Sodbrennen Nicht nur Lebensmittel sind Ursache – was Betroffene wissen müssen
Wenn Magensäure in die Speiseröhre fließt, ist das nicht nur unangenehm – es kann auch ein Symptom einer ernsten Erkrankung sein. Was Betroffene wissen sollten.
Wenn Magensäure in die Speiseröhre fließt, ist das nicht nur unangenehm – es kann auch ein Symptom einer ernsten Erkrankung sein. Was Betroffene wissen sollten.
Das Essen war für Eva-Maria Berg (Name geändert) schon lange kein Vergnügen mehr: Immer dieses Völlegefühl, das sich schon nach wenigen Bissen bemerkbar gemacht hat. Und dazu dieses Sodbrennen: Ein scharfer Schmerz, der aus dem Oberbauch in Richtung Hals aufsteigt. „Diese Probleme haben meinen Alltag stark belastet“, berichtet die 77-Jährige aus dem Nordschwarzwald. Essenseinladungen ging sie jahrelang aus dem Weg – aus Sorge vor dem Unwohlsein, das sie stets danach überkam.
Die Seniorin ist mit ihrem Leiden nicht allein: Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten zufolge klagt mehr als jeder Fünfte über Sodbrennen, ständiges Räuspern, Schluckbeschwerden oder einem unangenehmen Drücken im Oberbauch. „Es ist eine Volkskrankheit“, bestätigt Barbara Kraft, die Ärztliche Direktorin der Allgemein- und Viszeralchirurgie am Diakonie-Klinikum in Stuttgart.
Auslöser dafür gibt es genug: „Lebensmittel wie Schokolade, Kaffee, Alkohol, fettreiche und scharfe Speisen sowie Pfefferminze können den unteren Schließmuskel der Speiseröhre entspannen“, erklärt Barbara Kraft. Das ermöglicht es der Magensäure, leichter in die Speiseröhre zurückzufließen und die typischen Symptome zu verursachen.
Auch Übergewicht und eine Schwangerschaft können Sodbrennen begünstigen: Der Druck auf den Magen belastet auch den Schließmuskel zur Speiseröhre. „Der öffnet sich häufiger und die Magensäure kann so nach oben zurückfließen“, sagt Kraft. Mit Hilfe von Medikamenten, die die Säureproduktion im Magen hemmen, sei die Erkrankung meist aber wirksam zu behandeln. Auch einfache Mittel helfen: Im Bett den Oberkörper etwas höher zu lagern, verhindert nachts, dass Magensäure im Liegen aufsteigt.
Weitaus problematischer ist ein sogenannter Zwerchfellbruch, medizinisch Hiatushernie genannt. Denn dieser bleibt lange unbemerkt – so auch bei Eva-Maria Berg. Bei der Seniorin war ein Teil des Magens durch eine Lücke im Zwerchfell in den Brustraum gerutscht. „Der Übergang zwischen Speiseröhre und Magen liegt nun oberhalb des Zwerchfells, weshalb Magensäure oder saurer Mageninhalt leicht in die Speiseröhre rutschen können“, erklärt Barbara Kraft, die sich seit Jahren unter anderem auf die Behandlung von Hiatushernien spezialisiert hat. So ist das Diak eines der 13 bundesweiten Referenzzentren für Hernienchirurgie.
Für einen solchen Bruch braucht es nicht viel: „Die Ursache einer Hiatushernie ist häufig eine Schwäche des Bindegewebes rund um die Speiseröhre“, sagt die Fachärztin Kraft. Ist das Gewebe des Zwerchfells erschlafft, hält es dem Druck der Bauchorgane nicht mehr stand. Zusätzlich können ein gesteigerter Druck im Bauchraum durch Übergewicht, Schwangerschaft, chronischen Husten oder starkes Pressen bei chronischer Verstopfung die Wahrscheinlichkeit für eine Hiatushernie erhöhen.
