Stuttgart - Kann es mehr Zufälle als diese geben? Marie-Louise Albeck hat nach mehr als 50 Jahren ihre Brieffreundin wiedergefunden. Es ist eine ungewöhnliche Geschichte. „Sie ermutigt, ein Ziel hartnäckig zu verfolgen, auch wenn es erst einmal ziemlich aussichtslos erscheint“, sagt Marie-Louise Albeck und erzählt sogleich von den 1960er Jahren. Damals hieß sie noch Marie-Louise Baral, war Schülerin im Stuttgarter Mädchengymnasium St. Agnes. Die Lehrkräfte hatten die Notre Dame High School Mount Pleasant in Liverpool kontaktiert, um Brieffreundinnen für ihre Schülerinnen zu finden. „Wer sich meldete, bekam eine Adresse“, so Albeck. Sie tauschte sich mit Dorothy Mealey rege über den Ärmelkanal hinweg aus. „Ohne Internet, E-Mail, Whatsapp oder Skype – per Brief, handschriftlich, mit Fotoabzügen in Schwarz-Weiß, später in Farbe, wenn es das Taschengeld erlaubte.“
Mehrere Wochen mit Ausflügen ans Meer
Eine innige Verbindung sei entstanden. Die beiden Mädchen berichteten sich von ihren Familien, Schulen, dem Alltag in ihren Ländern. Um sich zu treffen, klügelten die damals 15- und 16-Jährigen einen detaillierten Plan aus: Zunächst sollte Marie-Louise als Austauschschülerin nach Liverpool, auf dem Rückweg dann Dorothy mit nach Geislingen, wohin die Barals mittlerweile gezogen waren. Also flog am 27. Juli 1962 Marie-Luise von Frankfurt über London nach Liverpool – aufgeregt, erstmals im Flugzeug. Trotz Umsteigen und noch „dürftigem Schulenglisch“ klappte alles wunderbar. „Mehrere Wochen mit Ausflügen ans Meer, das ich vorher nie gesehen hatte.“ Sie sammelten Muscheln und aufregende Erinnerungen fürs Leben: Isle of Man, das von den Deutschen im Zweiten Weltkrieg zerstörte Coventry, wo just die neue Kathedrale eingeweiht worden war. Für Dorothys Vater, der als Fotograf Kataloge gestaltete, posierten beide als „Mannequins“. Ende August ging es nach Stuttgart. Über diesen besonderen „Exchange of Holidays“ wurde vorab in der Liverpooler Zeitung berichtet. Im Ländle wurde „schottisch“ in der Küche getanzt, Schwäbisch gelernt, das Ulmer Münster bestiegen, „um hinterher festzustellen, dass Papa gar keinen Film in seinem Fotoapparat hatte“.
Nach Bericht über Jürgen Klopp gibt es endlich eine Spur
Die Brieffreundschaft sei zunächst munter weitergegangen, so Marie-Louise, die mit der Heirat 1968 als Frau Albeck nach Sindelfingen zog. Doch irgendwann verlor man sich aus den Augen, beide hatten neue Aufgaben, beruflich und familiär. „Nie habe ich meine Dorothy vergessen, fragte mich, wie ihr Leben weiter verlaufen ist“, erinnert sich Albeck. Die Versuche, sie aufzuspüren, seien vor Zeiten des Internets erfolglos und frustrierend verlaufen. Doch dann sah sie Ende Juni 2020 zufällig einen Fernsehbeitrag über den FC Liverpool: Trainer Jürgen Klopp feierte die Meisterschaft mit seiner Mannschaft. Der zündende Funke! „Ich sprang auf, sagte zu meinem Mann, jetzt versuche ich nochmals, Dorothy zu finden.“ Als sie im Internet deren Mädchennamen eingab, kam sie auf die Homepage des „Liverpool Echo“, der über das Fußballereignis berichtete. Nach unten scrollend fand sie einen langen Artikel über einen – leider just an Covid-19 verstorbenen – prominenten Liverpooler. Der Nachruf auf den Fotografen, der die Beatles, Cilla Black, Sammy Davis jr. und andere Stars abgelichtet hatte: Bill Mealey. Sie erkannte ihren ‚Liverpooler Vater’ von 1962. „Ich traute meinen Augen kaum.“ Endlich eine Spur! Noch am selben Abend mailte sie dem Autor, hängte Fotos von sich und ihrer Familie an, bat um Hilfe, die Tochter Mealeys zu finden. „Alle zehn Minuten lief ich zum PC, aber es blieb still: eine endlose, nervige Warterei.“ Zwei Wochen später leitete sie einem anderen Reporter der Zeitung die Mail weiter mit der Bitte um Recherche. Am Tag danach, dem „16. Juli abends um 19.06 Uhr, kam die erlösende Antwort . . . ‚it’s me‘ von Dorothy persönlich“. Lachen, Weinen, Tanzen, Stillsitzen! „Ich hatte sie gefunden, nach über 50 Jahren, unglaublich“, erzählt Albeck freudestrahlend.
Liverpooler „Vater“ war der Beatles-Fotograf
Wiedersehens-Geburtstag auf Skype
Unglaublich auch, wie die Mail zu Dorothy kam. Der Journalist, der den Nachruf verfasst hatte, war bedauerlicherweise selbst kurz darauf gestorben. Seine Sekretärin fand die Mail im Nachlass und leitete sie an eine Kollegin weiter. Die erinnerte sich an einen Kollegen in Irland mit dem gleichen Nachnamen wie Dorothy. „Irrwitzig: Er ist ihr Vetter – und kontaktierte sie!“, sagt Marie-Louise. Zum Dank mailte sie Jürgen Klopp, ernannte ihn zu ihrem „Helden des Jahres“, weil er „durch den Sieg seiner Mannschaft Anlass zu meiner Recherche war“. Eine Antwort bekam sie nicht.
Auch Dorothy habe über die Jahre versucht, sie zu finden, mit dem Namen Albeck den Arbeitgeber ihres Mannes kontaktiert. Die Nachricht sei wohl untergegangen. Und nun? „Wir sind beide Mitte 70, es gilt, 50 Jahre aufzuholen – aber es ist, als wären wir nie getrennt gewesen.“ Dank Internet könnten sie sich nun fast täglich mailen, oft skypen. „Und wir telefonieren.“ Ihren Wiedersehens-„Geburtstag“ am 16. Juli feierten sie auf Skype. Das persönliche Wiedersehen? „Das steht in den Sternen, die Coronalage ist wenig hilfreich“, so Albeck. „Aber wir geben nicht auf.“