Brillen Die Visitenkarte sitzt mitten im Gesicht

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Das Brillengestell aus dem 3D-Drucker oder aus heimischem Holz – für jeden Geschmack und Geldbeutel gibt es Brillengestelle und mittlerweile auch die geeigneten Gläser für jeden Berufszweig.

Manuel Breit und Georg Vollmer lassen ihre Design aus dem 3D-Drucker. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Manuel Breit und Georg Vollmer lassen ihre Design aus dem 3D-Drucker. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Brillenschlange war gestern. Heute ist die Seh-Hilfe eine Art Visitenkarte mitten im Gesicht. Wenn schon Brille, dann richtig. Sogar auf dem Cat Walk schmücken sich Models mit Brille. „In Tokio habe ich Leute gesehen, die trugen Brillen ohne Gläser als modisches Accessoire wie einen Schal“, erzählt Hans Schneider, der Inhaber der „Sichtbar“.

Bei Optik-Kästner ist ein Gestell höchstens ein Jahr im Sortiment, dann wird es ausgemustert, sagt der stellvertretende Geschäftsführer Volker Höfer, denn Brille ist Mode. „Aber man muss davon unabhängig seinen Stil finden“, meint Kollege Schneider. Gerade bei ihm kommen modisch interessierte Kunden auf ihre Kosten, zum Beispiel mit der grün oder lila verspiegelten Pilotensonnenbrille, entworfen von Victoria Beckham. Und mit einer goldfarbenen Sonnenblende im Schmetterlingsstil lässt sich selbst eine seriöse Businessbrille zum extravaganten Hingucker aufpimpen.

Mehr noch als Kleider machen Brillen Leute: „Zu uns kommen junge Menschen und verlangen nach einem Design, das sie strenger aussehen lässt“, sagt Optiker Schneider. „Andererseits bevorzugen Lehrer Brillenmodelle, die nicht zu streng wirken.“ Tatsächlich ist die Vielfalt an Formen, Farben und Materialien – auch für Allergiker – riesengroß. Im Trend liegen runde Formen à la John Lennon und Woody Allen, allerdings aus ultraleichtem Kunststoff, und die Gestelle sind wieder kleiner.

Getönte Gläser ohne den Opa-Effekt

Bei den sogenannten Korrekturbrillen, aber auch bei Sonnenbrillen sind die Möglichkeiten der technischen Ausstattung für die Gläser „so vielseitig wie Brotsorten“, sagt Volker Höfer. Wieder entdeckt wurden jetzt die phototropen Gläser, die sich bei Helligkeit dunkel verfärben. „Aber heute sind sie ohne den Opa-Effekt“, fügt er lachend hinzu. Er selbst trägt sie. Die Umstellung geht jetzt viel schneller. 2015 kamen die Drive-Save-Gläser auf den Markt, die beim Fahren in der Dämmerung hilfreich sind, und mittlerweile haben die Optiker praktisch für jede Berufsgruppe spezielle Gläser im Sortiment: Die Businessbrille für die Arbeit am Bildschirm oder jene für den Musiker, der einen breiten Sichtbereich benötigt, um eine mehrseitige Partitur zu überblicken.

„Die Ansprüche ans Sehen sind heute sehr viel höher“, betont Schneider. „Selbst ein Lkw-Fahrer muss nicht mehr nur in die Ferne blicken, sondern sein Navi sehen, mobil erreichbar sein und seinen Fahrtenschreiber bedienen.“ Hinzu kommt, dass heute fast jeder zweite Europäer ab Mitte zwanzig durch die exzessive Nutzung elektronischer Medien kurzsichtig ist.

Maßanfertigungen aus dem 3D-Drucker

Viele Designer entwerfen inzwischen nur noch Unisexmodelle wie Georg Vollmer, der sich im Stuttgarter Westen mit seinem Label „Powder &Heat“ selbstständig gemacht hat. Wer sich für eines seiner Modelle entscheidet, bekommt eine Maßanfertigung für die individuelle Kopfgröße, die passgenaue Bügellänge und die richtige Stegbreite für die Nase. „Brillengestelle in unterschiedlichen Größen anzubieten, war bisher aus wirtschaftlichen Gründen nicht möglich. Wenn das Lieblingsmodell nicht gepasst hat, musste man auf ein anderes ausweichen“, sagt Vollmer. Mit dem 3D-Druckverfahren wird dies jetzt anders. Zusammen mit seinem Geschäftspartner Manuel Breit produziert er die Gestelle im 3D-Drucker. Dort wird die individuelle Konfiguration in ein Softwareprogramm überführt und das Gestell aus pulverisiertem Polyamid aufgebaut. 3300 Schichten werden nach und nach durch einen Laser ausgehärtet. Bis zu 100 solcher Maßanzüge fürs Gesicht können die beiden Jungunternehmer auf einmal und innerhalb von 24 Stunden produzieren. Danach werden die weißen Rohlinge geschliffen und gefärbt.

Zur Wahl stehen 16 Nuancen – bei den Sonnenbrillen sind es außerdem verschiedene Glastönungen. Die Gestelle sind extrem biegsam und stabil. Stolz sind Vollmer und Breit vor allem auf die Umweltfreundlichkeit ihres Verfahrens: „Wir haben keinen Verschnitt, und das restliche Pulver kann wiederverwendet werden“, betont Breit. „Da wir nur auf Anfrage produzieren, gibt es bei uns keine Restposten“, sagt Designer Vollmer. Der Preis der innovativen Sonnenbrillen ist allerdings nicht niedriger als der herkömmlicher Designermodelle: um die 200 Euro.

Naturliebhaber können sich Holz auf die Nase setzen

Neben derart leichten und robusten High-Tech-Materialien, Edelstahl, Horn oder dem Gestell ganz ohne Schrauben, findet auch der Naturfreund das Passende: So hat Optiker Schneider ein extrem biegsames Gestell aus Leder in den Regalen seiner „Sichtbar“. Gefragt ist auch Holz: Kirsche, Walnuss oder Wacholder verarbeitet Markus Messerschmidt aus Bad Boll und vertreibt diese Gestelle unter dem Label „Albtraufbrillen“. Eine Variante ist die zusätzliche Veredelung des Pappelholzrahmens mit schimmerndem Schiefer. „Die Holzbrille ist allerdings nichts für jemanden, der in einer Werkstatt arbeitet“, sagt der Firmenchef und weist auf das Markenzeichen der Albtraufbrillen hin. Neben dem Material, ist es die Fertigung: „100 Prozent Baden-Württemberg.“

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