune-Sommer-Festspielen am See nicht auch mal Schwesterwerke der „West Side Story“, die es hier schon mal gab, aufführen will. Mehr Musical am See möchte Elisabeth Sobotka aber nicht anbieten – schließlich sei es „das große Bregenzer Wunder, dass es hier möglich ist, Opern publikumswirksam aufzubereiten, ohne an Tiefe zu verlieren – und damit neue Fans für dieses Genre zu gewinnen“.

Elisabeth Sobotka wechselt nach Berlin

Ob das ihre Nachfolgerin auch so sieht? Nach dieser Saison übernimmt Lilli Paasikivi, eine ausgebildete Sängerin, seit neun Jahren Intendantin der finnischen Nationaloper in Helsinki und darüber hinaus sehr festivalerfahren. 2026 wird sie mit Verdis „La Traviata“ ihre erste Seebühnen-Premiere verantworten. Elisabeth Sobotka selbst wechselt als Intendantin an die Berliner Staatsoper – weil sie „wieder Opern-Alltag erleben“ wollte: „Es fehlt mir, der Kunst jeden Tag zu begegnen.“ Das Skifahren wird ihr fehlen. Und der See. Platsch!

Die Bregenzer Festspiele 2024

Seebühne
Vom 17. Juli bis 18. August ist „Der Freischütz“ fast täglich open air zu erleben. Regie/Bühne: Philipp Stölzl, Musikalische Leitung: Enrique Mazzola/Erina Yashima.

Festspielhaus
Jan Philipp Gloger inszeniert, Yi-Chen Lin dirigiert Rossinis Oper „Tancredi“ am 18., 21. und 29. Juli.

Opern
Kleinere Produktionen gibt es auf der Werkstattbühne (Stücke von Ondrej Adámek und Éna Brennan) und im Theater am Kornmarkt. Dort ist nach seiner Stuttgarter Premiere u. a. „Hotel Savoy“ mit der Gruppe Franui zu sehen.

Schauspiel
Es gibt Gastspiele des Wiener Burgtheaters („Der Menschenfeind“) und des Deutschen Theaters Berlin („Der zerbrochne Krug“).

Konzert
Zu erleben sind u. a. die Wiener Symphoniker und das Symphonieorchester Vorarlberg.

Infos
Informationen/Karten unter 0043 / 55 74 40 76 und unter www.bregenzerfestspiele.com

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Bodensee Oper Festival