Sie haben auf der Chinesischen Mauer und vor dem Erzbischof von Beirut gespielt. Sie wurden im Live-Fernsehen nach Syrien und in den Irak übertragen und erhielten 2005 die Unesco-Auszeichnung „Künstler für den Frieden“. Als VfB-Fans aber war für die Brenz Band die wohl wichtigste Auszeichnung: Die Aufnahme der Stadionhymne des VfB Stuttgart gemeinsam mit der Band Die Fraktion. „Die Hymne läuft bis heute vor jedem Heimspiel im Stadion“, sagt Horst Tögel.
Als Tögel 1974 als Lehrer und späterer Schulleiter an der Schule für Bildungsschwache in der Brenzstraße in Ludwigsburg begann, dachte er nicht im Traum an einen solchen Erfolg der Band. Die Einrichtung habe man nicht als Schule als solche bezeichnen können. Dort seien Hausfrauen und Erzieherinnen statt Lehrerinnen und Lehrer tätig gewesen. „Ich habe schnell gemerkt, dass ich einen guten Zugang über Musik zu den Schülern bekomme.“ Dies habe ihm auch beim Umgang mit einem Schüler aus Italien geholfen. Tögel sah den Jungen jeden Morgen am Bahnhof in Ludwigsburg sitzen. Er spielte auf seiner Ziehharmonika. Eines Tages sei er zu Tögel in den Unterricht gekommen – ein schwieriger Schüler. Kurzerhand kaufte Tögel sich eine Ziehharmonika und bat den Schüler aus Italien, ihm zu zeigen, wie man spielt. „Es war klar: Er war der Boss, ich der Schüler.“ Die Idee zur Brenz Band war geboren. Der Standort in der Brenzstraße gab der Gruppe den Namen.
Ablehnung durch die Nachbarschaft
Doch der Umgang mit Menschen mit Behinderung sei zu der Zeit schlicht unmöglich gewesen. „Die Nachbarn haben sich weggedreht, niemand hat gegrüßt. Wir haben eine absolute Ablehnung von allen Seiten erfahren“, berichtet der 83-Jährige. Die Nachbarschaft habe Angst gehabt, dass durch die Schule und die behinderten Menschen ihre Grundstückspreise sinken.
„Jetzt erst Recht“, habe Tögel sich gedacht und stattete seine Schüler mit Trommeln und Kazoos aus. „Jeden Tag marschierten wir zum Marktplatz nach Ludwigsburg und spielten dort.“ Mit der Zeit habe es immer mehr positive Erfahrungen mit den Ludwigsburgern gegeben. „Eine Frau hat eines Tages gefragt, wo denn der Volker sei“, berichtet er. „Diese Frau hat’s kapiert. Die fragt nach dem Mensch und nicht nach dem Behinderten.“ Erlebnisse wie diese ließen Tögel und seine Bandmitglieder immer weiter machen. Seit 1977 ist die Brenz-Band ein eingetragener Verein.
Die Band war UNESCO Sonderbotschafter
Aus 50 Jahren Bandgeschichte haben die Mitglieder einige lustige und außergewöhnliche Anekdoten zu erzählen. „Im Libanon fing ein Kaplan plötzlich an mich zu füttern“, erinnert sich Tögel. „Ich wusste erst gar nicht, was los ist. Das ist aber eine große Ehrenbezeichnung.“ Bis 2022 war die Band Sonderbotschafter der Unesco. „Das habe ich erst mitbekommen, als ich den Brief erhalten habe, dass dieser Status endet“, lacht Tögel.
„Auf unseren Reisen waren wir immer in den besten Hotels untergebracht“, berichtet Gerhard Rohl. Er spielt seit 2022 Bass, Dudelsack und Akkordeon in der Band. „Unsere Jungs wussten immer, wie sie sich zu benehmen hatten.“ Meist seien es die „Nichtbehinderten“ gewesen, die Probleme gemacht haben, erinnert sich der Bandkollege Jürgen Dietl. Er ist Hausmeister an der Schule am Favoritepark in Ludwigsburg und spielt seit 2000 Dudelsack in der Band.
