Brigitte Ortner (links) mit einer Freundin in den 70er Jahren in der Türkei. Foto: /Ortner
Der Sommer meines Lebens: Als Brigitte Ortner die Ausbildung zur Krankenschwester in der schwäbischen Provinz aufgeben muss, wird der Sommer 1970 zum Start in ein selbstbestimmtes Frauenleben vor dem Grundrauschen der Studentenrevolte.
Manchmal ist im kleinsten Raum Platz für die große Flatter. Im Sommer 1970 ist ein möbliertes Zimmerchen zur Untermiete, gleich hinter dem Ulmer Münster, für Brigitte Ortner dieser Raum. Das Fischerviertel mit seinen Kneipen und Jazzkellern ist gleich ums Eck, die Diskothek Hades, wo sie bald den geheimnisvollen Walter kennenlernen wird, auch. Und in der Uniklinik auf dem Eselsberg kann sie ab Herbst ihre Ausbildung zur Psychiatriekrankenschwester abschließen.
An diesem Ort, in diesem Sommer, vor dem Grundrauschen der 68er-Revolte, entwickelt, ach was, reißt sich die 18-Jährige aus jenen Fesseln, die das Leben jungen Frauen in den Nachkriegsjahrzehnten anlegte, ist die schwäbisch-dörfliche Enge ihrer Kindheit 45 endlose Kilometer weit weg. Verstehen wird sie das erst im Rückblick. So ist es doch oft mit dem Glück: Es streicht vorbei wie eine sachte Sommerbrise, die nur kurz die Armhärchen zittern lässt.
Das indische Kleid ist ihr ganz arg wichtig
54 Jahre später sitzt Brigitte Ortner an ihrem Esstisch in Kirchheim/Teck bei Kaffee und Nusszopf auf Blumengeschirr. Sie hat auf dem Laptop ein Foto von sich aus der Ulmer Zeit gefunden: Das braune Haar ist in der Mitte gescheitelt, die Wimpern sind hadesschwarz. Sie trägt ein Kleid mit indischen Schnörkeln bestickt. „Dass man mal so jung war!“, sagt sie und lacht. Später wird sie den Reif, der ihr heute blondes halblanges Haar bändigt, herausziehen. Es fällt ihr dann ins Gesicht wie ein feiner Perlenvorhang.
Schwarz getuschte Wimpern, langes, gescheiteltes Haar: Brigitte im Sommer 1970. Foto: Privat//Ortner
Das indische Kleid war ihr damals arg wichtig, überhaupt, was sie trug. Einen Anzug mit Schlaghosen zum Beispiel in Orange, den sie sich so lange gewünscht hatte, oder den pakistanischen Hosenrock in Lila. Eben einfach alles, was sich angeblich für ein Mädchen nicht schickte.
Brigitte Ortner (Jahrgang 1952) wächst im bayerisch-schwäbischen Offingen und Jettingen auf. Der Vater ist Sparkassendirektor einer Kleinstadtfiliale, er erzählt ständig vom Krieg als Gebirgsjäger in den Karpaten und auf der Krim. Die Mutter schafft in der Telefonvermittlung der Nato-Kaserne, in der eben noch die Wehrmacht marschierte. Erzkatholisch-konservatives Provinzmilieu ist das. Die Wohnzimmerschrankwand in deutscher Eiche begrenzt Bewegungsradien und Horizonte, dahinter ist schon die neun Kilometer entfernte Kreisstadt Günzburg eine unerreichbar weite Welt.
