Bregenzer Festspiele Wo man Dichter tötet, ertrinkt die Freiheit

Der Kopf. die Schulter, die Brust, das Buch, der Spiegel – in David Fieldings Bühnenskulptur gibt es nichts, was nicht bespielbar wäre. Von See und Himmel ganz zu schweigen.  Foto: dpa
Der Kopf. die Schulter, die Brust, das Buch, der Spiegel – in David Fieldings Bühnenskulptur gibt es nichts, was nicht bespielbar wäre. Von See und Himmel ganz zu schweigen. Foto: dpa

Spektakuläre Bühnenbilder bot die Seebühne schon oft. Doch die neue Produktion „André Chénier“ lässt selbst langjährige Fans staunen.

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Bregenz - Nicht zu übersehen ist der mächtige, vierundzwanzig Meter aus dem Wasser aufragende Männertorso am Bregenzer Ufer. Je näher man ihm an der Promenade kommt, desto mehr befällt einen der Gedanke, diesen Anblick von irgendwoher zu kennen. Leicht nach hinten hängt der turbanartig bedeckte Riesenkopf. Er allein schon ist vierzehn Meter hoch und rund sechzig Tonnen schwer. Schultern und Brust des Mannes sind nackt. Eine davor aus den Fluten gereckte Hand hält einen Brief. Das berühmte Gemälde "Der Tod des Marat" von Jacques-Louis David hat hier Pate gestanden und macht den Bodensee an dieser Stelle quasi zur Badewanne.

Der Bühnenbildner David Fielding hat das Bild des französischen Revolutionsmalers in eine beeindruckende dreidimensionale Skulptur verwandelt. Aus dem See kann ein turmhohes Messer heraufgeklappt werden, das dann aufrecht in der Brust des Toten steckt. Links vor der Figur sieht man in halber Höhe ein aufgeklapptes Buch, das ebenso als Spielfläche dient wie der tiefer liegende Brief in der erwähnten Hand, die später im Wasser bis an den rechten Rand der Szenerie fährt. Darüber wölbt sich der Goldrahmen eines Rundspiegels von kolossalen Ausmaßen.

Schon diese Kulissen würden genügen, um eine Vorstellung auf der größten Seebühne der Welt zum unvergesslichen Erlebnis zu machen. Und dann ist da ja noch die Natur, die immer mitwirkt, wenn unter freiem Himmel gespielt wird. Wer das Glück hat, bei den Bregenzer Festspielen einen lauen Sommerabend zu erwischen, wird die gigantischen Bühnenkulissen und das umgebende Panorama in bester Erinnerung behalten. Die Kehrseite dieser Konstellation ist freilich, dass man bei zweifelhafter Witterung bangen muss, ob die Vorstellung bis zum Ende gespielt wird.

Selten gab es vor der Eröffnung einen solchen Temperatursturz

Selten hat es jedoch zur Eröffnung des Festivals einen solchen Temperatursturz gegeben wie jetzt vor der Premiere von Umberto Giordanos Revolutionsoper "André Chénier". Die Frage war nicht, ob das Wetter hält, sondern vielmehr, ob Dauerregen und kalter Wind wirklich abends aufhören oder zumindest nachlassen, wie die Vorarlberger Vorhersage behauptete - während Wetterstationen in Süddeutschland und der Ostschweiz noch am späten Nachmittag für Bregenz das Gegenteil in Aussicht stellten. Doch pünktlich zum Premierenstart verzogen sich die Regenwolken. Bis zum Ende der zweistündigen Aufführung blieb es trocken.

Anderes gilt offenbar für die mutige Entscheidung des Intendanten David Pountney, diesmal eine weniger bekannte Oper auf der Seebühne zu präsentieren. Da mag es hinter den Kulissen Zweifel gegeben haben, ob der selten gespielte Vierakter des Puccini-Zeitgenosen Giordano über den historischen verbürgten Dichter André Chénier dieselbe Zugkraft entwickeln wird wie Opernhits von Verdi oder Puccini. Nicht von ungefähr dürfte als nächste Seeproduktion Mozarts unverwüstliche "Zauberflöte" die Zeit nach Pountney einleiten.




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