Eva-Maria Berg erinnert sich noch gut an die ersten Symptome: „Es waren stechende Schmerzen hinter dem Brustbein“, sagt die Seniorin. „Ich hatte das Gefühl, ich bekomme gar keine Luft mehr.“ Ihre Hausärztin dachte aufgrund der Anzeichen erst an eine Angina pectoris – das Leitsymptom der koronaren Herzerkrankung – und überwies Eva-Maria Berg sofort in die Klinik.
Ein häufiger Irrtum, bestätigt Kraft: „Weil die Speiseröhre dicht am Herzen liegt, denken Betroffene nicht selten, dass der Schmerz dort entsteht.“ Im Englischen wird Sodbrennen deshalb auch als „Heartburn“ bezeichnet – zu Deutsch: Herzbrennen. „Findet sich bei den Untersuchungen aber kein Hinweis darauf, dann sollte man an den Magen denken“, sagt Kraft.
Das wurde bei Eva-Maria Berg aber versäumt: Nachdem sich der Verdacht auf eine Herzerkrankung nicht bestätigt hatte, wurde sie aufgrund ihres anhaltenden Hustens und Räusperns wegen einer Lungenerkrankung behandelt. „Als auf Röntgenbildern sich schließlich mein Zwerchfellbruch zeigte, sagte der zuständige Arzt, da könne man sowieso nichts machen, schildert die Seniorin ihre Behandlungsodyssee. Sie bekam den Rat, ihre Ernährung umzustellen, statt drei großer Mahlzeiten lieber fünf kleinere über den Tag verteilt zu essen. „Ich hab mich dann mit meinem Leiden irgendwie arrangiert“, sagt die 77-Jährige. Das ging etwa sechs Jahre lang so.
Erst als sich Eva-Maria Berg aufgrund eines operativen Eingriffs an der Nebenschilddrüse ins Diakonie-Klinikum Stuttgart begeben musste, kam die Wende: „Dort erhielt ich obendrein Informationen, wie mein Zwerchfellbruch therapiert werden kann.“
Bis zu 100 Mal im Jahr verschließt das ärztliche Team um Barbara Kraft Zwerchfellbrüche und verbessert die Funktion des Schließmuskels zur Speiseröhre. Das alles geschieht minimalinvasiv: „Wir führen diesen Eingriff meist mittels roboterassistierter Schlüsselloch-OP durch“, sagt Kraft. Dabei steuert sie die Roboterarme, die mit Instrumenten und einer 3-D-Kamera ausgestattet sind, über eine spezielle Konsole. Die Schnitte in den Bauchraum werden so möglichst klein gehalten, gleichzeitig wird eine präzisere Operation ermöglicht.
Der Eingriff erfolgt in drei Schritten: Sobald die Speiseröhre von möglichen Verwachsungen freigelegt worden ist, wird der Bruch im Zwerchfell mit einer Naht eingeengt. „Manchmal wird auch ein Kunststoffnetz eingesetzt.“ Um den Schließmuskel der Speiseröhre zu stärken, wird dann der obere Magenanteil teilweise oder sogar ganz wie eine Manschette um die Speiseröhre gelegt und mit Nähten am Zwerchfell fixiert.
Es ist eine aufwendige Operation, die viel Routine und Erfahrung braucht, sagt Kraft. „Wir operieren nur, wenn es wirklich notwendig ist“, fügt die Spezialistin hinzu. Weshalb im Vorfeld viele Untersuchungen gemacht werden: So gehören eine Endoskopie des Magens und der Speiseröhre dazu. Genauere Aufschlüsse geben auch eine Computertomografie oder eine Funktionsuntersuchung der Speiseröhre – etwa durch Säure- und Druckmessungen.
Bei Eva-Maria Berg zeigte sich ein Zwerchfellbruch von der Größe einer menschlichen Faust. Eine Operation war somit unumgänglich. „Ich bin früh morgens mit dem Zug nach Stuttgart direkt ins Diakonie Klinikum gefahren, am selben Tag wurde operiert, ein paar Tage später war ich wieder entlassen.“ Alles lief problemlos. Jetzt, ein halbes Jahr später, kann sie wieder ganz normal essen – ganz ohne Völlegefühl und Schmerzen. „Es ist ein völlig neues Lebensgefühl.“