Es ist eine Zeit „wie hinter Hartwachs gegossen“ – so hat es die Autorin Marlene Streeruwitz (Jahrgang 1950) in einem Interview kürzlich beschrieben: „Die Unbeweglichkeit war grenzenlos.“
In ihrer Draußen-Kindheit der 50er Jahre spürt Brigitte diese Schranken nicht, als Backfisch in den 60ern aber nehmen ihr die Glaubenssätze der Eltern die Luft wie ein enges Korsett: „Ein Mädchen trägt keine Hosen“ – „Ein Mädchen trifft sich nicht mit Buben“ – „Mach uns bloß koi Schand!“ Auch durch ihre Klosterschule hallen solche Regeln: „Ein Mädchen pfeift nicht, sonst weint die Mutter Gottes im Himmel“ – „Sitzt gerade an der Stuhlkante, damit der Schutzengel hinter euch Platz hat“, sagen die Schwestern. Am Samstag marschieren die Internatsschülerinnen in Zweierreihe – eine Dominikanerin vornweg, eine hinterher – zum Fußballplatz Ettenbeuren, um den Buben bei ihrem ungestümen Spiel zuzusehen. Das war ihr Wochenend-Amüsement.
Unglaublich scheint Brigitte Ortner heute, wie Mädchen damals ins Leben gepresst wurden. Umso unausweichlicher, dass eine wie sie, in der die Freiheit drängte, aufmüpfig wurde. Zunächst mit Schuleschwänzen und schlechten Noten im Mittlere-Reife-Zeugnis. Als Krankenschwesternschülerin dann zeigt sie „maßleidiges Verhalten“, wie das heißt. Sie ist es leid, Maß zu halten.
Viele sitzen da wie erfroren, den Speichelfaden bis zum Kinn
1968 beginnt Brigitte mit 16 Jahren ihre Ausbildung in der Heil- und Pflegeanstalt Günzburg. Wie im Film „Einer flog übers Kuckucksnest“ müsse man sich die Zustände vorstellen, sagt sie. Ärzte und Schwestern stammen teilweise aus jener Zeit, als von hier aus die Tötungsanstalten der Nationalsozialisten beliefert wurden. Alles, was aus der Norm fällt, kommt dort zusammen. Schizophrene und Psychotische sind mit geistig Behinderten auf einer Station. 70-Betten-Schlafsäle, Elektroschocks und Schläge zur Bestrafung, Medikamente mit massiven Nebenwirkungen. Manche sitzen da wie erfroren, den Speichelfaden bis zum Kinn. Beim Ausgang werden Patienten in Geschirren vor einen Karren gespannt.
Die Schwesternschülerinnen leben in Zimmerchen im Haus 27, der Station der schwer chronisch Kranken. Sie sind eher bessere Putzfrauen denn Pflegekräfte, schrubben vollgekotete Betten, leeren Schweineeimer auf dem angeschlossenen Gutshof aus, schieben allein Nachtdienste bei den Kranken. Die schreien, schlagen, manchmal entblößen sie sich. „Wir waren schutzlos und überfordert“, sagt Brigitte Ortner. Um 22 Uhr schließt die Lehrschwester die Pforte ab. „Eine Schwesternschülerin geht danach nicht mehr aus.“ Und gleichzeitig glotzt der Herr Doktor, der auch auf dem Gelände wohnt, zu den jungen Frauen mit seinem Fernglas herüber.
Sie verteilt Flugblätter gegen die Zustände
Aber die 68er-Bewegung streckt von der nahen Unistadt Ulm ihre Finger aus. Junge Ärzte bringen ihre Ideen eines selbst gewählten Lebens und einer menschlichen Psychiatrie in die Kleinstadt. Brigitte und ein paar Freundinnen sind gleich dabei. Schleichen sich nachts in den verrufenen Club Traubenkeller und schwofen zu schwarzer Musik. Übernachten im Bahnhof. Auf dem Anstaltsgelände verteilen sie Flugblätter gegen die überkommenen Zustände.
Als sie erwischt wird, wie sie sich morgens zurück in Haus 27 schleichen will, fliegt Brigitte Ortner hochkant aus der Lehre. Ihr fehle die „moralische Voraussetzung“ für diesen Beruf, heißt es. Andere bayerische Anstalten werden angehalten, die junge Frau nicht anzustellen.
Diese Schand’ wird zur großen Chance. Im baden-württembergischen Ulm, an der Uniklinik, findet die Schülerin einen Ausbildungsplatz. Und spürt bald: Hier kann etwas anfangen. Sie sei damals nicht politisch gewesen, nicht frauenbewegt, vielleicht einfach nur unerbittlich jung. Der Zeitgeist öffnet Räume. Und Brigitte tritt einfach ein.