„Wenn man mit Behinderten ankommt, wissen die Leute oft nicht, wie sie sich verhalten sollen“, sagt Dietl. Das wolle die Band bei ihren Auftritten ändern. „Wir machen Pausen und sorgen dafür, dass unsere Junge sich unter die Leute mischen. Dann haben die gar keine andere Wahl, als sich mit ihnen zu unterhalten“, sagt Tögel.
Alle werden auf Augenhöhe behandelt
Die meisten Mitglieder der Band haben das Downsyndrom. Aber auch Menschen mit anderen geistigen Einschränkungen seien vertreten. „Bei uns werden alle auf Augenhöhe behandelt.“ Das sei Tögel wichtig. „Die Jungs waren alle Wildwuchs. Bei uns haben sie gelernt, wie man sich benimmt und Verantwortung übernimmt.“ Über die Auszeichnung mit dem Bundesverdienstkreuz für seine Arbeit will Tögel nicht sprechen. „Das ist mir fast peinlich. Das Ding liegt irgendwo bei mir Zuhause rum“, sagt er. Auch das Landesverdienstkreuz sollte er in Schwetzingen verliehen bekommen. „Das wollte ich erst ablehnen.“ Da das nicht mehr ging, habe er verhandelt, dass es der gesamten Band verliehen werden soll. Beim Tag der deutschen Einheit durfte die Brenz Band das Land Baden-Württemberg gleich zweimal vertreten. Auch beim Sommerfest des ehemaligen Bundespräsidenten Host Köhler war die Band zu Gast. Köhler suchte das Gespräch mit einem der Musikanten. Was gesprochen wurde, bleibt bis heute ein Geheimnis. „Geht dich nichts an, hat er zu mir gesagt“, erinnert sich Tögel lachend.
Alle Mitglieder spielen ehrenamtlich. „Bei uns bekommt niemand Geld. Wir spielen auch oft, ohne dass Eintrittskarten verkauft werden“, sagt Dietl. Die Einnahmen spendet der Verein dann an sinnvolle Projekte. Häufig werden Instrumente für andere inklusive Bands gekauft. „Es ist wirklich erstaunlich, wie viele Menschen die Brenz Band im Hintergrund unterstützen“, so Rohl. Auch die Fotografen, die Bilder für die beiden Bücher gemacht haben, haben kein Geld dafür verlangt. Umso trauriger werden einige Fans sein, wenn die Band bald weniger Auftritte spielt. „Wir haben in all den Jahren etwa 2500 Auftritte gehabt. Ungefähr 50 pro Jahr“, sagt Tögel. Ein fester Termin im Kalender ist der Auftritt am Sonntag nach dem 6. Januar in der Kirche in Vaihingen an der Enz. „Dieses Jahr war es das 17. Mal“, sagt Rohl. „Da ist die Kirche so voll wie an Weihnachten.“ Diesen Auftritt wolle die Band weiterhin wahrnehmen. Sie sehe sich in Zukunft eher bei Auftritten mit Kaffee und Kuchen im Altenheim, nichts Offizielles. „Unser Schlagzeuger kann schon nicht mehr mitspielen. Wir wollen kein Mitleid erregen, wenn wir auf die Bühne gehen“, fasst Dietl die Gründe für den Schlussstrich zusammen. Die Erinnerungen bleiben.
Eine besondere Band
Repertoire
Die Band spielt alles, was ihr gefällt. Horst Tögel bezeichnet den Stil der Gruppe als „schwäbischen Cajun“. Von Mozart und Beethoven bis zu den Beatles ist alles dabei. Auch viele volkstümliche Stücke spielt die Brenz-Band ganz ohne Noten auf den unterschiedlichsten Instrumenten. Akkordeon, Dudelsäcke, Schlaginstrumente und ein Keyboard sind nur einige davon.
Proben
Zwischen dem Vorschlag eines neuen Stücks und dem Auftritt auf der Bühne vergeht nicht selten nur eine halbe Stunde. „Wir proben während des Auftritts“, sagt Gerhard Rohl. Jedes Mitglied kann Lieder vorschlagen, die es gerne spielen würde. So probieren kommen viele Musikrichtungen zusammen. Richtige Probestunden gibt es bei der Brenz-Band allerdings nicht.