Breitband-Ausbau in Fellbach „Wir wollen ein Gigabit für jeden Haushalt“

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Der große Nachholbedarf bei der Internet-Versorgung ist vor allem für Gewerbebetriebe ein Ärgernis. Aus Sicht von Rathauschefin Gabriele Zull aber hat sich Fellbach zu lange zu wenig um das Thema gekümmert. Jetzt soll ein Masterplan für den Breitband-Ausbau helfen.

Auch in Fellbach nötig: Kabeltrommel mit Leitungen für Breitband-Anschlüsse Foto: dpa
Auch in Fellbach nötig: Kabeltrommel mit Leitungen für Breitband-Anschlüsse Foto: dpa

Fellbach - Lange Jahre sah sich Fellbach mit Hochgeschwindigkeit auf der Datenautobahn unterwegs. Inzwischen aber mehrt sich vor allem bei Gewerbe-betrieben die Kritik, dass ihre Internet-anbindung längst nicht mehr zeitgemäß ist. Ein Gespräch mit der Fellbacher Ober-bürgermeisterin Gabriele Zull über den Breitbandausbau und die digitale Strategie.

Mit der einst hochgelobten Internet-versorgung, Frau OB Zull, ist es in Fellbach doch nicht so weit her. Hat die Stadt den Ausbau der Datenautobahn verschlafen?
Es ist sicher nicht so, dass die Versorgung in Fellbach optimal wäre. 50 Mbit reichen mittlerweile nicht mehr, das äußern Unternehmen ganz klar. Außerdem ist diese Datenrate im Stadtgebiet auch nur theoretisch immer verfügbar. Wir brauchen eine Strategie, wie wir da vorgehen wollen.
Firmenchefs wie Paul Böhringer vom Messtechnikspezialisten Hafner oder auch Dieter Schmid von Nico sprechen von gewaltigem Nachholbedarf beim Glasfasernetz, der Maschinenbauer Stambera hat bereits mit einem Wegzug gedroht. Wird das Internettempo für Fellbach zum Standortproblem?
Auch mit Blick auf die Wirtschafts-förderung braucht es eine bessere digitale Infrastruktur, keine Frage. Man kann eben nicht sagen, dass wir gut versorgt sind. Das habe ich auch beim Landkreis vorgebracht, der ja verkündet hat, dass er für den Aufbau eines Backbone-Netzes bis an den Stadtrand sorgen will. Auch im Rems-Murr-Kreis hat ja bisher die Meinung vorgeherrscht, dass Fellbach wunderbar versorgt sei. Dem habe ich deutlich widersprochen!
Der FDP-Landesvorsitzende Michael Theurer hat es jüngst ein „Armutszeugnis“ genannt, dass es in Fellbach immer noch weiße Flecken bei der Internetversorgung gibt.
Ich teile diese Einschätzung, das stimmt absolut. Wir wollen erreichen, dass die Bandbreite mindestens ein Gigabit beträgt – für jeden Haushalt und jeden Betrieb.
Wie will die Stadt die weißen Flecken tilgen?
Das Problem ist, dass Sie im Neubaubereich fast alles verwirklichen können. In Fellbach aber reden wir vor allem von Bestandsgebieten. Sie müssen nicht nur die Infrastruktur nachträglich aufbauen, sondern benötigen auch einen Anbieter dafür. Natürlich achten wir bei jeder Straßensanierung darauf, dass Leerrohre im Untergrund verlegt werden. Kommen schnellere Leitungen, kann hier nachgerüstet werden, ohne wieder aufbuddeln zu müssen.
Was wird es kosten, bislang unterversorgte Bereiche auf Gigabit-Größe zu trimmen?
Bisher gibt es noch keine Einschätzung zu den finanziellen Dimensionen, weil man sich dem Thema in Fellbach bisher noch gar nicht wirklich gewidmet hat. Wir haben einen Förderantrag gestellt, um die Rahmenbedingungen für den Breitband-Ausbau im Stadtgebiet zu prüfen, da geht es um 50 000 Euro. Bis zum Frühsommer hoffen wir auf eine Zusage für den Zuschuss.
Mit 50 000 Euro werden Sie beim Breitband-Ausbau aber nicht viel erreichen.
Es geht ja auch erst mal um Erarbeitung der Grundlagen. Mit dem Geld soll ein Masterplan erstellt werden, aus dem hervorgeht, was Fellbach braucht und wie das verwirklicht werden kann. Wir reden ständig davon, aber wir wissen nicht, wo welche Infrastruktur zur Verfügung steht.
Sie sprechen nicht nur von Infrastruktur, sondern auch von einer „für Fellbach maß-geschneiderten digitalen Strategie“.
Wir haben auch da einen Förderantrag gestellt, beim Landesprogramm Digitale Zukunftskommune BW. Digital kann heute alles sein, doch welches Ziel verfolgt Fellbach? Wie können wir Arbeit, Bildung und Zusammenleben besser vernetzen? Mit dem Geld wollen wir in diesem Themenfeld eine gute Strategie entwickeln.
Was heißt denn das konkret?
Das ganze Thema ist zugegebenermaßen noch relativ abstrakt. Stadtgesellschaften sind im Moment noch sehr analog unterwegs. Doch stellen Sie sich Wohngebiete vor, in denen Sie morgens auf einen Blick den besten Weg zu ihrer Arbeitsstelle angezeigt bekommen. Sie können sich zu Fahrgemeinschaften verabreden, ihr Abendprogramm planen oder sich zu einer Vereinsveranstaltung anmelden. Außerdem gibt es virtuelle Arbeitsgruppen für Hausaufgaben oder vom Arbeitgeber. Sie können Weiterbildungspunkte sammeln und über Plattformen diskutieren. Fellbach hat eine gute Bildungslandschaft und attraktive Arbeitgeber – hier gilt es besser zu vernetzen.
Das Leben spielt sich künftig im Netz ab?
Das alles wird nicht das Gespräch unter Nachbarn, die Feste und Veranstaltungen oder die vielen Kontakte untereinander ersetzen. Wir alle schätzen die persönliche Begegnung hier in Fellbach. Das macht diese Stadt aus. Und eine Stadt lässt sich nicht per Tablet-Computer vernetzen. Es ist klar, dass neue Entwicklungen immer auch Sorgen auslösen, teilweise sogar Angst. Besser ist es daher, nicht zu warten und uns überraschen zu lassen, was irgendwann kommt, sondern das Thema aktiv anzugehen und zu gestalten.



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