Brillen für Kinder Wenn zu viel Lesen schadet

Von Gerlinde Felix 

Immer mehr Kinder und Jugendliche sind kurzsichtig. Das kann zum Risiko für Folgeerkrankungen werden. Was lässt sich tun, damit das Leiden nicht immer schlimmer wird?

In 90 Prozent der Fälle beginnt die Kurzsichtigkeit bei Kindern und Jugendlichen  im Alter zwischen acht und 15 Jahren. Foto: esthermm / Adobe Stock
In 90 Prozent der Fälle beginnt die Kurzsichtigkeit bei Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen acht und 15 Jahren. Foto: esthermm / Adobe Stock

Stuttgart - Wie viele Menschen sind kurzsichtig? Weltweit werden immer mehr Menschen kurzsichtig: Schätzungen zufolge werden es 2050 fünf Milliarden Menschen sein. Die Myopie, so der medizinische Fachbegriff, ist die Folge eines zu langen Augapfels oder eines zu hohen Brechwertes der Augenlinse. Weiter entfernte Gegenstände werden daher nicht scharf gesehen. In 90 Prozent der Fälle beginnt die Kurzsichtigkeit zwischen acht und 15 Jahren. Sie führt im Erwachsenenalter meist zu Dioptriewerten zwischen minus 3 und minus 6. Eine hohe Myopie von minus 6 Dioptrien und mehr erhöht aber das Risiko für eine Netzhautablösung, ein Glaukom, den Grauen Star oder eine Makuladegeneration deutlich. Es ist daher wichtig, regelmäßig die Augen untersuchen zu lassen – am besten bereits im Kindesalter. Was Sie hierzu wissen sollten:

Welche Faktoren begünstigen Kurzsichtigkeit?

Welche Faktoren begünstigen Kurzsichtigkeit? Wenn Sie kurzsichtig sind, kann die Neigung hierzu teilweise vererbt sein. „Betroffene Angehörige ersten Grades erhöhen das Risiko für Kurzsichtigkeit. In Relation zu anderen verhaltensbedingten Einflussfaktoren wie zu wenig Tageslicht und lange Naharbeit spielen die Gene aber eine geringere Rolle“, sagt Focke Ziemssen, Oberarzt an der Universitäts-Augenklinik Tübingen. Die jetzt im Fachblatt „Nature Genetics“ publizierten Ergebnisse einer genomweiten Assoziations-Metaanalyse mit mehr als 160 000 Teilnehmern belegt die große Bedeutung des Tageslichtes im Zusammenhang mit einer Kurzsichtigkeit. Ein ähnliches Ergebnis hatte vor zwei Jahren auch die Gutenberg-Gesundheitsstudie der Universitätsmedizin Mainz geliefert. Tageslicht hemmt das weitere Wachstum des Augapfels und beugt so einer fortschreitenden Myopie vor. Helles Licht fördert nämlich die Freisetzung des Botenstoffs Dopamin in der Netzhaut. So verhindert es, dass der Augapfel zu sehr in die Länge wächst. Wer seinen Kindern etwas Gutes tun will, sollte deshalb dafür sorgen, dass sie viel Zeit im Freien verbringen. An hellen Sonnentagen beträgt die Lichtstärke im Freien etwa 100 000 Lux, drinnen sind es gerade mal 300 bis 500 Lux.
Wie schädlich sind Smartphone, Tablet undBücherlesen?

Wie schädlich sind Smartphone, Tablet und Bücherlesen?

Die Naharbeit ist neben der Lichtexposition ein weiterer wichtiger Faktor. Wer viel Zeit bei künstlichem Licht oder Schummerlicht verbringt und mit einem Abstand von 30 Zentimetern oder weniger lange auf Buch, Smartphone, Tablet oder Computerbildschirm blickt, wird immer kurzsichtiger. Aus der Mainzer Gutenberg-Gesundheitsstudie ist bekannt, dass die Anzahl der Bildungsjahre das Risiko für Kurzsichtigkeit erhöht. Eine aktuelle Studie im „British Medical Journal“ kommt zum gleichen Ergebnis. Wer viele Jahre in der Schule verbringt, hat also ein erhöhtes Risiko für Kurzsichtigkeit. In Singapur, bekannt für sein exzellentes Bildungssystem, sind 85 Prozent der 15-Jährigen kurzsichtig. Die Studienautoren fordern daher Änderungen im Bildungssystem.

Was ist problematischer – Smartphone oder Buch?