Heute lebt Brigitte Ortner in Kirchheim/Teck. Foto: Ines Rudel
Reisen in die Türkei, nach Portugal und Marokko wird sie in den kommenden Jahren unternehmen, den Wind im offenen Haar. Mit ihrem Freund Walter, den keiner so recht durchschaut, fährt sie 52 Stunden im Zug nach Istanbul, wo der „zu tun hat“. Er trifft sich mit Unbekannten. „Wenn ich nicht wieder komme, mach‘ keinem die Hoteltür auf“, sagt er. Später erfährt sie von einem Bekannten, dass Walter wohl Waffengeschäfte mit den Palästinensern machte. Ob’s wirklich stimmte? In jedem Fall ist es eine tolle Anekdote für diese wilde Zeit.
Auch beruflich ist es ein Umbruch. In der Ulmer Klinik für Psychosomatik tritt der Mensch hinter seiner Krankheit hervor. Die Sozialpsychiatrie, die damals aufkommt, stellt die Umstände, die ihn krank werden ließen, ins Zentrum, nimmt das Verhältnis zwischen Patient und Personal in den Blick. Niemand ist für sich alleine krank, der Mensch ein Produkt seiner Zeit und derer, die vor ihm litten. Und für die Schwestern gibt es Supervision. „Wir leerten jetzt nicht mehr nur Töpfe. Wir wurden ernst genommen, wir waren wichtig für die Genesung des Menschen“, beschreibt Brigitte Ortner das neue Selbstwertgefühl.
Von Ulm zieht sie weiter nach Heidelberg, Zürich, dann Tübingen – und wird jetzt doch noch politisiert. Sie liest Marx und Mitscherlich, sympathisiert mit der Marxistisch-Reichistische Initiative (MRI), sie stört Vorlesungen von alten Professoren, verehrt den Sozialpsychologen Peter Brückner, der die RAF-Terroristin Ulrike Meinhof bei sich aufnahm. Der Marsch durch die Institutionen, das ideologische Gerangel der Generationen tobt auch in ihrer Profession: Darf man Menschen überhaupt in Psychiatrien zwingen? Das Sozialistische Patientenkollektiv sieht in Abnormen Opfer des Kapitalismus.
Andere Glaubenssätze limitieren nun ein Frauenleben
Über so etwas diskutieren sie in Brigittes WG auf Sitzkissen im Zigarettendampf. Die hat sogar Türen – das ist nicht in allen Wohngemeinschaften so. Brigitte Ortner ist eine, die im Rückblick nichts verklärt. Natürlich wären manche Ideen zu extrem gewesen, hätten weiter Männer in den Kliniken die Regeln gemacht.
Und teilweise auch im Privaten: Das freie Liebesspiel etwa – möglich durch die Antibabypille und die Reform des Abtreibungsparagrafen 218 – ist manchmal gar nicht so frei. „Wer zwei Mal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.“ Das sind die neuen Glaubenssätze, die ein Frauenleben zu limitieren vermögen.
Aber Brigitte Ortner lässt sich von niemandem mehr ein Korsett anlegen, macht nicht bei allem mit. Ihre Grenzen setzt sie nur noch selbst. Und sie hat jetzt Ziele. Sie schließt eine sozialpsychiatrische Zusatzausbildung ab, sie macht auf dem Abendgymnasium Reutlingen ihr Abitur und studiert Psychologie. Bis 2015 arbeitet sie als Therapeutin, erst in der Psychiatrischen Klinik Plochingen, später im Christophsbad Göppingen mit Kindern- und Jugendlichen.
All das kann sie nicht ahnen in ihrem Ulmer Zimmerchen, in diesem Sommer 1970, als sie die Wimpern in Tusche taucht, das indische Kleid überstreift. Im Blick diesen trotzigen Lebenshunger, im Bauch ein brausepulveriges Glücksgefühl. Jetzt geht es los.