Bregenzer Festspiele Die Kunst fällt aus dem Rahmen

Bregenzer Festspiele - Das PortraitTalia Or as Lisa (L) and David Stout as Nikita during the rehearsal of The Portrait in Bregenz, Austria, 28 July 2010. Mieczyslaw Weinbergs satirical opera premieres on 31 July 2010 as part of the Bregenz Festival. Foto: dpa
Bregenzer Festspiele - Das Portrait Talia Or as Lisa (L) and David Stout as Nikita during the rehearsal of 'The Portrait' in Bregenz, Austria, 28 July 2010. Mieczyslaw Weinberg's satirical opera premieres on 31 July 2010 as part of the Bregenz Festival. Foto: dpa

Die Festspiele entdecken den polnischen Komponisten Mieczyslaw Weinberg. Die Oper "Das Porträt" handelt von Kunst, Wahrheit und Kommerz.

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Bregenz - Was ist Kunst? Darf man Geld mit ihr verdienen? Schließen sich künstlerische Wahrheit und Kommerz aus? Diesen Fragen stellt sich die dreiaktige Oper "Das Porträt" von Mieczyslaw Weinberg (1919–1996). Das Libretto nach der gleichnamigen Novelle des russischen Dichters Nikolaj Gogol hat Alexander Medwedew ursprünglich für Dmitri Schostakowitsch begonnen, den fertigen Text jedoch nach dessen Tod 1975 an Weinberg weitergereicht. Bei den Bregenzer Festspielen, die in dieser Saison dem polnisch-jüdischen Komponisten eine große Retrospektive widmen, ist nach der verspäteten szenischen Uraufführung der Auschwitz-Oper "Die Passagierin" (siehe StZ vom 23. Juli) nun noch das bereits 1983 aus der Taufe gehobene "Porträt" auf die Bühne gekommen, im kleinen, aber feinen Theater am Kornmarkt.

Medwedew, von dem auch das Libretto zu Weinbergs "Passagierin" stammt, ist vor wenigen Tagen in Moskau verstorben. So musste das mehrtägige Weinberg-Symposium in Bregenz ohne seinen Besuch auskommen. In seiner Bearbeitung von Gogols "Porträt" ringt der talentierte, aber erfolglose Künstler Tschartkow mit Existenz- und Gewissensnöten, bis ihm eines Tages ein dubioser Kunsthändler für eine Kopeke ein verwünschtes Porträt verkauft. Es zeigt einen Alten, dessen stechender Blick Tschartkow bis in seine Träume hinein verfolgt. Beim Betrachten entfaltet das Bild plötzlich Leben. Der dämonische Kerl steigt aus dem Rahmen und hinterlässt einen Schatz an Münzen, der dort verborgen war.

Tschartkow, der bisher wie ein Leidensgenosse von Spitzwegs armem Poeten in seinem heruntergekommenen Atelier gehaust hat, kann sich nun einen Besuch im Edelrestaurant leisten und begegnet dort einem mephistophelischen Journalisten, der ihm den Weg in den korrupten Kunstmarkt der Petersburger Society öffnet. Seinen Aufstieg zum Malerfürsten bezahlt er indes mit der Preisgabe künstlerischer Integrität. Plötzlich brummt sein Geschäft. Die eitlen Promis der Stadt möchten sich teuer von ihm porträtieren lassen, dabei aber selbstredend im besten Licht erscheinen. Auf der Vernissage eines italienischen Kollegen wird Tschartkow mit seinem einstigen Kunstideal konfrontiert – und erkennt, dass er sein Talent verraten hat. Er bricht zusammen, verflucht das verhängnisvolle Porträt und stirbt.

Vor den Nazis geflüchtet


Weinberg, der 1939 durch Flucht aus seiner polnischen Heimat gen Osten gerade noch den Nazis entkommen konnte, hat bei seiner Vertonung dieser zeitlosen Parabel sicher auch die eigene Situation als Künstler im sowjetischen Exil vor Augen gehabt. Hier waren es zwar eher staatliche Vorgaben und Aufträge als kommerzielle Verlockungen, die seine kompositorische Freiheit bedrohten, doch angesichts seiner Existenz als freischaffender Musiker waren Kompromisse für ihn eine Frage des Überlebens. So verwundert es kaum, dass seine Opernsatire auf die Petersburger Elite bei aller grellen Komik nur bedingt lustig geraten ist. Nicht nur beim bitteren Ende dieses Künstlerdramas bleibt einem das Lachen schnell im Halse stecken.