Was ist problematischer: Smartphone oder Buch? Es gibt keine Studien, die einen Zusammenhang von Smartphone und Myopie belegen. „Was das Nahsehen anbelangt, kann Lesen problematischer sein als das Smartphone, weil der Leseabstand, sofern das Buch spannend ist, über längere Zeit zumeist gleich bleibt“, so der Neurobiologe Frank Schaeffel vom Uniklinikum Tübingen. Beim Smartphone würden die Leute dagegen immer wieder aufschauen und in die Ferne blicken. Darüber hinaus wird das Augenwachstum stark von der Bildschärfe im peripheren Gesichtsfeld gesteuert. Wenn man auf ein kleines Ziel wie ein Smartphone schaut, liegen die Gegenstände im umgebenden Gesichtsfeld in der Ferne. So werden sie vor der Netzhaut scharf abgebildet. Das sollte das Augenlängenwachstum hemmen. Laut Schaeffler haben Tierversuche gezeigt, dass die Netzhaut erkennt, in welcher Ebene das scharfe Bild liegt. Liegt es vor der Netzhaut, lässt sie das Auge langsamer wachsen – und schneller, wenn es dahinter liegt.
Was ist Eltern zu raten? Eine bestehende Kurzsichtigkeit ist nicht umkehrbar, aber ihr Fortschreiten lässt sich bremsen. Tageslicht ist dabei die beste Therapie – sogar dann, wenn beide Eltern kurzsichtig sind und die Kinder viel lesen. „Kinder und Jugendliche müssen deshalb mehr Zeit draußen verbringen, am besten mindestens 1,5 bis zwei Stunden täglich“, sagt Ziemssen. Das Risiko einer Kurzsichtigkeit sinke so um bis zu 60 Prozent. „Mit dieser Risikoreduktion kann auch die Zahl stark kurzsichtiger Menschen, also jener mit mehr als sechs Dioptrien, deutlich verringert werden“, ergänzt Schaeffel. Wer gerne liest, sollte dies am besten im Freien tun.

Was ist Eltern zu raten?

Ist Atropin eine Therapieoption?

Ist Atropin eine Therapiemöglichkeit?
Ist das Kind zwischen sechs und 15 Jahre alt? Verschlechtert sich seine Kurzsichtigkeit um mindestens eine Dioptrie pro Jahr? Dann können möglicherweise niedrig dosierte Atropin-Augentropfen (weniger als 0,01 Prozent Atropin) einer Zunahme der Kurzsichtigkeit entgegenwirken. Atropin bewirkt, dass die kindliche oder jugendliche Netzhaut vermehrt Dopamin freisetzt. Der Botenstoff beschränkt das Längenwachstum des Augapfels. Da Atropin die Pupillen etwas weitet und die Augen lichtempfindlicher macht, sollte man die Tropfen abends verwenden. Die niedrige Dosierung ist sehr wichtig, denn bei höheren Dosierungen von 0,1 bis ein Prozent Atropin nimmt nach Behandlungsende die Kurzsichtigkeit stärker zu als ohne Behandlung. Die Tropfen werden zwar für diese Therapie bereits eingesetzt, sind aber dafür noch nicht zugelassen. Es gibt bis dato keine Langzeitbeobachtungen. „Das sollten Eltern unbedingt wissen“, sagt Schaeffel.

Multifokal-Brillengläser und Multifokal-Kontaktlinsen gegen Kurzsichtigkeit?

Was bringen Multifokalgläser und Multifokalkontaktlinsen? Multifokale Brillengläser und Kontaktlinsen können Studien zufolge ebenfalls das Längenwachstum verlangsamen. „Dabei wird simultan zur scharfen Abbildung beim Sehen in die Ferne eine zweite Abbildung vor der Netzhaut erzeugt. Sie spielt dem Auge vor, es sei bereits zu lang. Entsprechend erzeugt die Netzhaut Signale zur Hemmung des Augenwachstums“, erklärt Schaeffel. Eine andere propagierte Methode zur Hemmung der Kurzsichtigkeit sind formstabile Kontaktlinsen (Ortho-K). Sie werden nachts getragen und flachen dabei die Hornhaut ab. Dadurch ist am nächsten Tag die Ebene der scharfen Abbildung im Auge etwas nach hinten versetzt, was die Kurzsichtigkeit geringfügig verkleinert. Das nächtliche Tragen von Kontaktlinsen erhöht allerdings das Risiko einer Hornhautinfektion.