Wie der Nachtwächter in Busonis "Doktor Faust" steuert hier ein Laternenanzünder mit seinen mahnenden Strophen einen rahmenden Kommentar bei. Die Musik ist enorm theatertauglich, farbig und originell. Ohne falsche avantgardistische Skrupel werden alle möglichen tonalen Register gezogen. Gleichwohl klingt keine einzige Stelle nach bloßem Abklatsch bekannter Muster. Märsche geraten in Schräglage, Rhythmen außer Rand und Band. Choralklänge werden spektakulär umgefärbt, Blasmusik ballt sich dissonant zusammen, Walzer steigern sich zum schrillen Hexentanz mit brillantem Rossini-Geplapper. Chamäleonartig wandelt der Orchestersatz seine Oberfläche und Gestik bei der Charakterisierung des durchgeknallten Personals.

Lebhafte und turbulente Inszenierung


Die turbulente, slapstickreiche Inszenierung von John Fulljames im Bregenzer Kornmarkt-Theater greift tief in die Kiste russischer Originalkostüme aus Gogols Zeit, kommt aber sonst mit wenigen Requisiten aus (Ausstattung: Dick Bird). Vor einer drehbaren Rückwand wechseln die Schauplätze. Ein raffiniertes Spiel mit leeren Bilderrahmen und Videoprojektionen (Finn Ross) ermöglicht das Eigenleben der Bilder. Peter Hoare (Tschartkow), David Stout (sein Diener), Claudio Otelli (Journalist) und Ernst-Dieter Suttheimer (Laternenanzünder) singen exzellent, vom deutschen Text ist aber leider teils wenig zu verstehen. Dem jungen Dirigenten Rossen Gergev gelingt mit dem Symphonieorchester Vorarlberg eine fulminante Aufführung.

David Pountney bezeichnet die von langer Hand vorbereitete Weinberg-Retrospektive dieser 65. Bregenzer Festspiele als "das wichtigste Programm während meiner Intendanz". Er habe zwar auch bisher immer auf Entdeckungen wenig bekannter Musik gesetzt, doch diesmal gehe es um einen hier weithin unbekannten, aber trotzdem sehr bedeutenden Komponisten. Weinberg sei keineswegs nur ein Epigone des dreizehn Jahre älteren, mit ihm befreundeten Schostakowitsch gewesen, sondern habe in dessen Nachfolge eine eigenständige Musiksprache entwickelt.

Beim erwähnten Symposium gab es unter anderem Gespräche mit der Auschwitz-Überlebenden Sofia Posmysz, auf deren Roman das Libretto der "Passagierin" basiert, mit dem Weinberg-Biografen David Fanning und mit dem russischen Dirigenten Vladimir Fedoseyev, der Weinberg in den siebziger Jahren kennengelernt und später zahlreiche Werke von ihm uraufgeführt hat. Im Bregenzer Festspielhaus dirigierte Fedoseyev schließlich zwei Weinberg-Programme mit den Wiener Symphonikern. Mit ergreifenden Interpretationen unterstrich er seine Überzeugung, dass Weinberg einer der besten Komponisten des zwanzigsten Jahrhunderts gewesen sei.

Die Aufführungen von Weinbergs "Requiem" (1965/67) für Sopran, Knabenchor, Chor und Orchester op. 96 und der 1963 entstandenen, von Schostakowitsch bewunderten sechsten Sinfonie op. 79 gaben ihm recht. Auch wenn ihm Schönberg und die westliche Avantgarde fremd geblieben sind, hat Weinberg mitten im zwanzigsten Jahrhundert Musik von überwältigender Schönheit, Aussagekraft und existenzieller Unbedingtheit geschaffen.




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